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Russlands billigster Krieg – wie ein Staat spart, bis selbst die Toten teuer werden

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Russlands billigster Krieg – wie ein Staat spart, bis selbst die Toten teuer werden

Es ist ein alter Grundsatz der Ökonomie: Man muss sparen, wo man kann. Und wenn man nicht sparen will, muss man wenigstens so tun, als gäbe es keine andere Wahl. Russland hat diesen Grundsatz nun auf ein neues, unfreiwillig groteskes Niveau gehoben: Während der Krieg in der Ukraine jeden Monat Milliarden verschlingt, beginnt der Kreml, ausgerechnet an jenen Menschen zu sparen, die den Krieg überhaupt erst möglich machen. Soldaten. Verwundete. Tote. Kurz: Alles, was normalerweise in einem Land zumindest symbolisch geschätzt wird, wenn man schon politisch nicht auf sie verzichten kann.

Doch in Russland entsteht ein Modell, das man als „frontnahe Kostenreduktion“ umschreiben könnte. Ein Modell, bei dem man sich fragt, ob im Kreml ein Rechenzentrum durchgebrannt ist oder ob das Sparministerium nebenbei von einem besonders schlecht gelaunten Wirtschaftsstudenten geleitet wird.

Finanzielles Schwarzes Loch mit patriotischer Lackierung

Der Krieg kostet. Viel. Und je länger er dauert, desto tiefer geraten Russlands Regionen ins Defizit. Laut dem ukrainischen Netzwerk ANTS haben über die Hälfte der russischen Regionen inzwischen ein Haushaltsloch von insgesamt 169,2 Milliarden Rubel – genug, um selbst hartgesottene Buchhalter spontan religiös werden zu lassen.

Besonders betroffen: Tjumen, Nowosibirsk und Nischni Nowgorod – Regionen, die den Charme einer Mischung aus Rohstoffhub, Verwaltungsapparat und Dauerbaustelle besitzen. Dort wird jeder Rubel mittlerweile so vorsichtig gedreht wie ein fauler Apfel, den man im Supermarkt trotzdem noch loswerden will.

Und wie gleicht man ein solches Loch aus? Ganz einfach: Man kürzt dort, wo Menschen am wenigsten widersprechen können. Also bei Soldaten. Und bei Toten. Und bei deren Familien. Schließlich hat sich herausgestellt, dass Tote erstaunlich pflegeleichte Budgetposten darstellen – sie stellen keine Rückfragen, sie gehen nicht demonstrieren, sie lassen sich nicht einmal darüber beschweren, dass ihre Entschädigungszahlung monatelang überfällig ist.

Der neue russische Bürokratie-Horror: 92.000 Schicksale im Wartezimmer

Laut dem unabhängigen Portal Mediazona sind russische Gerichte derzeit mit 92.000 Anträgen überlastet, in denen Familien versuchen, ihre gefallenen Angehörigen offiziell als verstorben anerkennen zu lassen. Das ist ungefähr die Anzahl von Anträgen, die man erwarten würde, wenn ein ganzes Land versucht, sich gleichzeitig bei einem Mobilfunkanbieter abzumelden.

Das Problem: Ohne Gerichtsurteil gibt es keine Todesurkunde – und ohne Todesurkunde keinen Anspruch auf Entschädigung, Pension oder andere Leistungen, die in den glänzenden Versprechensbroschüren der Armee damals so vollmundig klangen. Man stelle sich vor: Ihr Angehöriger stirbt im Krieg, sie trauern – und der Staat sagt sinngemäß: „Ja, wir glauben Ihnen schon… aber haben Sie dafür auch ein Dokument A38?“

Die russischen Gerichte, ohnehin überlastet, stapeln diese Fälle offenbar wie Feuerholz. Mit jedem Monat wächst die Zahl, und mit jedem Monat wächst der Zynismus eines Systems, das die Toten zwar in propagandistische Heldengalerien aufnimmt, aber dennoch entschlossen vermeidet, sie offiziell zu bestätigen – denn das kostet ja Geld.

Verwundete Helden? Ja. Aber bitte günstig.

Doch nicht nur Totenfamilien bekommen die neue Sparpolitik zu spüren. Auch verwundete Soldaten stehen immer öfter mit leeren Händen da – oder noch schlimmer: mit vollen Händen, gefüllt mit Gemüse.

In dokumentierten Fällen wurden Soldaten, die an der Front schwer verletzt wurden, tatsächlich mit Karotten und Zwiebeln „entschädigt“. Ein symbolisches Geschenk, wie es heißt. Ein Geschenk, das ungefähr dieselbe Wertschätzung ausdrückt wie ein abgelaufener Gutschein zu Weihnachten.

Man stelle sich die Übergabe vor: Der Beamte reicht dem verletzten Soldaten eine Tüte Zwiebeln. Der Soldat blickt irritiert. Der Beamte nickt ernst. Der Soldat sagt: „Ist das ein Witz?“ Der Staat sagt: „Nein, das ist Ihr Unterstützungsprogramm.“

Wenn moralische Unterstützung in Russland einen materiellen Wert hätte, man käme wahrscheinlich auf denselben Betrag.

Der Kriegsheld als Sparmodell

Das Verhältnis zwischen offizieller Rhetorik und Realität zeigt eine bemerkenswerte Schieflage. Im Staatsfernsehen werden Soldaten als Helden verehrt, denen die Nation alles schulde. Im echten Leben schuldet die Nation ihnen vor allem: Geld. Und zwar Geld, das offenbar niemand auszahlen möchte.

Die Botschaft zwischen den Zeilen lautet: „Danke fürs Kämpfen, danke fürs Sterben, aber könntet ihr bitte etwas günstiger sein?“

Es ist die Art von Satire, die man sich nicht mehr auszudenken braucht. Die Realität erledigt das inzwischen selbst.

Ein Fazit zwischen Tragödie und Groteske

Man könnte sagen, dass der Krieg teuer ist. Man könnte sagen, dass Russland spart, wo es kann. Man könnte sagen, dass Bürokratie eben manchmal langsam ist. Doch all das würde die moralische Bankrotterklärung nicht im Ansatz abbilden, die sich hier zeigt.

Ein Staat, der seine Soldaten zuerst verheizt, dann vergisst und schließlich mit Gemüse abspeist, führt keinen Krieg – er führt eine Bilanz. Und die einzige Frage ist: Wie lange lässt sich ein Volk durch Propaganda bei Laune halten, wenn selbst die Toten zu teuer werden?