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Ewig treu, aber jederzeit misstrauisch – Trumps Nato-Liebesdrama mit Grönland-Zwischenspiel
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Es gibt Beziehungen, die leben von Vertrauen. Es gibt Beziehungen, die leben von Gewohnheit. Und es gibt Beziehungen, die leben davon, dass mindestens eine Seite täglich erklärt, wie großartig sie ist und wie wenig man sich auf alle anderen verlassen kann. Willkommen im neuesten Kapitel der transatlantischen Paartherapie, präsentiert von Donald Trump und seiner sehr besonderen Vorstellung von Bündnistreue gegenüber der NATO.
Während in Washington erneut laut darüber nachgedacht wird, warum die Vereinigten Staaten Grönland „brauchen“, meldet sich Trump auf Truth Social mit einer Botschaft, die gleichzeitig beruhigen, verunsichern und verwirren soll. Die USA würden „immer“ zur Nato stehen, schreibt er. Immer. Auch dann, wenn die Nato nicht für die USA da sein werde. Das ist kein sicherheitspolitisches Statement, das ist ein emotionaler Monolog mit Selbstgesprächscharakter.
Man muss diesen Satz wirken lassen. Die Vereinigten Staaten bleiben einem Bündnis treu, von dem sie fest ausgehen, dass es im Ernstfall versagt. Das ist Loyalität mit eingebauter Enttäuschungsgarantie. Es ist, als würde jemand sagen: „Ich komme jeden Tag pünktlich nach Hause, obwohl ich weiß, dass niemand da sein wird.“ Tragisch? Vielleicht. Dramatisch? Auf jeden Fall. Außenpolitik? Offenbar ja.
Trump legt nach und erklärt, Russland und China hätten keine Angst vor der Nato, wenn Amerika nicht dazugehören würde. Das ist weniger eine Analyse als ein monumentales Schulterklopfen. Ohne uns, so die Botschaft, seid ihr ein sicherheitspolitischer Kaffeekränzchenverein. Mit uns seid ihr immerhin etwas, aber bitte nicht zu selbstbewusst. Die Nato wird damit zur Kulisse degradiert, die nur dann Eindruck macht, wenn der Hauptdarsteller auf der Bühne steht.
Gleichzeitig äußert Trump Zweifel daran, dass die Nato-Verbündeten den USA zu Hilfe kommen würden, „wenn wir sie wirklich bräuchten“. Diese Sorge kommt bemerkenswerterweise von jenem Präsidenten, der jahrelang öffentlich darüber spekulierte, ob die USA anderen Nato-Staaten im Ernstfall beistehen sollten. Vertrauen ist hier kein gegenseitiges Versprechen, sondern ein Wunschzettel mit sehr einseitiger Erwartungshaltung.
Besonders kunstvoll wird diese Rhetorik vor dem Hintergrund der Grönland-Debatte. Trump hat zuletzt erneut betont, die Vereinigten Staaten bräuchten Grönland. Nicht vielleicht, nicht irgendwann, sondern grundsätzlich. Warum genau, bleibt angenehm diffus. Rohstoffe, Militärbasen, strategische Lage oder einfach sehr viel Platz für sehr große Ideen – alles scheint möglich. Dass Grönland zu Dänemark gehört und Dänemark Mitglied der Nato ist, wird dabei als eine Art Detail behandelt, das man später klären kann.
Dänemark hingegen zeigte wenig Begeisterung für diese kreative Auslegung von Bündnisfreundschaft. Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen formulierte ungewöhnlich klar: Wenn die USA ein anderes Nato-Land angreifen, „dann hört alles auf“. Ein Satz, der klingt wie eine Selbstverständlichkeit aus dem Handbuch der internationalen Beziehungen, aber offenbar notwendig ist, wenn jemand gleichzeitig ewige Treue schwört und mit dem Abriss des gemeinsamen Hauses liebäugelt.
Hier liegt der eigentliche Unterhaltungswert dieser Episode: Trump erklärt der Nato seine unerschütterliche Loyalität, während er parallel ein Szenario ins Spiel bringt, das das Bündnis faktisch beenden würde. Das ist, als würde jemand bei einer Hochzeit eine Liebesrede halten und anschließend fragen, wem eigentlich das Haus gehört, falls man es morgen übernehmen möchte.
Die Nato wird in dieser Erzählung zu einer Art Versicherung, von der man überzeugt ist, dass sie im Schadensfall nicht zahlt, deren Existenz man aber trotzdem ständig betont. Artikel 5 wirkt nicht mehr wie eine bindende Garantie, sondern wie ein Abo, das man monatlich überprüft: Lohnt sich das noch? Nutzen wir das wirklich? Oder kündigen wir und schauen mal, wie es läuft?
Für Europa ist dieses Schauspiel eine Mischung aus Nervosität und resignierter Routine. Man hört zu, nickt höflich und versucht herauszufinden, ob der aktuelle Tonfall nun beruhigend oder bedrohlich gemeint ist. Wenn der wichtigste Bündnispartner gleichzeitig Schutzgarant, Kritiker und potenzieller Verursacher der größten Krise ist, wird kollektive Sicherheit zur Stimmungsfrage.
Dass Trump ausgerechnet jetzt versöhnliche Worte findet, wirkt fast wie ein rhetorisches Beruhigungspflaster. Während die Grönland-Debatte international für Unruhe sorgt, wird etwas Nato-Liebe verteilt. Doch diese Liebe kommt mit Bedingungen, Unterstellungen und der klaren Botschaft: Wir bleiben – aber nur, weil wir besser sind als alle anderen.
Am Ende bleibt das Bild einer Außenpolitik, die sich weniger an Verträgen als an Tagesform orientiert. Die USA stehen „immer“ zur Nato – außer, wenn sie es nicht tun. Die Nato ist unverzichtbar – aber ohne amerikanische Beteiligung wertlos. Grönland gehört zu einem Bündnispartner – aber das lässt sich möglicherweise regeln. Alles ist gleichzeitig wahr, falsch, wichtig und nebensächlich.
Die eigentliche Pointe liegt darin, dass all das offen ausgesprochen wird. Ohne diplomatische Verpackung, ohne Zwischentöne, ohne Sicherheitsnetz. Bündnistreue wird zur persönlichen Einschätzung, Geopolitik zur Gefühlslage, und die Nato zur Bühne eines Dauerstücks mit wechselndem Tonfall. Die Frage ist nicht mehr, ob das Bündnis hält, sondern wie viel Widerspruch es aushält, bevor jemand feststellt, dass „immer“ ein sehr dehnbarer Begriff ist.