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Die nicht existierende Premierministerin und die neun Prozentpunkte

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Die nicht existierende Premierministerin und die neun Prozentpunkte

Manchmal beginnt Weltpolitik mit einem Gipfeltreffen. Manchmal mit einer Konferenz. Und manchmal offenbar mit einem Telefonat, bei dem jemand in Washington feststellt: „Moment, das klang unfreundlich.“

So geschehen im neuesten Kapitel der transatlantischen Handelsunterhaltung, in der Donald Trump verkündete, er habe mit der „Schweizer Premierministerin“ gesprochen. Ein Titel, der in der Schweiz ungefähr so existiert wie ein königlicher Hofstaat im Kanton Uri.

Die Schweiz besitzt bekanntlich keinen Premierminister. Keine Premierministerin. Kein Staatsoberhaupt mit goldener Klingel. Stattdessen ein siebenköpfiges Gremium – den Bundesrat – der gemeinsam regiert. Sieben Menschen, ein Tisch, vermutlich Kaffee, wahrscheinlich Konsens. Ein System, das weniger nach Thronrede und mehr nach Gruppenarbeit klingt.

30 Prozent – weil man es kann

Dem Vernehmen nach waren ursprünglich 30 Prozent Zölle geplant. Eine runde Zahl. Stabil. Ordentlich. Fast schweizerisch präzise.

Dann kam das Telefonat.

Und plötzlich waren es 39 Prozent.

Neun Prozentpunkte extra, offenbar als unmittelbare Reaktion auf eine Tonlage. Nicht auf eine Wirtschaftszahl, nicht auf eine Handelsbilanz, nicht auf einen Container voller Käse. Sondern auf eine Stimmschwingung.

Man kann sich die Szene vorstellen: Ein Telefon, ein Gespräch, ein Stirnrunzeln – und irgendwo wird ein Taschenrechner mit dramatischer Geste gezückt.

„Sie hat nicht nett gesprochen? Addieren Sie neun.“

Warum neun? Vielleicht war die Drei gerade in Reichweite der Taste. Vielleicht erschien 39 einfach entschlossener als 31. Oder 33. Oder 100, was zwar spektakulär, aber schwer zu erklären gewesen wäre.

Die mysteriöse Alpen-Regierungschefin

Tatsächlich sprach der Präsident mit Karin Keller-Sutter, zuständig für das Finanzdepartement. Eine Position, die in der Schweiz ernst genommen wird, aber selten mit dramatischen Bühnenauftritten verbunden ist.

Das Land selbst funktioniert etwas anders als die Vorstellung eines Einzelchefs am Ruder. Der aktuelle Bundespräsident – derzeit Guy Parmelin – wechselt jährlich. Keine Dauerinszenierung, keine One-Person-Show. Mehr Staffelstab als Zepter.

Doch wenn man mit der Erwartung anruft, eine Premierministerin zu erreichen, und stattdessen auf ein kollegiales Regierungssystem trifft, kann das irritieren. Wer ist zuständig? Wer entscheidet? Wer darf zurückrufen?

In Bern würde man vermutlich sagen: „Wir klären das gemeinsam.“ In Washington offenbar: „Erhöhen wir vorsichtshalber.“

Handelspolitik als Gefühlsbarometer

Die Idee, Zölle an den Klang eines Gesprächs zu koppeln, eröffnet neue Perspektiven. Vielleicht sollten diplomatische Schulungen künftig Atemübungen beinhalten. „Bitte atmen Sie tiefer, sonst steigen die Importkosten.“

Ein falscher Seufzer – fünf Prozent mehr. Ein ungeduldiges Räuspern – plus sieben. Ein ironischer Unterton – Strafzoll deluxe.

Ökonomische Modelle müssten erweitert werden. Neben Inflation, Nachfrage und Wechselkurs käme ein neuer Faktor hinzu: subjektive Telefonharmonie.

Die Alpen bleiben gelassen

Die Schweiz reagiert traditionell mit Ruhe. Wenn anderswo die Emotionen in Prozentpunkten gemessen werden, antwortet man dort mit Tabellen, Verhandlungen und vermutlich einem strukturierten Gesprächsprotokoll.

Am Ende wurden die Zusatzzölle rückwirkend auf 15 Prozent begrenzt. Offenbar hatte sich die Stimmung wieder eingependelt. Vielleicht klang der zweite Anruf freundlicher. Vielleicht wurde beim dritten Gespräch sogar gelächelt – akustisch.

Man kann sich vorstellen, wie in einem Berner Büro jemand trocken feststellt: „Gut, wir sind wieder unter zwanzig.“

Zwei Welten, ein Hörer

Was hier aufeinandertraf, waren nicht nur unterschiedliche politische Systeme, sondern unterschiedliche Vorstellungen von Führung.

Auf der einen Seite ein Land, das auf kollektive Entscheidungen setzt. Auf der anderen Seite eine politische Kommunikation, die gern in klaren Rollen und deutlichen Gesten denkt.

Das Missverständnis über das Amt war dabei fast nebensächlich. Entscheidender war die Dramaturgie: Ein Telefonat wird zur Bühne. Ein Gesprächston zur Handelsmaßnahme. Eine Zahl zur Schlagzeile.

Die neun Prozentpunkte der Geschichte

Man wird sich vielleicht weniger an die endgültige Zollhöhe erinnern als an die spontane Erhöhung. Neun Prozentpunkte, die wie ein dramaturgischer Effekt wirkten. Fast wie ein politischer Cliffhanger.

Was wäre passiert, wenn das Gespräch besonders freundlich verlaufen wäre? 30 Prozent minus neun? Ein Rabatt aus Sympathie? Ein Freihandelsabkommen mit Smiley-Stempel?

Diese Fragen bleiben offen.

Fazit: Diplomatie mit Lautstärkeregler

Der Vorfall zeigt, wie schnell sich politische Kommunikation in symbolische Aktionen verwandeln kann. Eine Bezeichnung, ein Gespräch, eine Reaktion – und schon bewegen sich Zahlen.

Die Schweiz wird weiterhin ohne Premierministerin auskommen. Der Bundesrat wird weiterhin gemeinsam tagen. Und in Washington wird man möglicherweise künftig vor wichtigen Telefonaten prüfen, ob der Gesprächspartner auch wirklich das Amt innehat, das man ihm gerade zuschreibt.

Bis dahin bleibt die Erkenntnis: Im globalen Handel genügt manchmal ein Hörer – und die richtige oder falsche Tonlage – um neun Prozentpunkte Geschichte zu schreiben.