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91 Drohnen, null Beweise – Die Schlacht von Waldai und der Krieg gegen die Wirklichkeit

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91 Drohnen, null Beweise – Die Schlacht von Waldai und der Krieg gegen die Wirklichkeit

Es war eine Nacht, die Geschichte schreiben sollte. Zumindest nach russischer Lesart. Über der Region Nowgorod, unweit einer Residenz von Wladimir Putin, soll sich eine gewaltige ukrainische Drohnenarmada genähert haben. Dutzende Fluggeräte, bewaffnet, entschlossen, offenbar unsichtbar. Die russische Flugabwehr griff ein, heldenhaft, präzise, restlos. Das Ergebnis: totale Vernichtung. Und totale Abwesenheit von allem, was normalerweise mit einem Luftangriff einhergeht.

Keine Explosionen. Kein Rauch. Kein Feuer. Keine Videos. Keine Fotos. Keine panischen Anwohner. Keine hektischen Telegram-Clips. Nicht einmal ein verwackeltes Handyvideo mit ominösem Nachthimmel und dramatischer Musik. Die Drohnen wurden so effizient eliminiert, dass sie nicht nur zerstört, sondern offenbar aus Raum, Zeit und kollektiver Erinnerung gelöscht wurden. Militärische Perfektion trifft metaphysische Konsequenz.

Normalerweise hinterlassen selbst fehlgeleitete Feuerwerkskörper mehr digitale Spuren. Doch dieser Angriff blieb rein konzeptionell. Das Institute for the Study of War suchte nach Belegen und fand – nichts. Keine geolokalisierten Aufnahmen von Flugabwehrsystemen, keine Einschläge, keine Brände, keine Rauchwolken. Nicht einmal die bewährte russische Standarderzählung von „Trümmern abgeschossener Drohnen“, die angeblich harmlos auf Parkplätzen oder Scheunendächern gelandet seien, wurde bemüht. Offenbar wollte man sich nicht mit Details aufhalten.

Dabei hatte Außenminister Sergej Lawrow Großes angekündigt: 91 abgeschossene Drohnen. Das Verteidigungsministerium sprach zuvor noch von 47. Diese Abweichung ist kein Fehler, sondern Ausdruck moderner russischer Zahlenkultur. Zahlen sind dort keine Messwerte, sondern Stimmungen. Sie wachsen mit der Empörung. Heute 47, morgen 91 – Hauptsache zweistellig, am besten dramatisch.

Besonders beeindruckend ist die akustische Dimension dieses Ereignisses. Oder genauer: ihre vollständige Abwesenheit. Das russische Oppositionsmedium Sota berichtete, die Bewohner der Stadt Waldai hätten nichts gehört. Kein Abwehrfeuer, kein Donnern, kein Krachen. In einer Region, die als besonders gut geschützt gilt, mit mehreren Flugabwehrsystemen, ist das ein technologischer Durchbruch. 91 Drohnen, null Geräusch – das ist keine Luftverteidigung, das ist Zen-Buddhismus mit Raketen.

Der ukrainische Journalist Denis Trubetskoy wunderte sich öffentlich darüber, dass der Kreml nicht einmal symbolisches Beweismaterial präsentierte. Normalerweise gehören unscharfe Videos, dramatische Grafiken oder wenigstens ein beschädigter Baum zum Pflichtprogramm. Diesmal blieb selbst das aus. Offenbar vertraute man darauf, dass Behauptung allein genügt. Vielleicht ist das die neue Doktrin: Je weniger Beweise, desto reiner die Wahrheit.

Die Ukraine dementierte den Angriff umgehend. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einer Lüge, die dazu diene, weitere russische Angriffe zu legitimieren. Ein bewährtes Verfahren: Zuerst erklärt man sich selbst zum Opfer, dann erklärt man jede Eskalation zur Notwehr. Ob der Auslöser real war, ist dabei nebensächlich. Entscheidend ist, dass er sich empört anfühlt.

Lawrow erklärte anschließend, Russland habe Ziele und Zeitpunkte für „Vergeltungsschläge“ bereits festgelegt. Vergeltung für einen Angriff, den niemand gesehen, gehört oder dokumentiert hat. Doch auch das ist konsequent. In dieser Logik braucht Vergeltung keinen Anlass, sondern nur ein Narrativ. Und dieses Narrativ kam zu einem politisch ausgesprochen günstigen Zeitpunkt.

Denn kurz zuvor hatte sich Donald Trump mit Selenskyj getroffen, um über Sicherheitsgarantien und mögliche Wege zu einem Kriegsende zu sprechen. Wenig später informierte Putin Trump über den angeblichen Drohnenangriff. Der US-Präsident reagierte Berichten zufolge „sehr wütend“. Nicht über den Angriffskrieg, nicht über zerstörte Städte, sondern über die angebliche Attacke. Eine bemerkenswerte Verschiebung der Empörung, die in Moskau vermutlich mit stillem Nicken quittiert wurde.

Das ISW sieht darin einen möglichen Zweck der Geschichte: Der Kreml könnte den behaupteten Angriff nutzen, um Friedensvorschläge aus Gesprächen zwischen den USA, der Ukraine und Europa zurückzuweisen. Wer gerade Ziel eines spektakulären, wenn auch unsichtbaren Angriffs war, kann schlecht über Waffenstillstand sprechen. Frieden wird so zu etwas, das man prinzipiell begrüßt – nur leider gerade unmöglich findet.

Der Militärexperte Nico Lange warnte davor, sich zum Werkzeug russischer Desinformation zu machen und „jedem Mist aus der Moskauer Giftküche hinterherzulaufen“. Tatsächlich wirkt der Vorfall wie ein Testlauf: Wie viel Absurdität hält der internationale Diskurs aus? Wie viele unsichtbare Drohnen braucht es, um Schlagzeilen, Wut und politische Reaktionen auszulösen?

Am Ende bleibt ein Lehrstück moderner Machtkommunikation. Es zeigt, dass man keinen Rauch braucht, um Feuer zu behaupten. Keine Explosionen, um Eskalation zu rechtfertigen. Keine Beweise, um Empörung zu erzeugen. Es reicht eine Geschichte, zur richtigen Zeit erzählt, an die richtigen Adressaten gerichtet. Die Drohnen von Waldai haben nichts getroffen – und doch ihr Ziel erreicht.

Vielleicht kreisen sie noch immer dort oben, diese Drohnen. Lautlos, spurlos, perfekt unsichtbar. Nicht über der Residenz, sondern über der Realität. Und während unten weiter gezählt wird – 47, 91 oder gleich ein ganzes Geschwader – bleibt eine Gewissheit: In Moskau hat man längst gelernt, dass die wirkungsvollsten Angriffe jene sind, die nie stattgefunden haben.