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Der Damm steht noch – aber die Taschen sind gepackt

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Der Damm steht noch – aber die Taschen sind gepackt

In Washington gibt es zwei Arten von Alarmmeldungen: die mit Sirenen – und die mit Kameras. Letztere wurde nun ausgelöst, als Marjorie Taylor Greene, lange Zeit eine der zuverlässigsten Verteidigerinnen des Präsidenten, plötzlich das Wort „Dammbruch“ in den Mund nahm. Ein Begriff, der in der politischen Rhetorik immer dann auftaucht, wenn man ein Problem gleichzeitig dramatisieren und vorsichtig auf Distanz gehen möchte. Der Damm, so die Botschaft, wackelt. Und wer das früh genug sagt, steht später nicht im Wasser.

Auslöser der Warnung sind mehrere Ereignisse, die sich wie kleine Fehlzündungen im ansonsten gut geölten Parteiapparat anfühlen. Dreizehn republikanische Abgeordnete stimmten im Repräsentantenhaus gemeinsam mit den Demokraten dafür, Tarifverhandlungsrechte für rund eine Million Bundesangestellte wiederherzustellen. Tarifverhandlungen – ein Thema, das in republikanischen Wahlprogrammen normalerweise irgendwo zwischen „Sozialismus“ und „gefährliche Idee“ einsortiert wird. Dass sich hier plötzlich Fraktionsmitglieder querstellen, wirkt ungefähr so überraschend, als würde ein Steakhaus vegane Wochen ankündigen.

Fast zeitgleich verweigerten Republikaner in Indiana eine Anpassung der Wahlkreise, die unter dem wohlklingenden Fachbegriff „Gerrymandering“ firmiert. Eine Praxis, die man in den USA seit Jahrzehnten pflegt wie einen traditionsreichen Volkssport. Wahlkreise werden so lange gebogen, gedehnt und gefaltet, bis sie politisch passen – oder aussehen wie ein schlecht gezeichneter Salamander. Dass ausgerechnet hier plötzlich jemand sagt: „Vielleicht doch nicht“, gilt in Parteikreisen bereits als subversiver Akt.

Greene deutet diese Vorgänge als Beginn der Wahlkampfsaison 2026 und gleichzeitig als Start der sogenannten Lame-Duck-Phase. Übersetzt heißt das: Der Präsident ist noch im Amt, aber nicht mehr alternativlos. In Washington ist das der Moment, in dem Loyalität neu berechnet wird. Taschenrechner werden gezückt, Umfragen gelesen und Wahlkreiskarten intensiv studiert. Die Frage lautet nicht mehr: „Was will das Weiße Haus?“, sondern: „Was hilft mir in zwei Jahren?“

Dass diese Diagnose ausgerechnet von Greene kommt, verleiht ihr besondere Würze. Sie galt lange als Bollwerk, als politische Stahlbetonstütze des Präsidenten. Wenn nun selbst dort von Rissen die Rede ist, wirkt das weniger wie ein plötzlicher Meinungsumschwung und mehr wie eine vorsorgliche Evakuierungsübung. Man bleibt noch im Gebäude, stellt aber schon mal den Koffer bereit.

Im Kongress lässt sich dieses Verhalten gut beobachten. Abgeordnete beginnen, bei Abstimmungen minimal anders zu votieren als erwartet. Nicht rebellisch, sondern vorsichtig eigenständig. Keine offenen Aufstände, sondern kleine Abweichungen, die sich später problemlos als „Sachentscheidung“ verkaufen lassen. Dreizehn Stimmen sind dabei keine Revolution, sondern ein Testballon. Man schaut, ob der Himmel einstürzt – oder ob man ungestraft einen Schritt zur Seite machen kann.

Der Präsident selbst zeigt sich davon unbeeindruckt. Öffentlich zumindest. Kritik aus den eigenen Reihen wird traditionell entweder ignoriert oder als Illoyalität etikettiert. Beides hat den Vorteil, dass man sich nicht mit Inhalten beschäftigen muss. Intern jedoch dürfte die Lage weniger entspannt sein. Denn politische Macht misst sich nicht an Lautstärke, sondern an Verlässlichkeit. Und wenn Verlässlichkeit plötzlich anfängt zu schwanken, wird selbst der größte Apparat nervös.

Die republikanische Partei steckt damit in einer klassischen Übergangsphase. Einerseits profitiert sie weiterhin von der Mobilisierungskraft des Präsidenten, andererseits wächst der Wunsch, nicht vollständig von ihm abhängig zu sein. Abgeordnete mit knappen Mehrheiten im Wahlkreis wissen, dass bedingungslose Loyalität kein Wahlkampfslogan ist, den man überall erfolgreich plakatieren kann.

Der angebliche „Dammbruch“ ist daher kein plötzlicher Einsturz, sondern ein langsames Durchsickern. Erst ein paar Tropfen, dann kleine Rinnsale, und irgendwann fragt man sich, ob das Fundament wirklich noch trocken ist. Niemand will der Erste sein, der laut ruft, dass es gefährlich wird – aber viele möchten später sagen können, sie hätten es früh erkannt.

So bleibt Washington in Bewegung. Die Partei sortiert sich neu, der Präsident beobachtet misstrauisch, und loyale Weggefährten beginnen, vorsichtig ihre Fluchtwege zu markieren. Der Damm steht noch. Aber er wird inzwischen von innen begutachtet – mit ernstem Blick und bereitgelegtem Helm.