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Transatlantische Wahlkampfhilfe – Wenn Erfolg exportiert wird wie Mais und Moral

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Transatlantische Wahlkampfhilfe – Wenn Erfolg exportiert wird wie Mais und Moral

Budapest erlebte kürzlich eine jener Pressekonferenzen, bei denen der Händedruck länger dauert als die Fragen der Journalisten. Der amerikanische Außenminister stand neben dem ungarischen Regierungschef, lächelte in Richtung Kameras und erklärte mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass jedes Wort Gewicht hat: Der Triumph des Gastgebers sei zugleich ein Triumph der Vereinigten Staaten.

Das ist eine bemerkenswerte Konstruktion. Man stelle sich vor, bei der nächsten Kommunalwahl in Buxtehude erscheint ein internationaler Spitzenpolitiker und verkündet: „Euer Bürgermeister ist auch mein Bürgermeister.“ Das hätte Charme – und vermutlich eine spontane Bürgerversammlung.

Doch hier geht es um größere Dimensionen. Ungarn wählt im April ein neues Parlament. Der seit vielen Jahren regierende Ministerpräsident, politisch erprobt und rhetorisch geübt, sieht sich ungewohntem Gegenwind ausgesetzt. Umfragen flüstern Dinge, die Amtsinhaber nicht gern hören. Die Opposition wittert Morgenluft. In solchen Momenten ist internationale Zuneigung ein besonders dekoratives Accessoire.

Die Botschaft aus Washington klang wie ein politisches Hochzeitsgelübde: Man stehe fest an der Seite des Partners, man wünsche ihm Erfolg, man glaube an gemeinsame Ziele. Erfolg wird hier zu einer Art Gemeinschaftseigentum – wie ein transatlantischer Topf, in den beide Seiten ihre Hoffnungen werfen.

Besonders faszinierend ist die Logik dahinter. Wenn Ungarn gewinnt, gewinnt Amerika. Wenn Amerika gewinnt, gewinnt Ungarn. Rein rechnerisch müssten dann beide dauerhaft gewinnen – eine politische Perpetuum-mobile-Maschine. Vielleicht sollte man diese Formel patentieren.

Der ungarische Regierungschef selbst bezeichnet sich gern als Freund des amerikanischen Präsidenten. Freundschaften in der internationalen Politik sind allerdings selten spontane Grillabende, sondern eher strategische Zweckbündnisse mit gelegentlichen Selfies. Man teilt Ansichten, Positionen, manchmal auch ein bestimmtes Verständnis von Souveränität.

Diese Souveränität wiederum ist ein Lieblingswort in Budapest. Es wird ausgesprochen wie ein Zauberspruch, der nationale Unabhängigkeit und politische Eigenständigkeit zugleich beschwört. Dass dabei die Beziehungen nach Osten pragmatisch gepflegt werden, während viele europäische Partner eher die Stirn runzeln, gehört zum gewohnten Spannungsfeld.

Ungarn hält an energiewirtschaftlichen Verbindungen fest, die anderswo kritisch gesehen werden. Das Land navigiert zwischen geopolitischen Polen mit einer Gelassenheit, die Kritiker als riskant bezeichnen und Befürworter als klug. In dieser Gemengelage wirkt der Besuch aus Washington wie eine zusätzliche Sicherung – oder zumindest wie eine warme Umarmung vor der Wahlurne.

Die innenpolitische Bühne ist allerdings alles andere als geräuschlos. Der Oppositionsführer erhebt Vorwürfe, spricht von unlauteren Methoden und schmutzigen Tricks. Die politische Atmosphäre erinnert eher an ein Finale im Stadion als an einen höflichen Debattierclub.

Und genau in diesem Moment tritt der amerikanische Gast ans Rednerpult und erklärt: Euer Erfolg ist auch unserer. Man könnte fast meinen, Wahlkampf sei neuerdings ein Exportgut – neben Mais, Technologie und politischer Beratung.

Natürlich ist Diplomatie kein Ponyhof. Staaten verfolgen Interessen. Unterstützung wird nicht zufällig ausgesprochen. Sie ist Signal, Botschaft und manchmal auch subtiler Hinweis an andere Akteure: Wir beobachten genau, wie sich hier die Dinge entwickeln.

Der humorvolle Kern dieser Szene liegt in ihrer Unverblümtheit. Es ist, als würde ein Trainer vor einem Spiel in der gegnerischen Kabine auftauchen und sagen: „Euer Sieg ist auch mein Sieg – ich drücke euch ganz fest die Daumen.“ Das erzeugt Bewunderung, Irritation oder beides zugleich.

Die Wählerinnen und Wähler in Ungarn werden am Ende ihre Entscheidung treffen – mit oder ohne transatlantische Begleitmusik. Sie stimmen über wirtschaftliche Perspektiven, politische Kultur und persönliche Überzeugungen ab. Internationale Komplimente sind nett, aber sie ersetzen keine Lebensrealität.

Gleichzeitig zeigt der Auftritt, wie sehr nationale Politik inzwischen global vernetzt ist. Eine Wahl in Budapest bleibt nicht in Budapest. Sie wird kommentiert, analysiert und gelegentlich öffentlich unterstützt. Die Welt ist ein Dorf – mit sehr lauter Lautsprecheranlage.

Man kann sich ausmalen, wie künftig Wahlkämpfe aussehen könnten, wenn diese Praxis Schule macht. Kandidaten aus aller Welt sammeln internationale Fürsprecher wie früher Autogramme. „Hier ein Gruß aus Washington, dort ein Schulterklopfen aus Rom.“ Politische Kampagnen würden zu internationalen Roadshows mit Flaggenmeer und Dolmetschern im Dauereinsatz.

Bis dahin bleibt das Bild einer Bühne in Budapest, auf der Freundschaft, Erfolg und geopolitische Interessen kunstvoll verwoben wurden. Der Satz vom geteilten Triumph hallt nach – ein rhetorisches Band, das zwei Hauptstädte miteinander verknüpft.

Ob es am Wahltag tatsächlich trägt, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher: Wenn Erfolg künftig grenzüberschreitend verteilt wird, sollte man vielleicht ein internationales Erfolgsministerium gründen. Mit Exportgenehmigung und Zollstempel.