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Scrollen erst ab 16: Wenn Politik den Feed sperrt

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Scrollen erst ab 16: Wenn Politik den Feed sperrt

Es ist passiert. Die Politik hat das Internet entdeckt. Genauer gesagt: den Teil des Internets, in dem Jugendliche existieren. Nach jahrelangem friedlichen Nebeneinander von Memes, Kommentarspalten und Wahlplakaten ist nun klar: Das hier läuft völlig aus dem Ruder. Und wie reagiert man, wenn etwas aus dem Ruder läuft? Richtig. Man zieht es an Land und stellt ein Schild daneben: „Erst ab 16.“

Der Arbeitnehmerflügel der CDU hat entschieden, dass soziale Netzwerke für Menschen unterhalb einer bestimmten Körpergröße – pardon, Altersgrenze – offenbar zu gefährlich sind. Nicht wegen Katzenvideos oder Tanzclips, sondern wegen Dingen wie Hass, Desinformation und allgemeiner digitaler Verwahrlosung. All das scheint besonders gefährlich zu sein, wenn man jung ist. Ab 16 hingegen offenbar deutlich weniger. Ein magisches Alter, in dem der Mensch plötzlich erkennt, dass nicht alles stimmt, was im Internet steht. So will es zumindest die Theorie.

Der Vorsitzende der CDA, Dennis Radtke, übernimmt dabei die Rolle des digitalen Bademeisters. Seine Botschaft: Das Wasser ist zu wild, die Wellen zu hoch, die Kinder bitte raus aus dem Becken. Erwachsene dürfen planschen – auch dann, wenn sie regelmäßig vom Beckenrand aus Falschinformationen ins Wasser werfen.

Die Begründung klingt logisch und gleichzeitig wie eine Zusammenfassung der letzten zehn Jahre Online-Kommentarkultur. Zu viel Hass, zu viele falsche Behauptungen, zu viel Chaos. Die Lösung: Zutritt erst ab 16. Als wäre Social Media ein Horrorfilm mit Altersfreigabe. Ab jetzt: „Dieser Feed enthält Algorithmen, Emotionen und fragwürdige Meinungen. Eltern wird empfohlen, ihre Kinder vor dem Scrollen zu schützen.“

Als Beweis, dass man es ernst meint, wird gerne nach Australien geschielt. Dort hat man kurzerhand beschlossen, dass Jugendliche unter 16 keine eigenen Konten mehr haben dürfen. Das wirkt entschlossen, modern und nach internationalem Vorbild. Wie genau das umgesetzt wird, bleibt ein kleines Detail. Aber Details sind bekanntlich das natürliche Feindbild großer Ideen.

In Europa springt man begeistert auf den Zug auf. Spanien diskutiert, Frankreich diskutiert, Großbritannien diskutiert – und Deutschland diskutiert mit. In Schleswig-Holstein möchte man das Thema sogar auf einen Parteitag bringen. Dort wird dann vermutlich mit PowerPoint-Folien erklärt, dass das Internet früher auch ohne Jugendliche ausgekommen ist. Also zumindest gefühlt.

Unterstützung kommt auch aus der Parteispitze. Carsten Linnemann signalisiert Offenheit für die Idee, soziale Netzwerke erst ab 16 zu erlauben. Offen ist dabei vor allem die Frage, wer genau kontrollieren soll, ob jemand 15 oder 16 ist. Aber das ist ein Problem für später. Heute geht es ums Prinzip.

Der große satirische Moment dieser Debatte liegt in der stillen Annahme, dass mit dem 16. Geburtstag eine Art neuronales Update installiert wird. Medienkompetenz Version 16.0. Plötzlich erkennt man Clickbait, durchschaut Influencer, lacht über Verschwörungserzählungen und verlässt Kommentarspalten rechtzeitig. Ein Geburtstag als Firewall.

Währenddessen bleiben Erwachsene unbegrenzt zugelassen. Ganz gleich, wie viele Kettenbriefe sie teilen, wie oft sie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ schreiben oder wie konsequent sie jede Quelle ignorieren. Medienkompetenz scheint hier weniger gefragt zu sein. Schließlich ist man alt genug, um sich selbst in die digitale Irre zu führen.

Jugendliche hingegen sollen draußen bleiben. Nicht lernen, nicht begleitet werden, nicht befähigt – sondern warten. Warten, bis sie alt genug sind für denselben Algorithmus, der sie vorher überfordert hätte. Das ist ungefähr so, als würde man sagen: Autofahren lernst du nicht in der Fahrschule, sondern erst nach dem Führerschein. Bis dahin bitte nicht hinschauen.

Besonders charmant ist die Vorstellung, dass ein Verbot Jugendliche tatsächlich fernhält. In einer Welt, in der Zwölfjährige mühelos Zweitaccounts anlegen, Geburtstage kreativ interpretieren und technische Sperren als sportliche Herausforderung sehen. Das Verbot dürfte in der Praxis etwa so wirksam sein wie ein „Bitte nicht klicken“-Hinweis auf einem roten Knopf.

Aber vielleicht geht es gar nicht um Wirksamkeit. Vielleicht geht es darum, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Man kann nicht alles lösen, aber man kann etwas verbieten. Das fühlt sich gut an. Das klingt nach Ordnung. Und Ordnung ist schließlich ein traditionell geschätzter Wert.

So wird Social Media zur pädagogischen Gefahrenzone erklärt. Nicht weil man keine Konzepte hätte, sondern weil Verbote einfacher sind als Bildung. Medienkompetenz braucht Zeit, Geld und Personal. Eine Altersgrenze braucht nur einen Satz im Gesetzestext.

Am Ende steht ein Vorschlag, der viel über das Verhältnis zwischen Politik und digitaler Realität erzählt. Das Internet ist laut, unübersichtlich und widerspenstig. Jugendliche bewegen sich darin selbstverständlich. Erwachsene fühlen sich oft überfordert. Also zieht man eine Linie – und hofft, dass sich das Problem daran stößt.

Ob Hass, Desinformation und Unsinn dadurch verschwinden, ist fraglich. Sicher ist nur: Sie werden älter.