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Wenn Geschichte kommentiert wird: Der Arkadengang als Meinungswand
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Im Weißen Haus hängen bekanntlich viele Dinge: schwere Vorhänge, schwere Entscheidungen und seit Kurzem offenbar auch sehr leichte Urteile. In einem Arkadengang, der bislang der stillen Würdigung vergangener Präsidenten diente, hat der amtierende Hausherr eine Innovation eingeführt, die man als Fortschritt im Bereich „niedrigschwellige Geschichtsschreibung“ bezeichnen könnte. Die Porträts der früheren Amtsinhaber wurden um persönliche Kommentare ergänzt – handverlesen, handfest und handschriftlich im Geiste.
Wo früher Namen, Amtszeiten und wohlformulierte Kurzbiografien standen, liest man nun Bewertungen, die klingen, als seien sie direkt aus einer Wahlkampfrede gefallen und beim Aufprall auf die Wand nicht weiter redigiert worden. Das Weiße Haus wird damit zur ersten offiziellen Institution, in der Geschichte nicht mehr erklärt, sondern kommentiert wird. Nicht im Sinne von Einordnung, sondern im Sinne von Endurteil. Diskussionen sind damit abgeschlossen, die Wand spricht.
Besonders prominent ist das Porträt von Joe Biden versehen worden. Unter seinem Bild steht, er sei „mit Abstand der schlechteste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten“ gewesen und habe sein Amt nach der „korruptesten Wahl aller Zeiten“ angetreten. Das ist keine historische These, sondern eine Feststellung – zumindest dann, wenn man davon ausgeht, dass Großbuchstaben und absolute Formulierungen automatisch Wahrheitsgehalt erzeugen. Der Vorteil dieser Methode: Sie ist zeitsparend. Der Nachteil: Sie benötigt keinerlei Belege und ist daher extrem flexibel einsetzbar.
Barack Obama bekommt ebenfalls eine prägnante Würdigung. Er gilt laut Kommentar als eine der „spaltendsten Figuren“ der amerikanischen Politik. Worin genau diese Spaltung bestand, bleibt offen, was Raum für Interpretation lässt. Möglicherweise lag sie in politischen Entscheidungen, möglicherweise im Tonfall oder möglicherweise darin, dass er existierte. Spaltung ist hier kein gesellschaftlicher Prozess, sondern eine persönliche Eigenschaft – vergleichbar mit Augenfarbe oder Händedruck, nur deutlich schwerer zu widerlegen.
Andere Präsidenten kommen glimpflicher davon, was weniger über ihre Politik aussagt als über ihre aktuelle Relevanz. Geschichte wird hier nach einem einfachen Prinzip sortiert: Wer im politischen Wettbewerb noch nützlich ist, bekommt Aufmerksamkeit. Wer nicht mehr stört, darf schweigend an der Wand hängen.
Am ausführlichsten kommentiert wird – wenig überraschend – das Porträt des amtierenden Präsidenten selbst. Hier entfaltet sich ein Panorama der Selbstzuschreibung. Grandiose Wahlsiege werden gefeiert, unabhängig davon, wie viele davon offiziell anerkannt wurden. Steuersenkungen werden aufgelistet, ohne dass erwähnt wird, wer sie bezahlt hat. Großprojekte finden Erwähnung, selbst wenn sie sich noch im Stadium ambitionierter Bauzäune befinden. Der Anspruch ist klar: Leistung entsteht nicht durch Vollendung, sondern durch Behauptung.
Besonders hervorgehoben wird die Umbenennung des „Golf von Mexiko“ in den „Golf von Amerika“. Geografen weltweit dürften erleichtert sein, dass jahrhundertelange Kartenarbeit nun endlich korrigiert wurde. Grenzen, Namen und Tatsachen erscheinen in dieser Logik nicht als Ergebnisse internationaler Übereinkünfte, sondern als Vorschläge, die jederzeit überarbeitet werden können – vorzugsweise mit wasserfestem Marker.
Auch der noch nicht fertiggestellte Ballsaal wird stolz erwähnt. Das ist konsequent, denn warum sollte man warten, bis etwas existiert, wenn man es bereits feiern kann? In dieser Geschichtsauffassung zählt nicht, was war oder ist, sondern was irgendwann hätte großartig sein können. Erinnerung wird damit zur Vorschau.
Der Arkadengang des Weißen Hauses entwickelt sich so zu einem Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Wunschdenken friedlich nebeneinanderhängen. Objektivität spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist allein die Perspektive – und die stammt ausnahmslos aus einer Richtung. Historische Komplexität wird durch klare Etiketten ersetzt, Zwischentöne durch Superlative, Zweifel durch Ausrufezeichen.
Für Besucherinnen und Besucher ergibt sich ein neues Museumserlebnis. Statt stiller Ehrfurcht bietet sich die Möglichkeit, Geschichte als Meinungsäußerung zu konsumieren. Jeder Blick auf ein Porträt liefert nicht nur ein Gesicht, sondern gleich eine Bewertung mit. Der Rundgang wird so zur Führung durch ein geschlossenes Weltbild, in dem Vergangenheit eindeutig geregelt ist und die Gegenwart keine Fragen mehr stellt.
Am Ende bleibt ein Weiße-Haus-Gang, der weniger über frühere Präsidenten erzählt als über das Verhältnis eines Mannes zur Geschichte. Sie ist kein offener Prozess, sondern ein Regal, in das man Zettel klebt. Und wer den Stift hält, entscheidet, was bleibt.