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Abrisskommando gegen die Vergangenheit – Wie man Geschichte mit dem Laubbläser ordnet

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Abrisskommando gegen die Vergangenheit – Wie man Geschichte mit dem Laubbläser ordnet

In Philadelphia, jener ehrwürdigen Stadt, in der einst über Freiheit, Verfassung und andere große Dinge nachgedacht wurde, spielte sich kürzlich ein Schauspiel ab, das selbst Historiker kurz den Staub von ihren Perücken pustete. Eine Ausstellung über Sklaverei – mitten am Ort, an dem der erste Präsident der Vereinigten Staaten wohnte – wurde entfernt. Einfach so. Tafeln weg, Videos weg, Vergangenheit bitte einmal neu sortieren.

Der Ort ist kein beliebiger: das damalige Presidential House. Dort residierte der erste Präsident, während die junge Republik noch ihre Möbel sortierte. Und dort lebten auch neun versklavte Menschen. Genau daran erinnerte die Ausstellung. An Freiheit – und daran, dass sie nicht für alle galt.

Doch plötzlich wurde aufgeräumt. Offiziell im Namen von „Wahrheit“ und „Verstand“. Eine bemerkenswerte Kombination, denn meist geraten genau diese beiden Begriffe ins Schwitzen, wenn man beginnt, sie politisch zu definieren.

Das Dekret, das als Hintergrund für den Abbau vermutet wird, wollte angeblich die amerikanische Geschichte von „spaltenden Ideologien“ befreien. Man könnte meinen, die Vergangenheit sei ein Wohnzimmer, in dem ein besonders heikler Couchtisch entfernt werden muss, weil er die Harmonie stört.

Stattdessen wurde die Harmonie juristisch gestört. Eine Richterin entschied, dass die Regierung nicht befugt sei, historische Tatsachen nach Belieben zu entfernen oder zu retuschieren. In ihrem Urteil griff sie sogar zu literarischer Verstärkung und erinnerte an einen dystopischen Roman, in dem ein „Ministerium für Wahrheit“ die Realität neu arrangiert. Ein subtiler Hinweis, dass das Umschreiben von Geschichte selten als Wellnessprogramm endet.

Man stelle sich das Szenario vor: Ein Team mit Klemmbrettern steht vor einer Tafel, liest über Sklaverei im Haushalt eines Nationalhelden und sagt: „Das passt heute nicht ins Konzept. Können wir stattdessen etwas mit mehr Glanz einsetzen?“ Vielleicht ein Zitat über Tugend. Oder eine besonders heroische Silhouette im Sonnenuntergang.

Die Ironie ist kaum zu übersehen. Der erste Präsident, Symbol für Freiheit und Selbstbestimmung, lebte in einem Haus, in dem Unfreiheit alltäglich war. Das ist kein Geheimnis, sondern Teil der historischen Realität. Kompliziert? Ja. Unbequem? Sicher. Aber gerade deshalb aufschlussreich.

Doch offenbar gibt es ein wachsendes Bedürfnis, Geschichte wie ein Instagram-Feed zu kuratieren: nur die besten Momente, keine Schatten, möglichst viele Likes. Alles andere gilt als „zu kontrovers“ oder „zu spaltend“.

Philadelphia wehrte sich. Die Stadt klagte gegen den Abbau. Sie argumentierte, dass Stolz auf die Gründungsideale nicht bedeute, die Widersprüche auszublenden. Stolz könne auch heißen, die ganze Geschichte zu erzählen – inklusive der Kapitel, die nicht mit Fanfarenmusik beginnen.

Die Richterin sah das ähnlich. In ihrem Urteil klang es fast so, als müsse sie erklären, dass Geschichte kein Möbelstück ist, das man bei Bedarf austauscht. Sie machte deutlich, dass staatliche Stellen nicht nach Belieben historische Darstellungen löschen oder verändern dürfen. Ein Satz, der so selbstverständlich wirkt, dass man sich fragt, warum er überhaupt ausgesprochen werden musste.

Man könnte die Situation auch so beschreiben: Während einige versuchten, die Vergangenheit mit einem Laubbläser freizupusten, hielt das Gericht dagegen und sagte: „Die Blätter gehören dazu.“

Die politische Dimension ist nicht zu übersehen. Kulturinstitutionen stehen unter Beobachtung. Museen werden geprüft, Ausstellungen hinterfragt, Inhalte neu bewertet. Die Frage lautet nicht mehr nur: Was ist historisch korrekt? Sondern auch: Passt es ins aktuelle Narrativ?

Dabei ist Geschichte selten bequem. Sie besteht aus Fortschritt und Fehltritten, aus Idealismus und Heuchelei. Sie ist ein Puzzle mit glänzenden und dunklen Teilen. Wer nur die hellen Stücke legt, bekommt ein sehr freundliches, aber ziemlich unvollständiges Bild.

Besonders reizvoll ist der Gedanke, Geschichte ließe sich per Anordnung neu kalibrieren. Als wäre sie ein Software-Update: „Version 2.0 – jetzt mit weniger Konflikt und mehr Patriotismus.“ Leider hat die Vergangenheit keinen Reset-Knopf.

Die Entscheidung der Richterin gilt zunächst vorläufig. Doch sie setzt ein Signal: Historische Erinnerung ist kein politischer Spielplatz. Sie gehört der Öffentlichkeit – und damit auch den Gerichten, wenn es um ihre Verteidigung geht.

Am Ende stehen wieder Tafeln in Philadelphia, die daran erinnern, dass selbst Ikonen in einer Welt voller Widersprüche lebten. Besucher werden lesen, diskutieren, vielleicht die Stirn runzeln. Und vielleicht begreifen, dass nationale Größe nicht aus makelloser Vergangenheit entsteht, sondern aus der Fähigkeit, sich ihr ehrlich zu stellen.

Die größte Pointe dieses Kapitels liegt darin, dass ausgerechnet im Namen der „Wahrheit“ versucht wurde, Teile der Realität zu entfernen. Es ist, als würde man behaupten, ein Spiegel sei verzerrt – und ihn deshalb abhängen.

Doch Spiegel sind hartnäckig. Und Geschichte ebenso. Sie bleibt, auch wenn man ihre Schilder abschraubt. Und manchmal braucht es nur eine Richterin mit literarischem Gedächtnis, um daran zu erinnern, dass Unwissenheit noch nie Stärke war – selbst wenn es jemand gern so hätte.