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Zoll-Zirkus USA: Eintritt frei, Rechnung bitte selbst zahlen

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Zoll-Zirkus USA: Eintritt frei, Rechnung bitte selbst zahlen

In den Vereinigten Staaten hat sich ein neues Volksspiel etabliert. Es heißt: „Wer zahlt eigentlich die Zölle?“ Die Regeln sind einfach, das Ergebnis überraschend eindeutig und der Spielleiter heißt Donald Trump. Er erklärt mit fester Stimme, dass andere Länder die Rechnung übernehmen. Das Publikum nickt. Die Rechnung kommt. Und landet – Trommelwirbel – im eigenen Briefkasten.

Zölle wurden als wirtschaftliche Geheimwaffe angekündigt. Als eine Art finanzpolitischer Ninja: lautlos, präzise, tödlich für ausländische Exporteure. In der Realität entpuppten sie sich eher als selbstfahrender Einkaufswagen, der mit voller Geschwindigkeit gegen das eigene Schienbein rollt. Mit Anlauf. Und Quittung.

Die Grundidee war schnell erklärt: Man erhebt Strafzölle, andere zahlen, Amerika gewinnt. Ein Deal, so schön, dass er auf jede Baseballkappe passt. Doch irgendwo zwischen Ankündigung und Kassenbon passierte etwas Unerwartetes: Ausländische Firmen zuckten mit den Schultern, erhöhten ihre Preise nicht nach unten – und lieferten einfach weniger. Amerikanische Importeure hingegen öffneten ihre Geldbörsen wie brave Steuerzahler und zahlten, was auf dem Schild stand. Verbraucher schauten auf die Preisschilder und lernten ein neues Wort: Überraschung.

Inzwischen haben Zahlen dieses Spiel gründlich ruiniert. Forscher fanden heraus, dass fast die komplette Zolllast von amerikanischen Unternehmen und Konsumenten getragen wird. Nicht 50 Prozent. Nicht „ein bisschen mehr als gedacht“. Sondern fast alles. Der Rest ist statistisches Trinkgeld. Wer also wissen wollte, wie sich eine staatlich verordnete Preissteigerung anfühlt, bekam eine Live-Demonstration – inklusive Applaus vom Präsidenten.

Besonders eindrucksvoll ist der finanzielle Kreislauf: Der Staat erhebt Zölle, nimmt Milliarden ein und erklärt stolz, wie erfolgreich die Maßnahme sei. Diese Milliarden stammen jedoch aus höheren Preisen, geringerer Auswahl und sinkenden Margen für amerikanische Firmen. Es ist eine Art wirtschaftliches Perpetuum mobile, bei dem man sich selbst Geld aus der Tasche zieht, es einmal durch den Staatshaushalt trägt und sich dann dafür feiert. Ein genialer Trick, den sonst nur Casinos beherrschen.

Die Zölle wirken dabei wie eine exklusive Konsumsteuer mit patriotischem Etikett. Wer importierte Waren kauft, zahlt mehr. Wer sie verkauft, verdient weniger. Wer sie braucht, hat Pech. Vielfalt im Angebot? Wird überbewertet. Auswahl ist schließlich etwas für Länder ohne Handelskonflikt. Stattdessen gibt es weniger Produkte zu höheren Preisen – eine Kombination, die man sonst nur von Flughäfen kennt.

Besonders spannend wurde es, als die Zollsätze gegen einzelne Länder plötzlich drastisch erhöht wurden. Fünfzig Prozent. Eine Zahl, die signalisiert: „Wir meinen es ernst, auch wenn wir nicht genau wissen, womit.“ Die Erwartung: Ausländische Firmen würden nervös werden, Preise senken, sich entschuldigen. Die Realität: Sie lieferten weniger Ware und suchten sich andere Kunden. Die Preise blieben gleich. Das Volumen verschwand. Der Effekt war ungefähr so, als würde man einem Restaurant mit Strafgebühren drohen – woraufhin es einfach früher schließt.

Forscher verglichen Lieferungen in die USA mit Lieferungen nach Europa und Kanada. Das Ergebnis war ernüchternd für alle Fans der Zollfantasie. Die Menge schrumpfte deutlich, die Preise blieben stabil. Ausländische Exporteure verzichteten lieber auf Geschäft, als sich an einem Zollwettbewerb zu beteiligen, den sie ohnehin nicht gewinnen konnten. Billiger wurde nichts, außer die Ausrede, dass „die anderen zahlen“.

Für amerikanische Unternehmen bedeutet das sinkende Margen. Für Verbraucher höhere Preise. Für Politiker eine Herausforderung: Wie erklärt man, dass eine Maßnahme, die als Schutz gedacht war, sich wie eine Rechnung mit Trinkgeldpflicht anfühlt? Die Antwort lautet meist: gar nicht. Stattdessen wird erklärt, dass es langfristig gut sei. Sehr langfristig. So langfristig, dass man es vielleicht nicht mehr merkt.

Die Ironie liegt darin, dass all dies inzwischen nicht mehr auf Meinungen beruht, sondern auf sehr handfesten Daten. Millionen von Lieferungen, Billionen Dollar Handelswert, akribisch ausgewertet. Die Zahlen sagen unmissverständlich: Der Mythos vom zahlenden Ausland hält der Realität ungefähr so stand wie ein Papierschirm im Orkan. Das bestätigt auch das Kiel Institut für Weltwirtschaft, das sich die Mühe machte, den Zollzauber einmal auseinanderzunehmen – mit Tabellen statt Parolen.

Global betrachtet ist das Ergebnis fast schon poetisch. Die USA zahlen mehr, exportierende Länder verkaufen weniger, alle suchen neue Märkte, niemand ist glücklich. Ein Handelskrieg ohne Gewinner, dafür mit hohem Unterhaltungswert. Die Zölle sollten Stärke demonstrieren, sie demonstrieren nun vor allem eines: wie teuer es werden kann, wenn man Wirtschaftspolitik mit einem Lautsprecher verwechselt.

Am Ende bleibt ein Lehrstück moderner Ökonomie. Zölle sind kein magischer Geldautomat, sondern eher ein Spiegel. Man schaut hinein, ruft „Die anderen zahlen!“ – und sieht sich selbst an der Kasse stehen. Mit Kreditkarte. Und einem Präsidenten im Hintergrund, der erklärt, das sei der beste Deal aller Zeiten.