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Redaktionelle Endlagerung: Wie CBS einen Gefängnisbericht sicher entsorgte
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Die amerikanische Medienlandschaft ist stolz auf ihre Tradition des investigativen Journalismus. Sie ist so stolz darauf, dass sie ihn gelegentlich liebevoll einwickelt, beschriftet und in ein Regal stellt – mit dem Hinweis „Wird später ausgestrahlt“. Genau diese moderne Form der Wahrheitslagerung demonstrierte CBS News am Sonntagabend, als ein bereits angekündigter Beitrag in der legendären Sendung 60 Minutes wenige Stunden vor der Ausstrahlung spurlos verschwand.
Geplant war ein Bericht über das Abschiebegefängnis CECOT in El Salvador, ein Ort, der weniger an ein Korrektionssystem erinnert als an ein staatlich betriebenes Betonexperiment zur Belastbarkeit des menschlichen Körpers. Internationale Beobachter beschreiben die Anlage regelmäßig mit Worten wie „brutal“, „entmenschlichend“ oder „bitte nicht hinschauen“. Genau hinschauen wollte jedoch CBS – zumindest bis kurz vor Sendebeginn.
Die verantwortliche Reporterin Sharyn Alfonsi hatte für den Beitrag mit mehreren Männern aus Venezuela gesprochen, die unter der Regierung von Donald Trump nach El Salvador abgeschoben worden waren. Diese Männer berichteten von permanenter Isolation, Schlafentzug, Gewalt und einem Alltag, der selbst für hartgesottene Gefängnissysteme als ambitioniert gilt. Das journalistische Ärgernis: Die Männer waren inzwischen wieder auf freiem Fuß. Lebendige Zeugen sind in solchen Fällen bekanntlich besonders lästig, weil sie dazu neigen, Dinge zu bestätigen.
Kurz bevor diese Berichte amerikanische Wohnzimmer erreichen konnten, meldete die neue Chefredakteurin Bari Weiss Bedenken an. Der Beitrag sei nicht vollständig. Es fehle eine Stellungnahme der Trump-Regierung. Ein klassisches Argument – wäre da nicht die Tatsache, dass das Weiße Haus und das Innenministerium sämtliche Anfragen unbeantwortet gelassen hatten. In der heutigen Medienpraxis gilt Schweigen jedoch nicht mehr als Verweigerung, sondern als redaktionelle Herausforderung mit Sperrwirkung.
Um diese Hürde aus dem Weg zu räumen, soll Weiss der Redaktion sogar die Telefonnummer von Stephen Miller übermittelt haben, Trumps stellvertretendem Stabschef und ideologischem Architekten der Abschiebepolitik. Journalismus als Concierge-Service: „Hier ist die Nummer. Wenn niemand rangeht, versuchen Sie es bitte später noch einmal. Oder morgen. Oder nach der nächsten Wahl.“
Dass Miller ebenfalls nicht reagierte, änderte nichts am Ergebnis. Stattdessen wurde der Beitrag kurzerhand aus dem Programm genommen. Nicht gestrichen, versteht sich. Verschoben. Ein Begriff von großer Eleganz. Er suggeriert Aktivität, ohne Konsequenzen zu erzeugen. Der Beitrag ist nicht tot, er ruht nur. Wie ein Vulkan. Oder ein Wahlversprechen.
Alfonsi reagierte empört. In einem internen Memo machte sie klar, dass alle Fakten geprüft, alle juristischen Fragen geklärt und alle internen Standards erfüllt worden seien. Das Schweigen der Regierung dürfe kein faktisches Vetorecht darstellen. Eine Ansicht, die früher als Grundvoraussetzung journalistischer Arbeit galt und heute klingt wie eine Fußnote aus einem Geschichtsbuch über Pressefreiheit.
Weiss hingegen erklärte gegenüber der New York Times, es sei bei CBS nicht unüblich, „unfertige“ Beiträge zurückzuhalten. Man freue sich auf die Ausstrahlung dieses „wichtigen Stücks“, sobald es fertig sei. Wann dieser Zustand erreicht ist, ließ sie offen. Vermutlich dann, wenn alle Beteiligten zufrieden sind. Oder zumindest die richtigen.
Der Kontext dieser Entscheidung macht die Angelegenheit besonders lehrreich. CBS gehört zur Mediengruppe Paramount, die seit Kurzem im Besitz der Familie des Software-Milliardärs Larry Ellison ist. Ellison ist kein stiller Beobachter der Politik, sondern ein bekennender Unterstützer Trumps. Nach der Übernahme wurde die Nachrichtenredaktion umgebaut, personell neu aufgestellt und politisch neu justiert. Kritiker sprechen von einem Rechtsruck, Befürworter von „Balance“.
Diese Balance äußert sich nun in einer neuen journalistischen Praxis: Wahrheit wird nicht mehr unterdrückt, sie wird terminiert. Recherchen sind erlaubt, solange ihre Ausstrahlung in ein politisch kompatibles Zeitfenster fällt. Wer unbequem berichtet, muss sich nicht mit Zensur auseinandersetzen – sondern mit Kalendern.
Das Ergebnis ist ein System, das bemerkenswert effizient arbeitet. Journalisten recherchieren unter hohem persönlichem Einsatz. Redaktionen prüfen gründlich. Anwälte nicken ab. Und am Ende entscheidet eine einzelne Instanz, dass die Realität zwar korrekt, aber leider noch nicht sendefähig ist. Niemand verbietet etwas. Niemand greift offen ein. Es wird einfach nicht gesendet.
Für das Publikum bleibt ein irritierender Eindruck. Wenn investigative Berichte davon abhängen, ob die politisch Verantwortlichen Lust haben zu antworten, entsteht ein neues Machtinstrument: Wer genug Einfluss hat, kann Berichterstattung verhindern, indem er konsequent schweigt. Lautlos, effektiv und vollkommen regelkonform.
So liegt der Beitrag über das Abschiebegefängnis CECOT nun dort, wo unbequeme Wahrheiten heute gut aufgehoben sind: im Archiv. Neben anderen Stücken, die wichtig, korrekt und geprüft waren – aber leider zum falschen Zeitpunkt.
Währenddessen läuft die Sendung weiter. Die Musik erklingt. Die Moderation bleibt souverän. Und irgendwo zwischen Werbeblock und Abspann wird deutlich: Journalismus wird heute nicht mehr bekämpft. Er wird verwaltet.