Satiressum – Satire. Scharf. Subversiv.
Veröffentlicht am
Politik

Europa unter Aufsicht – wenn Rankings zu Politcomics werden und die USA die Pointe setzen

Autor
Europa unter Aufsicht – wenn Rankings zu Politcomics werden und die USA die Pointe setzen

Es ist ein ungewöhnlicher Moment, wenn ein politisches Ranking nicht nur überrascht, sondern auch die Frage aufwirft: Wer schreibt hier eigentlich die europäische Realität – und warum hat er einen amerikanischen Pass? Die neueste Ausgabe der „28 mächtigsten Personen Europas“ von Politico beantwortet diese Frage mit der sanften Eleganz eines fallenden Presslufthammers: Auf Platz 1 thront der US-Präsident. Nicht wegen einer geografischen Verwirrung, sondern weil seine Entscheidungen wie ein transatlantisches Erdbeben durch die europäischen Hauptstädte rollen – und regelmäßig irgendwo ein politisches Wackelglas vom Tisch fällt.

Das Magazin begründet seine Wahl mit dem Satz: „Niemand hat mehr Einfluss auf Europa ausgeübt.“ Ein Satz, der sich liest, als habe Europa eine Erziehungsberechtigung übertragen bekommen. Während man früher glaubte, Europa sei ein selbstbestimmtes Konstrukt mit 450 Millionen Menschen, zeigt sich nun: Es reicht ein spontaner Tweet des US-Präsidenten, und irgendwo in Brüssel werden hektisch sechs Notfallgipfel einberufen.

Normalerweise dürfen in dieser Rangliste nur Menschen erscheinen, die zumindest in der Theorie in Europa wohnen. Doch dieses Jahr wurde eine Ausnahme gemacht. Denn, wie Politico schreibt: „Wenn es jemals einen Moment gab, eine Ausnahme zu machen, dann jetzt.“ Was ungefähr so klingt wie: „Wir hätten uns auch dagegen entscheiden können – aber ehrlich, schaut euch die Lage an.“ Tatsächlich liegt der Schatten Washingtons mittlerweile so tief über Europa, dass selbst Solarparks nervös werden.

Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie, die Europa erklärt, wo seine Probleme liegen, liest sich wie eine Mischung aus politischer Pathologie und transatlantischem Reality-TV: Europa habe eine „Unterdrückung der Meinungsfreiheit“, „abstürzende Geburtenraten“ und „Verlust nationaler Identität“. Natürlich fühlt man sich etwas belehrt, wenn ein Land, dessen gesellschaftlicher Konsens bereits beim Wetterbericht kollabiert, Europa ermahnt, mehr Selbstvertrauen zu entwickeln. Aber immerhin: Die Diagnose kommt mit einem klaren Ziel. Man möchte Europa helfen, seinen „Kurs zu korrigieren“. Wie nett. Ein geopolitisches Coaching, quasi.

Doch auch Europa selbst hat einiges dazu beizutragen. Auf Platz 3 des Rankings landet der deutsche Bundeskanzler, beschrieben als „der unwillige Radikale“. Ein Titel, der den Charme eines widerspenstigen Teenagers hat, der gezwungen wird, sein Zimmer aufzuräumen. Der Kanzler, der eigentlich als Verfechter solider Haushaltsführung galt, setzte plötzlich ein gigantisches Ausgabenpaket durch – und beendete damit Jahrzehnte deutscher Politik, die im Wesentlichen aus dem Satz „Nein, wir können das nicht bezahlen“ bestand. Eine Zeitenwende eben, nur mit Haushaltszahlen statt Poesie.

Während außenpolitisch die Bedeutung Deutschlands gelobt wird, sieht es innenpolitisch weniger rosig aus. 32 Prozent der Bevölkerung fühlen sich beim Kanzler „in guten Händen“. Was höflich formuliert bedeutet: Zwei Drittel schauen nervös in Richtung Ausgang und hoffen, dass irgendwo eine Alternative lauert, die nicht noch schlimmer ist.

Doch Deutschland ist gut vertreten: Ursula von der Leyen taucht als „eiserne Hand“ auf – ein Spitzname, der vermuten lässt, dass sie auch Schrauben mit bloßen Fingern festziehen könnte – und Manfred Weber als „Strippenzieher“. Im europäischen Politbetrieb ist das immerhin ein Kompliment. Besser Strippen ziehen als am seidenen Faden hängen.

Auch eine Politikerin der linken Seite schafft es auf die Liste: Die „virale Stimme“. Ein Titel, der eher wie eine Diagnose klingt, die man beim Arzt abholen müsste. Doch ihre Social-Media-Rede über eine brisante Bundestagsabstimmung hat ihr einen Platz im Ranking gesichert. Im Zeitalter digitaler Stimmungs-Explosionen ist Viralerfolg schließlich die politische Währung der Zukunft. Geld kann man damit zwar nicht drucken – aber Reichweite schon.

Auf den weiteren Plätzen folgen Politikerinnen und Politiker, deren ideologische Bandbreite so groß ist, dass man sie auch als politisches Überraschungsei verkaufen könnte: Marine Le Pen, Nigel Farage, Giorgia Meloni. Rechts, rechter, recht erfolgreich – zumindest im Ranking. Meloni gilt sogar als Beweis dafür, dass eine rechtsextreme Regierungschefin ein EU-Gründungsland führen kann, ohne dass dieses spontan implodiert. Sicher ein beruhigender Gedanke – je nachdem, wen man fragt.

Viktor Orbán wird als „Kopfschmerz“ bezeichnet. Ein Titel, der so präzise ist, dass man ihn eigentlich als offizielle Funktionsbezeichnung ins ungarische Staatswappen eintragen könnte. Seit 15 Jahren blockiert und provoziert er zuverlässig, wie ein politisches Nadelkissen, das niemand wegwerfen darf.

Wladimir Putin taucht ebenfalls auf – als „Provokateur“. Dass dies ungefähr so untertrieben ist wie „Wasser ist nass“, muss man niemandem erklären. Seine Rolle als Störfaktor wird im Ranking nicht etwa hinterfragt, sondern als geopolitische Tatsache behandelt: Ein Teil der europäischen Realität, so feststehend wie die Frage, ob Frankreich heute wieder streikt.

Weit dahinter findet sich der ukrainische Präsident Selenskyj als „Joker“. Dieser Joker jongliert allerdings nicht mit Karten, sondern mit existenziellen Problemen: Korruptionsskandalen, Krieg, schwindender Unterstützung und diplomatischen Minenfeldern. Seine Position im Ranking wirkt wie ein Hinweis: Er sitzt am Tisch, aber jemand anderes mischt die Karten.

Am Ende ergibt dieses Ranking eine Landkarte der Macht, die weniger ein strukturiertes Bild ergibt als ein Sammelsurium politischer Rollenspiele: der Radikale wider Willen, die eiserne Hand, der Strippenzieher, der Kopfschmerz, der Provokateur, der Joker – und ein US-Präsident, der die europäische Politik fernsteuert, als hätte jemand aus Versehen die Weltpolitik in den Story-Modus eines Konsolenspiels versetzt.

Europa wirkt dabei wie eine Region, die zwar viele Akteure hat, aber trotzdem regelmäßig über den Atlantik schaut – in der Hoffnung, dass der Mann mit der Fernbedienung gnädig gestimmt ist.