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Fahne im Eis: Trumps Grönland-Offensive zwischen Weltmachtfantasie und Frostschaden
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Die Weltpolitik kennt bekanntlich zwei Jahreszeiten: den kalten Krieg und die kalte Dusche. Grönland befindet sich geografisch ohnehin im Dauerfrost, politisch aber gerade mitten im zweiten Zustand. Denn Donald Trump hat wieder einmal beschlossen, dass Kartenmaterial lediglich eine freundliche Empfehlung darstellt – und dass Eigentumsfragen im Zweifel durch ausreichend Selbstbewusstsein ersetzt werden können.
Grönland, flächenmäßig die größte Insel der Erde, überwiegend aus Eis bestehend und bevölkert von rund 57.000 Menschen, ist in den Augen des US-Präsidenten offenbar weniger Heimat als Gelegenheit. Wo andere Schneestürme sehen, erkennt Trump strategische Tiefe. Wo Einheimische Fjorde sehen, sieht er Startbahnen. Und wo Dänemark jahrzehntelang souveräne Zuständigkeit wahrnimmt, erkennt er vor allem ein organisatorisches Versäumnis: zu wenig Stars and Stripes pro Quadratkilometer.
Um dieser strategischen Lücke entschlossen zu begegnen, hat Trump nun einen Sondergesandten ernannt. Die Wahl fiel auf Jeff Landry, Gouverneur von Louisiana. Louisiana – jenes Bundesland, das klimatisch vor allem durch hohe Luftfeuchtigkeit, Sumpfgebiete und die ständige Gefahr auffällt, dass einem etwas anspringt. Ausgerechnet dieser Mann soll nun die diplomatische Eisbrecherrolle übernehmen. Es ist, als würde man einen Kapitän der Karibik-Flotte beauftragen, den Nordpol zu verwalten, weil Wasser schließlich überall Wasser ist.
Trump erklärte auf Truth Social, Landry verstehe, wie wichtig Grönland für die nationale Sicherheit der USA sei. Eine Aussage, die beruhigend wirkt, solange man nicht darüber nachdenkt, dass zwischen Baton Rouge und Nuuk etwa 4.600 Kilometer liegen. Doch Entfernung war noch nie ein Hindernis für große Ideen. Im Gegenteil: Je weiter etwas entfernt ist, desto einfacher lässt es sich gedanklich annektieren.
Landry selbst zeigte sich begeistert. Es sei ihm eine Ehre, dabei helfen zu dürfen, Grönland „einen Teil der USA zu machen“. Das klingt weniger nach Diplomatie als nach einem besonders ehrgeizigen Vereinsbeitritt, bei dem die Mitgliederliste bereits gedruckt wurde, bevor jemand gefragt hat, ob er überhaupt mitspielen möchte.
In Dänemark löste diese Personalie eine Reaktion aus, die in diplomatischen Kreisen als „angespannt höflich“ gilt und im Klartext etwa „Fassungslosigkeit mit Protokoll“ bedeutet. Außenminister Lars Løkke Rasmussen kündigte an, den US-Botschafter einzubestellen. Eine Maßnahme, die man üblicherweise ergreift, wenn ein Verbündeter beginnt, sich wie ein Immobilienmakler mit militärischem Beipackzettel zu verhalten. Die Ernennung sei „völlig inakzeptabel“ und belege, dass das amerikanische Interesse an Grönland weiterhin bestehe. Das stimmt – es besteht so hartnäckig, dass man fast geneigt ist, von emotionaler Bindung zu sprechen.
Besonders pikant bleibt Trumps frühere Aussage, Grönland notfalls auch militärisch annektieren zu können. Das ist eine bemerkenswerte Wortwahl in einer Welt, die sich mühsam darauf geeinigt hat, dass Grenzen nicht nach dem Prinzip „Wer lauter ruft, bekommt mehr Land“ verschoben werden. Internationale Normen wirkten in diesem Moment eher wie lose beigelegte Beipackzettel, die man ungelesen entsorgt, weil sie den kreativen Prozess stören.
Zwar wurde der Ton zuletzt etwas leiser, doch das ist relativ. Wenn jemand erst mit der Tür ins Haus fällt und später ankündigt, sie nur noch anzulehnen, bleibt der Schaden am Türrahmen sichtbar. Die europäischen Staaten reagierten entsprechend aufmerksam. Man kann es auch so formulieren: Wenn jemand beginnt, über militärische Optionen gegen Verbündete nachzudenken, hört man automatisch genauer zu.
Zusätzliche Würze erhielt die Situation durch den Besuch von Trumps Stellvertreter JD Vance auf dem US-Militärstützpunkt Pituffik im Nordwesten Grönlands. Militärbasen sind bekanntlich Orte stiller Zurückhaltung und diskreter Symbolik. Entsprechend wurde der Besuch vielerorts als das verstanden, was er war: eine sehr große, sehr sichtbare Erinnerung daran, dass man da ist – und bleibt.
Dänische Medien berichteten zudem, dass mehrere Trump-nahe Regierungsmitarbeiter versucht hätten, direkten Einfluss in Grönland zu nehmen. Dabei gilt im Königreich Dänemark die leicht altmodische Regel, dass bei Gesprächen über Außen-, Sicherheits- und Verteidigungsfragen sowohl dänische als auch grönländische Vertreter anwesend sein müssen. Ein Konzept, das offenbar nicht ganz kompatibel ist mit dem Gedanken, man könne einfach bilateral Fakten schaffen, während die eigentlichen Betroffenen höflich draußen warten.
Trump selbst verweist gern auf den Louisiana-Kauf von 1803, als die USA ein riesiges Gebiet von Frankreich erwarben. Der historische Vergleich hat Charme – wenn man ignoriert, dass damals Verträge geschlossen, Geld gezahlt und keine Sondergesandten mit Expansionsdrang entsandt wurden. Heute wirkt dieser Verweis eher wie der Versuch, Geschichte als Argumentationsabkürzung zu nutzen: „Hat früher funktioniert, warum also nicht wieder?“
Grönland selbst bleibt währenddessen bemerkenswert unaufgeregt. Die Insel ist weitgehend autonom, kulturell eigenständig und politisch nicht auf der Suche nach einem neuen Eigentümer. Für die Menschen dort ist Grönland kein strategisches Spielfeld, sondern Alltag, Landschaft, Identität. Vielleicht liegt genau hier der größte Gegensatz: Während in Washington über Sicherheitsarchitektur, Rohstoffe und globale Macht sinniert wird, geht es vor Ort um Selbstbestimmung und darum, nicht als Randnotiz fremder Ambitionen zu enden.
So entfaltet sich diese Geschichte ganz von selbst als politische Groteske. Ein Präsident, der Territorien wie Optionen behandelt. Ein Sondergesandter, der näher an den Everglades als am Polarkreis zuhause ist. Verbündete, die sich plötzlich erklären müssen, warum ihre Grenzen keine Verhandlungsmasse sind. Und eine riesige Insel aus Eis, die stoisch liegen bleibt, während um sie herum Fantasien auftauen und wieder gefrieren.
Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: Grönland ist kalt. Die Debatte darum aber erstaunlich hitzig.