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Die Eisjungfrau und der Orkan: Wie Susie Wiles das Weiße Haus erklärt

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Die Eisjungfrau und der Orkan: Wie Susie Wiles das Weiße Haus erklärt

Im Weißen Haus gilt seit jeher eine einfache Regel: Wer gesehen wird, ist ersetzbar. Wer gehört wird, ist gefährlich. Susie Wiles, Stabschefin von US-Präsident Donald Trump, hat diese Regel perfektioniert. Während andere politische Schwergewichte sich vor Kameras stapeln, sitzt sie bevorzugt dort, wo Objektive enden. Im toten Winkel. Anwesend, aber unsichtbar. Zuständig für alles, verantwortlich für nichts – zumindest offiziell.

Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet diese Frau über Monate hinweg mit einem Reporter sprach. Nicht einmal, nicht impulsiv, nicht aus Versehen. Sondern wiederholt, detailliert, strukturiert. Das Ergebnis ist eine Innenansicht des Weißen Hauses, die weniger nach Skandal klingt als nach Betriebsanleitung für Dauerchaos.

Wiles beschreibt ihren Chef als jemanden mit einer „Alkoholiker-Persönlichkeit“. Ein Mensch, der nicht trinkt, aber trotzdem alle klassischen Symptome mitbringt: Impulsivität, Maßlosigkeit, emotionale Übersteuerung. Die Aussage ist präzise, persönlich und bemerkenswert medizinisch für einen politischen Kontext. Sie wirkt umso schärfer, da Wiles sie biografisch unterfüttert. Ihr Vater Pat Summerall, berühmter Sportkommentator und Alkoholiker, war ein Idol Trumps. „Ich beurteile Menschen nach ihren Genen“, habe Trump immer wieder gesagt. Eine Aussage, die elegant erklärt, warum Charakterfragen im Weißen Haus gern als Erbproblem behandelt werden.

Auch das Umfeld des Präsidenten wird nicht verschont. Vizepräsident JD Vance erscheint als jemand, der seit einem Jahrzehnt Verschwörungstheorien sammelt wie andere Briefmarken – und sie politisch sinnvoll einzusetzen weiß. Russell Vought, Architekt des Projekts 2025 und Budgetplaner, wird als ideologisch kompromisslos beschrieben. Elon Musk, lange enger Mitarbeiter Trumps, taucht im Zusammenhang mit Ketamin auf. Nicht als Vorwurf, eher als Erklärungshilfe.

Dass all dies öffentlich wurde, überrascht vor allem deshalb, weil Wiles als Inbegriff der Loyalität gilt. Sie begleitet Trump seit 2015, organisierte seinen Wahlkampf in Florida, blieb auch dann, als andere gingen, und wurde schließlich Stabschefin. Trump nennt sie „die Eisjungfrau“. Ein Spitzname, der weniger Kälte als Kontrolle suggeriert. Wer nicht schmilzt, tropft nicht.

Ihr Stellvertreter James Blair erklärt das Erfolgsrezept: Wiles habe kein Ego. In einem Umfeld aus Ego, Testosteron und Daueraufmerksamkeit sei genau das die Quelle ihrer Macht. Wo andere kämpfen, registriert sie. Wo andere eskalieren, wartet sie. Wo andere schreien, schreibt sie mit.

Die Veröffentlichung der Gespräche löste keine offene Revolte aus, sondern etwas viel Effektiveres: kollektive Loyalität. Ministerinnen und Minister äußerten sich geschlossen unterstützend. Auch jene, die von Wiles wenig schmeichelhaft beschrieben wurden, lobten sie öffentlich. Kritik richtete sich ausschließlich gegen die Medien. Die Darstellung sei verzerrt, unehrlich, schädlich. Dass dieselbe Regierung interne Konflikte sonst gern öffentlich austrägt, blieb unerwähnt.

Wiles selbst setzte den Ton. In einem Tweet sprach sie von einer gezielten Kampagne gegen „den besten Präsidenten, das beste Kabinett und die beste Weißes-Haus-Belegschaft in der Geschichte“. Ein Satz, der weniger verteidigt als definiert, was künftig als Wahrheit gilt.

Inhaltlich liefern die Gespräche bemerkenswerte Einblicke in Entscheidungsprozesse. Besonders bei den Zöllen. Trumps „Tag der Befreiung“ am 2. April löste monatelanges Chaos aus. Im Weißen Haus habe es heftige Debatten gegeben. Einige Berater sahen in Zöllen ein Allheilmittel, andere eine wirtschaftliche Katastrophe. Trump entschied sich trotzdem. Wiles nennt es „lautes Nachdenken“. Ein Begriff, der nahelegt, dass weltwirtschaftliche Entscheidungen manchmal entstehen wie spontane Gedankensplitter mit Zolltarif.

Die Folgen sind messbar. Importzölle wirken zeitverzögert, aber zuverlässig. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 4,6 Prozent, viermal in Folge. Umfragen bescheinigen dem Präsidenten miserable Wirtschaftswerte. „Wenn die Menschen ein schlechtes Gefühl über die Wirtschaft haben, sind wir im Arsch“, sagt Blair. Ein Satz, der im Weißen Haus offenbar als Analyse gilt.

Auch außenpolitisch bleibt Wiles erstaunlich offen. Zur militärischen Präsenz in der Karibik sagt sie, Trump wolle so lange Boote „in die Luft jagen“, bis Venezuelas Präsident Maduro kapituliert. Die Vereinten Nationen sprechen von außergerichtlichen Tötungen. Der Verteidigungsminister steht unter Druck. Wiles beschreibt keinen Plan, sondern einen Zustand: Eskalation als Routine.

Zum Ukraine-Krieg äußert sie Zweifel an Putins Friedenswillen. Trump glaube, Putin wolle „das ganze Land“. Der Eklat mit Präsident Selenskyj sei vorhersehbar gewesen. Wiles deutet an, dass Vance bewusst eskaliert haben könnte. Er habe genug gehabt. Außenpolitik als Ermüdungserscheinung.

Warum Wiles all das erzählte, bleibt offen. Vielleicht war es Vertrauen. Vielleicht Erschöpfung. Vielleicht das Wissen, dass niemand eine leise Wahrheit ernst nimmt, solange alle auf laute Lügen reagieren. Trump selbst reagierte entspannt. Er lobte Wiles, sagte, er vertraue ihr. Den Artikel habe er nicht gelesen. Die Fakten seien falsch – so wie er gehört habe. Der Interviewer sei absichtlich fehlgeleitet gewesen.

Im Weißen Haus gilt das als ausreichende Einordnung. Wer nicht liest, kann sich nicht ärgern. Wer nicht hört, kann nicht widersprechen. Und wer leise spricht, überlebt.

Susie Wiles tut all das. Und genau deshalb hört man ihr zu.