Satiressum – Satire. Scharf. Subversiv.
Veröffentlicht am
Politik

66 Kündigungen, null Bedauern: Wie man die Weltordnung per Sammelaustritt verschlankt

Autor
66 Kündigungen, null Bedauern: Wie man die Weltordnung per Sammelaustritt verschlankt

Die Weltgemeinschaft wachte an diesem Tag mit dem diffusen Gefühl auf, dass irgendwo eine sehr große Tür sehr laut zugeschlagen worden war. Nicht aus Wut, nicht aus Versehen, sondern mit der ruhigen Entschlossenheit eines Menschen, der glaubt, dass Kooperation vor allem dann funktioniert, wenn man sie konsequent beendet. Das Weiße Haus verkündete den Austritt der Vereinigten Staaten aus 66 internationalen Organisationen. Sechsundsechzig. Eine Zahl, die weniger nach Außenpolitik klingt als nach dem Ergebnis einer besonders ambitionierten Kündigungsrunde bei einem schlecht gelaunten Buchhalter.

Urheber dieses politischen Großreinemachens ist Donald Trump, der damit eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass „America First“ nicht nur eine Parole ist, sondern ein umfassendes Weltverständnis. Es beschreibt eine Ordnung, in der die Vereinigten Staaten stets vorne stehen – und alles, was nicht sofort applaudiert, als störender Hintergrundlärm gilt. Internationale Organisationen, so die neue Erkenntnis, sind nämlich nur so lange sinnvoll, wie sie exakt das tun, was Washington ohnehin vorhatte.

Die offizielle Begründung liest sich wie ein Mix aus Haushaltsrede und Stammtischmonolog. Die Organisationen seien überflüssig, schlecht verwaltet, ideologisch verseucht und – besonders schlimm – undankbar. US-Außenminister Marco Rubio brachte es auf der Plattform X auf den Punkt, indem er von „antiamerikanischen, nutzlosen oder verschwenderischen internationalen Organisationen“ sprach. Damit ist endlich klargestellt, dass es sich bei multilateralen Institutionen offenbar um so etwas wie globale Hobbykeller handelt, in denen Menschen aus aller Welt sitzen und Pläne schmieden, wie man den USA den Tag verderben könnte – bevorzugt mit Studien, Konventionen und Sitzungen, die länger als 30 Minuten dauern.

Besonders hart trifft es den Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC. Dieses Gremium hat sich in den vergangenen Jahren den Luxus erlaubt, Daten zu sammeln, wissenschaftliche Modelle zu erstellen und Dinge zu behaupten wie: „Das Klima ändert sich.“ Eine provokante These, die bislang leider ohne Rücksicht auf nationale Slogans auskam. Dass steigende Temperaturen sich nicht an Wahlprogramme halten und CO₂ keine patriotischen Gefühle kennt, gilt nun offiziell als ideologische Grenzüberschreitung.

Ebenfalls betroffen sind Organisationen, die sich mit Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bildung oder Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen. Themen also, die international gern als Grundlage stabiler Gesellschaften gelten, im politischen Alltag aber häufig als dekoratives Beiwerk wahrgenommen werden. Aus Sicht der US-Regierung offenbar zu viel moralischer Überbau, zu wenig greifbarer Nutzen. Denn was nützt ein funktionierender Rechtsstaat, wenn er keinen sofort messbaren Gewinn pro Aktie abwirft?

Die Logik dahinter ist so bestechend einfach wie kompromisslos: Die USA zahlen, die Welt profitiert – und bedankt sich nicht ausreichend. Internationale Zusammenarbeit wird damit konsequent als Geschäftsmodell interpretiert. Wenn der Return on Investment nicht binnen einer Legislaturperiode sichtbar wird, folgt die Kündigung. Multilaterale Prozesse mit jahrzehntelangem Horizont gelten als unseriös, weil sie sich schlecht twittern lassen.

Dass dieser Kurs kein einmaliger Ausrutscher ist, zeigt ein Blick zurück. Bereits zuvor hatten die Vereinigten Staaten ihren Austritt aus der World Health Organization sowie aus der UNESCO angekündigt. Gesundheit und Kultur wurden damit erfolgreich als verzichtbarer Luxus identifiziert. Schließlich kann man Pandemien auch ignorieren und Weltkulturerbe hervorragend aus dem Autofenster betrachten.

Besonders unterhaltsam ist die Rede von „elitären Netzwerken“, die aus dem US-Außenministerium zu hören war. Gemeint sind internationale Zusammenschlüsse von Staaten, die sich regelmäßig treffen, abstimmen und versuchen, gemeinsame Lösungen zu finden. Offenbar reicht es heute schon, länger als zehn Minuten über ein Problem nachzudenken, um als Elite zu gelten. Die Gegenstrategie lautet folgerichtig: Fernbleiben, um Volksnähe zu demonstrieren.

Auch europäische Organisationen stehen auf der Liste, etwa ein finnisches Zentrum zur Bekämpfung hybrider Bedrohungen. Die Ironie dieser Entscheidung ist kaum zu übersehen. Hybride Gefahren – also komplexe, grenzüberschreitende Risiken – sollen künftig ohne grenzüberschreitende Kooperation bewältigt werden. Das ist ungefähr so, als würde man bei Sturm das Dach abdecken, um dem Wind zu zeigen, wer hier das Sagen hat.

Wie viel Geld durch den Austritt aus 66 Organisationen eingespart wird, bleibt unklar. Zahlen spielen in dieser Erzählung ohnehin eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist das Gefühl, endlich nicht mehr Teil eines Systems zu sein, das Kompromisse verlangt. Stattdessen setzt man auf maximale nationale Bewegungsfreiheit – frei von Absprachen, frei von Verpflichtungen und möglichst frei von unangenehmen Fakten.

Die Vereinten Nationen reagierten zunächst zurückhaltend und verwiesen auf ein späteres Statement. Vermutlich, weil man kurz innehalten musste, um zu prüfen, welche Sitzungsräume nun leer bleiben und ob die Kaffeemaschinen dadurch länger halten. Internationale Zusammenarbeit geht weiter, heißt es dort oft. Nur eben mit einem sehr großen, sehr lauten Stuhl weniger am Tisch.

Am Ende dieses Tages bleibt ein politisches Kunstwerk zurück: der größte gleichzeitige Rückzug aus internationalen Organisationen in der jüngeren Geschichte der USA, präsentiert als Akt der Stärke. Die Welt schaut zu und fragt sich, ob Stärke tatsächlich darin besteht, globale Probleme allein lösen zu wollen – oder sie schlicht nicht mehr mitzulesen.

Fest steht: Die Kündigungen sind raus, die Mitgliedsausweise abgegeben, die Namensschilder entfernt. Was bleibt, ist eine Welt, die weiterhin miteinander reden muss. Und ein Land, das entschieden hat, dass Zuhören eine gefährlich unterschätzte Form der Beteiligung ist.