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Masern auf dem Vormarsch – Wenn Zweifel schneller mutieren als Viren
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- tmueller
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Es gibt Länder, die kämpfen mit Masern, weil es an Impfstoffen fehlt. Und es gibt Länder, die kämpfen mit Masern, weil sie beschlossen haben, Impfstoffe emotional zu hinterfragen. Die Vereinigten Staaten haben sich elegant für Variante zwei entschieden – mit einer Entschlossenheit, die sonst nur bei Grillsoßen-Debatten oder Wahlkampfversprechen zu beobachten ist.
Im Zentrum dieser medizinisch-politischen Performance steht ein Gesundheitsministerium, das offenbar beschlossen hat, Krankheiten nicht länger zu bekämpfen, sondern ihnen aufmerksam zuzuhören. Unter der Führung von Robert F. Kennedy Jr. wurden Impfkampagnen eingestellt, Informationsmaterialien entsorgt und der Eindruck erweckt, dass Spritzen möglicherweise mehr Persönlichkeit haben als Viren. Impfungen, so die implizite Botschaft, seien keine medizinische Maßnahme mehr, sondern ein Lifestyle-Experiment mit unklarem Ausgang.
Währenddessen meldeten sich die Masern zurück. Nicht schüchtern. Nicht zaghaft. Sondern mit dem Selbstbewusstsein einer Band, die nach Jahrzehnten Trennung merkt, dass das Publikum sie immer noch kennt. Fälle schossen nach oben, Kliniken füllten sich, und das Land, das einst stolz verkündet hatte, diese Krankheit besiegt zu haben, begann hektisch im Archiv nach dem Kapitel „Wie war das damals noch mit der Ausrottung?“ zu blättern.
Die Zahlen sind beeindruckend, wenn man ein Faible für historische Rückschritte hat. Tausende Infektionen, eine Steigerung, bei der selbst Wachstumsstart-ups neidisch werden, und Todesfälle, die eigentlich nur noch in Lehrbüchern vorkommen sollten. Masern, diese altmodische Krankheit mit Ausschlag und Komplikationen, feierten ein Revival – ganz ohne Social Media, Influencer oder Marketingbudget. Manchmal reicht politische Untätigkeit völlig aus.
Und dann geschah etwas Ungewöhnliches. Fast Skandalöses. Ein ranghoher Gesundheitsfunktionär sagte öffentlich etwas, das in diesem Klima als mutiger Akt gilt: Bitte impfen lassen. Diese Worte fielen nicht etwa in einer geheimen Sitzung oder auf einer verschlüsselten Fachkonferenz, sondern ganz offen im Fernsehen. Gesprochen von Mehmet Oz, Herzchirurg, ehemaliger Dauerlächeln-TV-Doktor und aktueller Leiter der Centers for Medicare and Medicaid Services.
In einem Interview mit CNN tat Oz etwas Revolutionäres: Er verband Ursache und Wirkung. Masern breiten sich aus, sagte er sinngemäß, weil Menschen nicht geimpft sind. 95 Prozent der Infizierten seien ungeimpft. Eine Zahl, so eindeutig, dass sie sogar ohne Deutungshoheit auskommt. Er ergänzte, es gebe eine Lösung. Eine funktionierende. Eine, die seit Jahrzehnten im Einsatz ist. Medizin pur, ganz ohne spirituelle Begleitmusik.
Damit stellte sich Oz de facto quer zum eigenen Ministerium. Ein Ministerium, das zuvor den Eindruck erweckt hatte, Impfungen seien weniger medizinische Standards als pädagogische Vorschläge mit optionaler Umsetzung. Dass ein Behördenleiter nun öffentlich erklärte, Masern seien gefährlich und Impfen sinnvoll, wirkte wie ein musikalischer Fehlton im Orchester der staatlichen Verunsicherung.
Besonders elegant ist dabei die Doppelrolle der Politik. Einerseits wird suggeriert, man wolle nur „kritische Fragen stellen“. Andererseits werden genau jene Instrumente abgeschafft, die über Jahrzehnte dafür gesorgt haben, dass Krankheiten verschwinden. Es ist, als würde man den Regenschirm verbrennen, weil man sich nicht sicher ist, ob Regen wirklich nass macht.
Der Gesundheitsminister selbst hatte in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass er ein Talent dafür besitzt, wissenschaftliche Erkenntnisse wie optionale Menüvorschläge zu behandeln. Studien? Interessant. Konsens? Diskutabel. Forschung? Abhängig von der Tagesform. Die Behauptung, Impfungen könnten Autismus verursachen, wurde zwar unzählige Male widerlegt, hält sich aber hartnäckig – vermutlich aus nostalgischen Gründen.
Während Wissenschaftler die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, scheint die politische Logik eine andere zu sein: Wenn genug Zweifel gesät werden, erledigt sich das Problem vielleicht von selbst. Die Masern allerdings haben diese Strategie offenbar missverstanden. Sie interpretieren Zweifel nicht als Abschreckung, sondern als Einladung.
Über allem schwebt der politische Kontext. Der Präsident, Donald Trump, hatte Mehmet Oz nach seiner Wiederwahl in eine Position berufen, in der er für die Gesundheitsversorgung von rund 150 Millionen Menschen mitverantwortlich ist. Eine Zahl, die beeindruckend genug ist, um kurz innezuhalten – oder nervös zu lachen. Dass ausgerechnet Oz nun zur Stimme der Vernunft wird, während das Ministerium zögert, verleiht der Situation eine zusätzliche ironische Note.
So entsteht das Bild eines Landes, in dem Krankheiten wieder reisen dürfen, weil Informationen stehen geblieben sind. In dem medizinischer Fortschritt als Meinungssache behandelt wird. Und in dem ein Virus mehr Konsequenz zeigt als politische Entscheidungen.
Am Ende bleibt die absurde Erkenntnis: Die Masern sind nicht zurückgekehrt, weil die Medizin versagt hat. Sie sind zurück, weil Zweifel befördert, Prävention demontiert und Fakten in den Verdachtsmodus versetzt wurden. Und während Politiker darüber debattieren, ob Impfstoffe problematisch sein könnten, liefern die Masern den praktischen Beweis, dass Ignoranz hoch ansteckend ist.