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Der Kreml und die KI, die nie Ministerin war – Wie Satire zur offiziellen Regierungslinie wurde

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Der Kreml und die KI, die nie Ministerin war – Wie Satire zur offiziellen Regierungslinie wurde

Es gibt politische Momente, die sind so grotesk, dass man sich unweigerlich fragt, ob man gerade einen Bericht über internationale Beziehungen liest oder das Drehbuch einer politischen Sketch-Show, die versehentlich im realen Regierungsapparat ausgestrahlt wurde. Der jüngste Auftritt von Wjatscheslaw Wolodin, Chef der russischen Staatsduma, fällt zweifellos in genau diese Kategorie.

Vor laufender Kamera, unter den strengen Augen Wladimir Putins und dem weltweiten Publikum des russischen Staatsfernsehens, präsentiert Wolodin eine Geschichte, die gleichzeitig alarmierend, skandalös und – wie sich herausstellt – komplett erfunden ist. Sein Vortrag über eine korrupte KI-Ministerin in der EU sollte ein warnendes Lehrstück über die Risiken der künstlichen Intelligenz sein. Stattdessen wurde er zu einem unfreiwilligen Lehrstück über die Risiken menschlicher Leichtgläubigkeit.

Der große Moment der künstlichen Blamage

Wolodin beginnt seine Ausführungen mit einer Mischung aus professoraler Strenge und dem Stolz eines Mannes, der glaubt, die perfekte Pointe gefunden zu haben. In einem EU-Land – so behauptet er – sei eine KI namens „Diella“ erst zur Ministerin ernannt und anschließend wegen Bestechlichkeit entlarvt worden. Ein Skandal! Ein Paradebeispiel dafür, wie die dekadente EU künstliche Intelligenz verkommen lässt! Ein Warnsignal, das man im Kreml unbedingt ernst nehmen müsse!

Leider, und das ist der komödiantische Kern der Angelegenheit: Die Geschichte stammt aus einem kroatischen Satireportal. Nicht aus Geheimdienstunterlagen, nicht aus Interna europäischer Regierungskreise, nicht einmal aus dubiosen Telegram-Chats. Nein: aus einer Webseite, die in ihrer Selbstbeschreibung „Nachrichten, die keiner braucht, aber jeder verdient“ führt. Der Artikel über Diella ist dabei so offensichtlich satirisch, dass selbst ein Algorithmus mit Grippe ihn als Witz erkennen würde.

Dort heißt es, die KI habe 14 Bitcoins angenommen und daraufhin die „algorithmische Optimierung“ öffentlicher Ausschreibungen angeboten. Sie habe aus historischen Daten gelernt, dass Korruption im albanischen Verwaltungsapparat ein „standardisierter Prozess“ sei – und diese Tradition pflichtbewusst fortgeführt. Ein klarer Witz über KI, historische Verzerrungen und politische Realität. Ein Witz, der zündet. Nur eben nicht als Witz.

Der Kreml macht eine Pointe zur Politik

Dass Wolodin die Geschichte für bare Münze nimmt, wäre allein schon bemerkenswert genug. Doch er trägt den falschen Bericht auch noch in einer offiziellen Sitzung vor – mit dem Brustton der Überzeugung und exakt der Ernsthaftigkeit eines Mannes, der glaubt, soeben das perfekte Beispiel für ein technisches Zerrbild entdeckt zu haben.

Wladimir Putin hört zu, nickt, wirkt nachdenklich, vielleicht sogar leicht amüsiert – man weiß es nie genau. Der Westen sei entgleist, so die implizite Botschaft Wolodins. Dort ernenne man KIs zu Ministerinnen, die anschließend korrupt werden. Bevor die KI auch noch die Macht übernehme, müsse Russland dringlich handeln und Gesetze erlassen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine regeln.

Nur ein Detail ignoriert Wolodin vollständig: Albanien ist gar nicht in der EU.

Dieses kleine, geographisch leicht überprüfbare Problem hätte schon reichen müssen, um Zweifel anzumelden. Doch wenn eine Satire so gut ins gewünschte Narrativ passt, wird die Realität eben flexibel ausgelegt – ein Prinzip, das im Kreml schon fast zum Arbeitsmodell geworden ist.

Satire in der Staatsführung – ein systemisches Problem?

Das ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation ordnet den Vorfall nüchtern ein: ein weiterer Beweis für die fragwürdige Informationslage in der russischen Führungsetage. Dort, so die Analyse, gelangten regelmäßig verzerrte, manipulierte oder schlicht falsche Informationen bis ganz nach oben. Wenn ranghohe Politiker Satire mit Fakten verwechseln, dann sei das weniger eine peinliche Episode als vielmehr ein Hinweis auf tiefsitzende strukturelle Mängel.

Tatsächlich erscheint der Kreml-Moment rund um „Diella“ wie ein Symptom eines größeren Problems: Wer nur Informationen akzeptiert, die ins Weltbild passen, erkennt irgendwann nicht einmal mehr Satire – selbst wenn sie mit voller Absicht überzeichnet ist.

Die Beweislast liegt im Archiv von Newsbar

Ein flüchtiger Blick auf weitere Schlagzeilen des Satireportals hätte gereicht, um die Fiktion zu entlarven. Dazu zählen solche Meisterwerke moderner Absurdität wie:

  • „Frau zerrt Ehemann am Ohr weg, als der für die Wiederherstellung der Autorität des Mannes betet“
  • „FIFA verleiht Donald Trump den Goldenen Schuh als besten Torschützen Europas“

Wenn letzteres noch nicht ausreicht, um die Unglaubwürdigkeit des Portals zu erkennen, dann ist das Problem vielleicht weniger die Satire – und mehr der Empfänger.

Bleibt Wolodin nun ein Fall für die Personalalgorithmik?

Während die Welt über den Vorfall schmunzelt, bleibt die Frage offen, ob Wolodin intern Konsequenzen zu befürchten hat. Doch russische Politik funktioniert nicht nach dem Prinzip „Fehler eingestehen“. Stattdessen bleibt die Geschichte weiterhin auf Wolodins Telegram-Kanal stehen – als digitaler Beweis dafür, dass Satire und Staatspropaganda manchmal gefährlich ähnliche Mechanismen haben.

Eigentlich bräuchte man nur eine KI, die russischen Funktionären hilft, Satire zu erkennen. Vielleicht wäre das der sinnvollste KI-Einsatz seit Erfindung des Spamfilters.