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Freundschaftlich nichts mehr wert – Wie man Verhandlungen beendet und dabei lächelt
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Der freundliche Totalausstieg – Wie man alle Zusagen kündigt und dabei höflich bleibt
Es gibt diplomatische Wendepunkte, die kommen mit Donnerhall. Und es gibt jene, die klingen wie ein freundliches Räuspern am Telefon. Das jüngste Gespräch zwischen Wladimir Putin und Donald Trump gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Nach diesem Telefonat erklärte der Kreml, Russland fühle sich an nichts mehr gebunden. An wirklich nichts. Keine Zusagen, keine Vereinbarungen, keine Gesprächsergebnisse aus diesem Jahr. Diplomatie, so die Botschaft, war schön – ist jetzt aber vorbei. Und das alles in einem Tonfall, der an ein freundliches Kündigungsschreiben erinnert: sachlich, bestimmt, mit dem Hinweis auf „veränderte Umstände“.
Überbracht wurde die Nachricht von Putins Chefberater und Ukraine-Verhandler Juri Uschakow, der es schaffte, einen politischen Abriss als nüchterne Neubewertung zu verkaufen. Russlands Position werde „überdacht“, sagte er. Überdenken klingt nach Reflexion. Tatsächlich wurde hier weniger gedacht als entsorgt. Verträge, Gespräche, Hoffnungen – alles raus, alles weg, alles nicht mehr bindend. Wer fragt, warum, bekommt eine Antwort, die sich bewährt hat: ein angeblicher ukrainischer Drohnenangriff auf Putins Privatresidenz in Waldai.
Dieser Angriff ist bemerkenswert, weil er trotz seines angeblich dramatischen Ausmaßes keine Spuren hinterlassen hat. Keine Bilder, keine Videos, keine Geräusche, keine Schäden. Aber er erfüllt seinen Zweck. Er ist der perfekte Anlass, um alles abzubrechen, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. Die Ukraine dementierte scharf. Das spielte keine Rolle. In dieser Erzählung ist das Dementi Teil des Problems, nicht der Lösung.
Uschakow erklärte, angesichts des von Kiew betriebenen „Staatsterrorismus“ könne Russland nicht anders handeln. Der Begriff ist inzwischen ein Allzweckwerkzeug. Er beschreibt alles, was Moskau nicht gefällt: Verteidigung, Widerstand, Existenz. Wer einmal als Terrorist definiert ist, macht Verhandlungen überflüssig. Man spricht dann nicht mehr über Frieden, sondern über Notwendigkeiten.
Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung der Reaktion Trumps. Laut Kreml sei der US-Präsident „schockiert“ und „im wahrsten Sinne des Wortes empört“ gewesen. Er habe sich solche „wahnsinnigen Handlungen“ nicht einmal vorstellen können. Das ist bemerkenswert, denn Trump hat sich in den vergangenen Jahren vieles vorgestellt. Aber offenbar endet die Fantasie bei angeblichen Angriffen auf Privatresidenzen. Trump selbst bestätigte später, Putin habe ihn über den Angriff informiert. „Das ist nicht gut“, sagte er. Eine Analyse, die in ihrer Schlichtheit besticht. Er sei „sehr wütend darüber“.
Wütend war Trump nicht über den Angriffskrieg, nicht über zerstörte Städte, nicht über zivile Opfer. Seine Empörung galt einem Haus. Eigentum als moralischer Maßstab. „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt“, erklärte er weiter. Diese Aussage ist bemerkenswert, weil sie nahelegt, es gebe prinzipiell richtige Zeitpunkte für Angriffe – nur eben nicht jetzt. Krieg als Kalenderfrage.
Der Kreml ließ es sich nicht nehmen, im gleichen Atemzug die eigene Nähe zu Trump zu betonen. Uschakow listete akribisch 17 Kontakte zu amerikanischen Vertretern auf: Besuche, Telefongespräche, Treffen mit Sonderbeauftragten. Die Botschaft war klar: Man spricht viel, man kennt sich, man ist vertraut. Das Ergebnis dieser Kontakte ist zweitrangig. Wichtig ist, dass sie existieren. Diplomatie als Beziehungsstatus.
Besonders aufschlussreich ist Uschakows Schilderung dessen, was Trump Selenskyj angeblich geraten habe. Demnach sei Wolodymyr Selenskyj empfohlen worden, nicht einmal zu versuchen, eine Atempause für seine Streitkräfte zu erreichen, sondern sich auf eine „umfassende Vereinbarung“ zu konzentrieren. Eine Atempause gilt offenbar als unnötiger Luxus. Eine umfassende Vereinbarung dagegen als effizient. Dass eine solche Vereinbarung aus Moskauer Sicht vor allem eines bedeutet – Kapitulation –, bleibt unausgesprochen.
Putin ließ über Uschakow ausrichten, Russland wolle weiterhin „eng und fruchtbar“ mit den USA zusammenarbeiten, um Wege zum Frieden zu finden. Diese Aussage ist von besonderer Eleganz. Sie verbindet den Abbruch aller Gespräche mit dem Versprechen weiterer Gespräche. Frieden wird dabei zum abstrakten Ziel, das man feierlich beschwört, während man alle konkreten Schritte dorthin streicht.
Das Gesprächsklima sei „freundschaftlich“ gewesen, sagte Uschakow. Die Präsidenten hätten vereinbart, den Dialog fortzusetzen. Worüber, blieb offen. Frieden offenbar nicht. Waffenstillstand auch nicht. Vielleicht über weitere Telefonate, in denen erklärt wird, warum man diesmal wirklich an nichts gebunden ist. Oder über neue Anlässe, alte Zusagen für ungültig zu erklären.
So entsteht ein neues Modell internationaler Politik. Man spricht viel und sagt dabei nichts. Man beendet alles und nennt es Dialog. Man erklärt Verträge für hinfällig und betont gleichzeitig die Freundschaft. Verhandlungen werden nicht geführt, sondern simuliert. Sie dienen als Kulisse, vor der Entscheidungen längst getroffen sind.
Im Januar soll weiter „verhandelt“ werden. Das Wort hat seine Bedeutung geändert. Es steht nicht mehr für Annäherung, sondern für Wiederholung. Wiederholung von Telefonaten, Wiederholung von Empörung, Wiederholung von Versicherungen, dass man offen für Frieden sei – solange dieser Frieden exakt den eigenen Bedingungen entspricht.
Putin spielt dabei kein komplexes Spiel. Er erklärt die Regeln für ungültig, wann immer es passt. Trump hört zu, zeigt sich empört, glaubt offenbar, was ihm erzählt wird, und verleiht dem Ganzen damit Gewicht. Und so endet dieses Kapitel der Diplomatie nicht mit einem Knall, sondern mit einem freundlichen Satz: Wir bleiben im Gespräch. Nur eben über alles – außer über Frieden.