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Politik

Der Film, den er nie sah: Verantwortung nach dem Trailer-Prinzip

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Der Film, den er nie sah: Verantwortung nach dem Trailer-Prinzip

In der modernen politischen Kommunikation gibt es eine neue Königsdisziplin: Dinge verbreiten, ohne sie zu kennen. Donald Trump hat diese Kunst nun auf ein neues Level gehoben. Ein Video taucht auf seinem eigenen Account auf, sorgt für weltweites Kopfschütteln – und der Präsident erklärt, er kenne den Film nicht. Er habe nur den Anfang gesehen. Der Rest sei ihm entgangen. Verantwortung ebenfalls.

Man muss sich das bildlich vorstellen: Ein Präsident sitzt vor seinem Smartphone, scrollt durch Videos, nickt kurz, denkt „Sieht gut aus“, und drückt auf „Teilen“. Was danach passiert, ist nicht mehr sein Problem. Schließlich gilt in dieser Logik: Wer nur den Trailer sieht, haftet nicht für den Abspann. Und wer nur postet, ist nicht automatisch beteiligt.

Das Video verschwand später wieder. Aber nicht, weil es falsch war. Sondern weil es falsch verstanden wurde. Oder weil ein Mitarbeiter etwas falsch gemacht hat. Oder weil andere überreagiert haben. Die Begründungen wechseln schneller als die Ausreden, bleiben aber immer im selben Themenpark: Ich war’s nicht, ich hab’s nicht gesehen, und außerdem bin ich der am wenigsten problematische Mensch im Raum.

Besonders eindrucksvoll ist dabei Trumps Selbstbeschreibung als „am wenigsten rassistischer Präsident seit Langem“. Das ist eine Formulierung, die ganz neue Maßstäbe setzt. Sie funktioniert wie ein Sonderangebot: Nicht komplett frei von allem, aber deutlich günstiger als die Konkurrenz. Rassismus light, sozusagen. Weniger Kalorien, gleicher Geschmack.

Auf Nachfragen bleibt Trump standhaft. Keine Entschuldigung. Warum auch? Man entschuldigt sich schließlich nicht für Dinge, die man nicht gesehen hat. Und selbst wenn man sie gesehen hätte – man hätte sie ja nicht so gemeint. Und selbst wenn man sie so gemeint hätte – andere hätten sie falsch verstanden. Ein Argumentationskarussell, das sich selbst antreibt und niemals anhält.

Die Erklärung, er habe nur den Anfang des Videos gesehen, ist dabei ein kommunikativer Geniestreich. Sie entlastet gleich mehrfach. Erstens: Unwissenheit. Zweitens: Distanz. Drittens: Empörung auf Verdacht. Ihm gefalle das, was am Ende gewesen sein könnte, vermutlich auch nicht. Aber er könne dazu nichts sagen. Er war ja nicht dabei. Das Video schon, er nicht.

Auf die Frage, ob er rassistische Inhalte verurteile, folgt ein klares „Natürlich“. Dieses „Natürlich“ steht dabei allein im Raum, ohne weitere Konsequenzen. Es ist ein moralisches Feigenblatt, das man kurz hochhält, bevor man es wieder einsteckt. Verurteilung ohne Verantwortung – ein Klassiker der politischen Rhetorik.

Das Weiße Haus versuchte zwischenzeitlich, das Ganze als harmlosen Internetwitz zu verkaufen. Ein Meme. Humor. Ironie. Allegorie. Der Präsident als Dschungelherrscher, politische Gegner als Tiere. Alles ganz spielerisch. Wer das problematisch findet, sei überempfindlich. Eine Argumentation, die voraussetzt, dass Geschichte, Kontext und Wirkung optional sind.

Als diese Verteidigung nicht verfing, kam Phase zwei: der Mitarbeiter. Er war es. Er habe den Beitrag fälschlicherweise veröffentlicht. Der Mitarbeiter ist inzwischen zu einer festen Figur in der politischen Folklore geworden. Er taucht immer dann auf, wenn Verantwortung unangenehm wird. Ein moderner Sündenbock mit Login-Daten.

Dass das Video in einen Beitrag eingebettet war, der sich mit angeblichen Wahlmanipulationen befasste, ist dabei fast schon eine Randnotiz. Schließlich gehört dieses Thema ohnehin zum Dauerinventar. Es ist wie Hintergrundmusik in einem Restaurant: Man hört sie ständig, weiß aber nicht mehr genau, seit wann sie läuft.

Besonders bemerkenswert ist die Gelassenheit, mit der Trump den Vorfall abmoderiert. Empörung? Übertrieben. Kritik? Gespielt. Konsequenzen? Unnötig. Die Welt möge sich bitte wichtigeren Dingen widmen. Welche das sind, bleibt offen. Vermutlich jene, bei denen keine Verantwortung übernommen werden muss.

Selbst Kritik aus den eigenen Reihen ändert daran nichts. Wenn sogar Parteifreunde von einem Tiefpunkt sprechen, ist das normalerweise ein Moment zum Innehalten. In diesem Fall ist es eher ein weiteres Geräusch im Hintergrund. Ein weiteres Fenster, das man schließt, während man behauptet, es sei nie offen gewesen.

Die eigentliche Pointe dieser Geschichte liegt jedoch nicht im Video selbst, sondern in der Reaktion darauf. Nicht der Inhalt ist entscheidend, sondern die Methode. Erst teilen. Dann abstreiten. Dann relativieren. Dann delegieren. Und am Ende erklären, man habe alles richtig gemacht.

So entsteht eine politische Parallelwelt, in der Verantwortung nur greift, wenn man sie ausdrücklich akzeptiert. In der Entschuldigungen als Schwäche gelten. Und in der man Dinge sehen kann, ohne sie gesehen zu haben – und teilen kann, ohne sie zu kennen.

Der Beitrag ist gelöscht. Der Schaden bleibt. Und der Präsident fliegt weiter durch die Welt, erklärt im Regierungsflieger, dass er nichts falsch gemacht hat, und wundert sich vermutlich, warum alle so aufgeregt sind.

Vielleicht liegt das Problem ja tatsächlich darin, dass zu viele Menschen zu genau hinschauen. Man hätte den Clip einfach nicht bis zum Ende sehen sollen. Dann wäre alles halb so schlimm gewesen