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Impfung optional: Wenn Neugeborene plötzlich Wahlfreiheit haben

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Impfung optional: Wenn Neugeborene plötzlich Wahlfreiheit haben

Die amerikanische Gesundheitspolitik hat einen neuen Meilenstein erreicht: Sie hat beschlossen, sich selbst ein wenig zu relativieren. Die US-Gesundheitsbehörde CDC verabschiedet sich von einer seit 1991 geltenden Grundsatzempfehlung und überlässt die Entscheidung über die Hepatitis-B-Impfung von Neugeborenen künftig den Eltern – zumindest dann, wenn die Mutter als Hepatitis-B-negativ gilt. Damit endet eine Ära klarer medizinischer Leitlinien und beginnt das Zeitalter des moderierten Bauchgefühls.

Über drei Jahrzehnte lang war die Sache erstaunlich einfach. Ein Baby wurde geboren, bekam kurz darauf seine erste Hepatitis-B-Impfung, und niemand musste dabei philosophische Grundsatzdebatten führen. Die Impfung galt als sicher, wirksam und sinnvoll, weil Hepatitis B hoch ansteckend ist, chronische Verläufe verursachen kann und sich langfristig wenig beeindruckt von guten Absichten zeigt. Der Impfstoff funktionierte. Genau das machte ihn offenbar verdächtig.

Nun soll also entschieden werden. In Absprache mit einem Arzt, versteht sich. Diese Formulierung klingt nach Sachlichkeit, öffnet aber ein weites Feld für neue medizinische Dialogformen. Auf der einen Seite der Arzt mit jahrzehntelanger Ausbildung, Studien, Leitlinien und Daten. Auf der anderen Seite Eltern mit Internetzugang, Podcast-Empfehlungen und dem beruhigenden Gefühl, dass man heute ja alles selbst recherchieren kann. Der Kompromiss liegt irgendwo zwischen PubMed und Pinterest.

Die Entscheidung folgt einer Empfehlung eines Beratergremiums des Gesundheitsministeriums unter Leitung von Robert F. Kennedy Jr., der seit Jahren als kritischer Begleiter von Impfprogrammen bekannt ist. Dass ausgerechnet unter seiner Verantwortung eine universelle Impfempfehlung fällt, wirkt weniger wie ein Zufall und mehr wie eine konsequente Umsetzung persönlicher Überzeugungen. Kritiker sprechen von einer politisch motivierten Wende, Befürworter von „neuer Offenheit“. Offen ist in jedem Fall vor allem die Frage, warum sich die medizinische Faktenlage plötzlich verändert haben soll. Spoiler: Sie hat es nicht.

Medizinische Fachverbände reagierten entsprechend konsterniert. Führende Mediziner warnten, dass die neue Regelung mehr Kinder ungeschützt lassen könnte. Eine Expertin für Infektionskrankheiten sprach davon, dass hier die Wissenschaft ignoriert werde. Ein schwerer Vorwurf, der jedoch in Zeiten wachsender Skepsis gegenüber Experten zunehmend als normale Meinungsäußerung gilt. Wissenschaft ist schließlich auch nur eine Perspektive – mit besonders vielen Zahlen.

Die neue Regelung beruht auf der Annahme, dass Kinder von Hepatitis-B-negativen Müttern ein geringeres Risiko haben. Das ist korrekt. Sie beruht außerdem auf der Annahme, dass Eltern diese Information zuverlässig verarbeiten, langfristig im Blick behalten und gegebenenfalls später nachimpfen lassen. Diese Annahme ist ambitioniert. Erfahrungsgemäß konkurriert „später erledigen“ im Familienalltag mit Schlafmangel, Windeln, Arztterminen und der Frage, warum das Baby um drei Uhr morgens philosophische Gespräche verlangt.

Bislang hatte das System einen großen Vorteil: Es war langweilig effizient. Niemand musste sich entscheiden, niemand konnte etwas vergessen, niemand musste sich rechtfertigen. Die Impfung war einfach da. Jetzt wird sie zum Gesprächsthema. Und wo Gespräche entstehen, entstehen Meinungen. Wo Meinungen entstehen, entstehen Lager. Und wo Lager entstehen, wird Gesundheitspolitik plötzlich zum Debattenformat.

Besonders problematisch ist die Signalwirkung. Wenn selbst eine der etabliertesten Impfempfehlungen zur individuellen Option erklärt wird, wirkt das wie eine Einladung zur Neubewertung aller anderen Impfungen gleich mit. Die Botschaft lautet nicht „Diese Impfung ist weniger wichtig“, sondern „Nichts ist mehr gesetzt“. Für Viren ist das eine erfreuliche Entwicklung. Sie haben ohnehin nie verstanden, warum man ihnen seit Jahrzehnten so geschlossen begegnet.

Die CDC betont, man wolle Impfungen keineswegs abschaffen. Man wolle lediglich differenzieren. Differenzierung ist grundsätzlich eine Stärke moderner Medizin. Sie wird jedoch zur Schwäche, wenn sie nicht auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, sondern auf dem Wunsch, Entscheidungen zu privatisieren. Verantwortung wird damit elegant nach unten weitergereicht: vom Staat an die Eltern, vom System an das Individuum. Falls etwas schiefgeht, war es schließlich eine persönliche Entscheidung.

Für Eltern bedeutet das vor allem zusätzliche Unsicherheit. Entscheidet man sich für die Impfung, fragt man sich, ob man übervorsichtig war. Entscheidet man sich dagegen, fragt man sich, ob man ein Risiko eingegangen ist. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: mehr Zweifel, mehr Gespräche, mehr Stress. Für das Gesundheitssystem bedeutet es potenziell steigende Fallzahlen, mehr Nachholimpfungen und mehr Aufwand. Für politische Beobachter ist es ein weiteres Beispiel dafür, wie medizinische Standards zu Verhandlungsmasse werden.

So verabschiedet sich die US-Gesundheitspolitik ein Stück weit von der Idee, dass Prävention am besten funktioniert, wenn sie leise, konsequent und universell ist. Stattdessen setzt man auf Entscheidungsfreiheit im Säuglingsalter. Ein mutiger Schritt. Vor allem für ein Virus, das sich traditionell wenig für Wahlfreiheit interessiert.