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Mehr Arbeit wagen: Deutschlands Wachstumsplan zwischen Überholspur und Dauerbaustelle

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Mehr Arbeit wagen: Deutschlands Wachstumsplan zwischen Überholspur und Dauerbaustelle

Deutschland steckt seit drei Jahren in einer Konjunkturflaute, die inzwischen so verlässlich ist, dass man sie fast in den Kalender eintragen kann. Frühjahr: Hoffnung. Sommer: Prognose. Herbst: Korrektur. Winter: Durchhalten. Für 2026 verspricht die Deutsche Bundesbank nun ein Wachstum von 0,6 Prozent. Ein Wert, der so vorsichtig formuliert ist, dass er niemanden beunruhigt, aber auch niemanden vom Sofa reißt. Im Juni waren es noch 0,7 Prozent – ein Rückgang, der zeigt: Selbst Optimismus unterliegt der Inflation.

In dieser Lage meldet sich Katherina Reiche mit einer klaren Botschaft zu Wort: Deutschland muss mehr arbeiten. Nicht effizienter, nicht klüger, nicht entspannter – sondern schlicht mehr. Die Diagnose ist bestechend einfach und hat einen großen Vorteil: Sie passt auf jedes Problem. Wachstum stockt? Mehr Arbeit. Fachkräftemangel? Mehr Arbeit. Schlechte Stimmung? Wahrscheinlich auch zu wenig Arbeit.

Deutschland müsse „zurück auf die Überholspur“, erklärt Reiche. Ein bemerkenswertes Bild, wenn man bedenkt, dass viele Bürger eher das Gefühl haben, sich auf einer endlosen Baustelle zu befinden, mit wechselnden Fahrbahnmarkierungen und dem freundlichen Hinweis: „Bitte Geduld, Wachstum in Vorbereitung.“ Doch die Überholspur klingt nach Tempo, nach Dynamik, nach Motorengeräusch – selbst wenn niemand genau weiß, wer hier eigentlich überholt werden soll.

Der Koalitionsvertrag, so Reiche, sei für sie die Basis politischen Handelns, für die SPD jedoch die Decke. Diese Decke müsse nun gemeinsam angehoben werden. Politisch übersetzt: Die Union möchte umbauen, die SPD möchte erst die Statik prüfen. Reiche hingegen greift bereits zum Schraubenschlüssel und erklärt, Stillstand sei keine Option – zumindest nicht vor dem Renteneintritt.

Kern der Reformagenda ist die Gesamtarbeitszeit. Diese sei zu niedrig, sagt Reiche, und das liege unter anderem am hohen Teilzeitanteil. Knapp ein Drittel der Erwerbstätigen arbeitet mittlerweile in Teilzeit. Das Statistisches Bundesamt liefert dazu nüchtern die Zahlen: durchschnittlich 34,3 Stunden pro Woche, deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Für Reformfreunde ist das kein gesellschaftlicher Trend, sondern ein ungenutztes Potenzial, das nur darauf wartet, aktiviert zu werden.

Die Lösung folgt einer klaren Logik: mehr arbeiten. Entweder länger pro Woche, länger im Leben oder – aus Sicht der Konjunktur besonders charmant – beides. Ein höheres Renteneintrittsalter sei denkbar, ebenso steuerliche Anreize für längere Wochenarbeitszeiten. Teilzeit soll wieder das sein, was sie früher war: eine vorübergehende Phase, keine dauerhafte Lebensentscheidung. Dass viele Menschen Teilzeit arbeiten, weil Betreuung fehlt oder Belastungen steigen, wird zwar erwähnt, aber eher wie ein organisatorisches Detail behandelt, das sich mit ausreichend gutem Willen und ein paar Anreizen schon erledigen lasse.

Besonders kritisch sieht Reiche die Frühverrentung. Es könne nicht sein, dass Unternehmen über Fachkräftemangel klagen und gleichzeitig gut qualifizierte Mitarbeiter ab 61 in Altersteilzeit schicken. Das sei widersprüchlich. In der Logik der Wachstumsdebatte ist das ein Skandal. In der Realität bedeutet es vor allem: Wer lange genug gearbeitet hat, sollte bitte noch ein wenig länger durchhalten – für das Bruttoinlandsprodukt.

Flankiert wird diese Linie vom Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn, der das Wirtschaftswachstum zur „Schicksalsfrage dieses Landes“ erklärt. Ein großes Wort für einen kleinen Prozentwert, aber große Worte gehören zur wirtschaftspolitischen Grundausstattung. Spahn will künftig jedes Gesetz daran messen, ob es dem Wachstum dient. Eine Art politischer Wachstums-TÜV: Ohne Wachstum keine Zulassung.

2026 müsse ein Jahr des Wachstums werden, sagt Spahn, nicht ein Jahr neuer Schulden. Wachstum statt Schulden, Zuversicht statt Zweifel. Die Sozialversicherungsbeiträge müssten stabil bleiben oder sinken, damit sich Personalkosten nicht verteuerten. Der Bürger soll wieder Vertrauen fassen – idealerweise während er länger arbeitet, später in Rente geht und dabei beruhigt feststellt, dass sein Arbeitsplatz nun flexibler kündbar ist.

Denn auch der Kündigungsschutz steht auf der Reformliste. Reiche fordert einen „flexibleren Kündigungsschutz“, der die Schwachen schützt, es Unternehmen aber ermöglicht, insbesondere im Hochlohnbereich schneller Personal abzubauen. Das ist eine Konstruktion von beeindruckender Eleganz: Schutz durch Abbau, Sicherheit durch Unsicherheit. Wer gut verdient, soll leichter gehen können, damit Unternehmen beweglich bleiben. Beweglichkeit ist schließlich die neue Stabilität.

So verdichtet sich die wirtschaftspolitische Debatte zu einem klaren Leitmotiv: Wachstum durch Mehrbelastung. Mehr Stunden, mehr Jahre, mehr Flexibilität. Der Mensch wird zum Konjunkturprogramm, das sich selbst finanziert. Wer arbeitet, hilft dem Wachstum. Wer länger arbeitet, hilft mehr. Wer dabei nicht weiß, wie lange der Job noch existiert, bleibt flexibel – und Flexibilität gilt bekanntlich als Tugend.

Am Ende bleibt die Prognose der Bundesbank: 0,6 Prozent Wachstum im Jahr 2026. Kein Boom, kein Aufbruch, eher ein vorsichtiges Lebenszeichen. Doch mit etwas zusätzlicher Arbeitszeit, einem höheren Renteneintrittsalter und einem gelockerten Kündigungsschutz könnte daraus vielleicht sogar 0,7 werden. Und wenn nicht, lässt sich die Überholspur jederzeit neu ausrufen. Schilder sind geduldig. Menschen meistens auch.