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Die Sache mit dem großen „Bumm“, der keiner war
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Es gibt militärische Operationen, die hinterlassen Krater. Und es gibt militärische Operationen, die hinterlassen Rätsel. Der jüngste Einsatz der Vereinigten Staaten in Venezuela gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Er endete nicht mit Explosionen auf Satellitenbildern, sondern mit einem Wort, das klingt, als sei es beim Scrabble-Abend im Pentagon entstanden: Discombobulator.
Schon der Name wirkt wie ein Geräusch, das ein Toaster macht, wenn er kaputtgeht. Doch genau dieses Ding soll angeblich das Herzstück eines Einsatzes gewesen sein, bei dem plötzlich nichts mehr funktionierte, was vorher noch teuer, modern und mit ausländischen Bedienungsanleitungen ausgestattet war. Raketen taten so, als hätten sie nie etwas von Startknöpfen gehört. Radare starrten ins Nichts. Technik wurde schlagartig philosophisch und stellte ihre Existenz infrage.
Der amerikanische Präsident, Donald Trump, erklärte das Geschehen in einem Interview mit jener Mischung aus Andeutung und Selbstzensur, die man sonst nur aus Krimis kennt, in denen der Erzähler sagt: „Ich weiß etwas – aber ihr dürft es nicht wissen.“ Er verriet genug, um Eindruck zu machen, und schwieg genau dort, wo es interessant geworden wäre. Ein Meisterwerk kontrollierter Plauderei.
Die Grundbotschaft: Die Vereinigten Staaten seien gekommen, hätten Knöpfe drücken lassen, und nichts sei passiert. Eine Situation, die normalerweise auf defekte Batterien oder falsche Bedienung schließen lässt, hier aber als Beweis für eine neue Ära militärischer Eleganz gilt. Keine Explosion, kein Rauch – nur kollektives Schulterzucken auf der Gegenseite.
Besonders plastisch wird das Ganze durch Aussagen eines Mannes, der angeblich einmal sehr nah an der Macht stand, nun aber sehr weit davon entfernt ist. Ein ehemaliger Sicherheitsmann beschrieb ein Ereignis, das sich irgendwo zwischen Science-Fiction und Zahnarztbesuch ohne Betäubung einordnen lässt. Erst Stille. Dann ein Gefühl, als würde der eigene Kopf von innen einen Kündigungsantrag stellen. Blut. Übelkeit. Bewegungsunfähigkeit. Kurz: das Gegenteil eines guten Arbeitstages.
Ob es sich dabei um eine gezielte Waffe handelte oder um das Resultat von Technik, die nie richtig gewartet wurde, bleibt offen. Einige Beobachter weisen nüchtern darauf hin, dass Hightech ohne Ersatzteile eben irgendwann zu teurem Dekor wird. Andere bevorzugen die Version mit geheimen Wellen, unsichtbaren Kräften und einer Entwicklung, die vermutlich nur in einer sehr speziellen Abteilung existiert – irgendwo zwischen Forschungslabor und Marketingabteilung.
Fakt ist: Innerhalb kürzester Zeit war die venezolanische Führung außer Gefecht. Nicolás Maduro und seine Frau wurden aus dem Verkehr gezogen und in Richtung Vereinigte Staaten verfrachtet. Der Machtwechsel kam schneller als jede Pressekonferenz und wirkte so reibungslos, dass er fast unhöflich war.
Die offizielle Bilanz des Einsatzes ist ebenso bemerkenswert wie widersprüchlich. Auf der einen Seite stehen Berichte über zahlreiche Tote auf venezolanischer Seite. Auf der anderen Seite betonen die USA, dass kein einziger eigener Soldat ums Leben gekommen sei. Ein Ergebnis, das entweder für überragende Planung spricht oder für eine Situation, in der der Gegner bereits vor Beginn der eigentlichen Handlung kapituliert hatte – technisch wie mental.
Die Erzählung rund um den Discombobulator fügt sich nahtlos in eine lange Tradition ein. Immer dann, wenn militärische Überlegenheit besonders elegant erscheinen soll, taucht etwas auf, das nicht erklärt werden kann – oder darf. Früher waren es Tarnkappen, später Cyberangriffe, heute eben eine Waffe, die nicht zerstört, sondern verwirrt. Der moderne Krieg ist schließlich sensibel. Er will nicht laut sein, sondern überlegen wirken.
Besonders charmant ist dabei die kommunikative Choreografie. Erst wird angedeutet, dass es etwas Revolutionäres gibt. Dann wird betont, dass man darüber nicht sprechen darf. Anschließend wird genau so viel erzählt, dass sich alle sicher sind: Da ist wirklich etwas. Und falls doch nicht, dann hat es zumindest sehr überzeugend geklungen.
Parallel dazu entstehen in den sozialen Netzwerken Theorien, die jede Physikprüfung bestehen würden – sofern man sie ignoriert. Schallwellen, die gezielt Nasenbluten auslösen. Frequenzen, die Menschen bewegungsunfähig machen. Technologien, die nur funktionieren, wenn niemand genau hinschaut. Es ist das goldene Zeitalter des militärischen Halbwissens.
Dabei geht fast unter, dass es auch ganz banale Erklärungen gibt. Technik, die nicht richtig verbunden ist. Systeme, die nie vollständig integriert wurden. Ausrüstung, die auf dem Papier modern ist, in der Realität aber eher an ein Museumsstück erinnert. Doch Banalität ist kein guter Stoff für große Erzählungen. Niemand will hören, dass etwas nicht funktioniert hat, weil niemand wusste, wie es funktioniert.
Und so bleibt der Discombobulator im Raum stehen wie ein nicht identifizierter Gegenstand in einer Lagerhalle. Er ist da. Man weiß nicht genau, was er tut. Aber er hat offenbar Eindruck hinterlassen. Vielleicht ist genau das seine größte Stärke.
Am Ende dieser Geschichte steht kein klares Bild, sondern eine Sammlung von Andeutungen. Eine Supermacht demonstriert, dass sie Dinge kann, über die sie nicht spricht. Ein gestürzter Machthaber wird zur Fußnote. Und die Welt bleibt zurück mit der Erkenntnis, dass moderne Kriegsführung weniger mit Knall als mit Storytelling zu tun hat.
Vielleicht ist das der wahre Discombobulator: nicht die Waffe selbst, sondern die Erzählung darüber. Sie verwirrt, beeindruckt und sorgt dafür, dass alle über etwas sprechen, das niemand erklären kann.
Und genau darin liegt ihre perfekte Funktion.