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Außenpolitik mit Preisschild: Trumps Grönland im Sonderangebot
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Es gibt politische Drohungen, die wirken wie sorgfältig geschliffene Instrumente der Diplomatie. Und es gibt Drohungen, die klingen, als hätte jemand Außenpolitik mit einem Kassensystem verwechselt. Die jüngste Ansage aus dem Weißen Haus gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Donald Trump droht Ländern mit Strafzöllen, sollten sie seine Pläne zur Übernahme Grönlands nicht unterstützen. Die Botschaft ist klar, die Details sind egal: Wer nicht zustimmt, zahlt. Wie viel, wofür und warum – das klärt sich später. Oder auch nicht.
Trump erklärte, die USA bräuchten Grönland „für die nationale Sicherheit“. Dieser Satz ist inzwischen so flexibel einsetzbar, dass er problemlos auf Kühlschränke, Parkplätze oder Nachbargrundstücke passen würde. Nationale Sicherheit ist kein Zustand mehr, sondern ein Etikett. Man klebt es auf alles, was man gerne hätte, und hofft, dass niemand die Zutatenliste liest.
Konkreter wurde der Präsident nicht. Er sprach lediglich darüber, wie er europäischen Ländern wie Deutschland und Frankreich bereits in anderen Zusammenhängen mit Zöllen gedroht habe, um seine Interessen durchzusetzen. Das ist die außenpolitische Variante von: Ihr kennt das Spiel ja. Man droht erst, verhandelt später und nennt es dann Führung.
Die Drohung richtet sich vor allem gegen Europa. Grönland gehört als autonomes Gebiet zu Dänemark, Dänemark ist Mitglied der NATO, und damit ist die Sache kompliziert. Bündnisse funktionieren bekanntlich am besten, wenn ein Mitglied dem anderen regelmäßig damit droht, ihm wirtschaftlich weh zu tun. Solidarität mit Aufpreis ist schließlich auch Solidarität.
Trump hat wiederholt erklärt, dass er Grönland in die USA eingliedern möchte. Dabei schließt er auch militärische Optionen nicht aus. Diplomatie ist in diesem Modell die freundliche Einleitung zu einem sehr entschlossenen Hauptteil. Erst reden, dann drohen, dann zollen. Eine klare Dramaturgie.
Besonders charmant ist die Begründung: nationale Sicherheit. Grönland liegt strategisch günstig, ist reich an Rohstoffen und weit genug weg, um auf Karten sehr beeindruckend auszusehen. Dass dort Menschen leben, die eine eigene Vorstellung davon haben, zu wem sie gehören wollen, gilt als Nebengeräusch. Sicherheit wird hier nicht gemeinsam gedacht, sondern exklusiv. Wer schützt, bestimmt. Wer bestimmt, besitzt.
Während im Weißen Haus über Zölle gesprochen wird, formiert sich auf der anderen Seite des Atlantiks Widerstand – analog, laut und erstaunlich eindeutig. In Dänemark und Grönland sind für Samstag große Proteste angekündigt. Tausende Menschen haben online zugesagt, an Demonstrationen in Kopenhagen, Nuuk und anderen Städten teilzunehmen. In Kopenhagen soll ein Protestzug unter dem Motto „Hände weg von Grönland“ zur US-Botschaft ziehen. In Grönland selbst lautet das Motto „Grönland gehört den Grönländern“. Zwei Sätze, die auch ohne wirtschaftspolitische Fußnote verständlich sind.
Es ist ein bemerkenswerter Kontrast: Während Trump mit der Logik des Großhandels argumentiert, antworten die Menschen mit der Logik der Zugehörigkeit. Während im Oval Office Besitzansprüche formuliert werden, geht es auf den Straßen um Identität. Zölle lassen sich berechnen, Selbstbestimmung nicht.
Parallel dazu hat eine militärische Erkundungsmission mehrerer Nato-Staaten in Grönland begonnen. Auch die Bundeswehr ist beteiligt. Man erkundet. Das klingt harmlos, fast neugierig. Militärische Präsenz wird zur Feldstudie. Man schaut, wie kalt es ist, wo man stehen könnte und wie ernst es alle meinen. Es ist die diplomatische Version von: Wir sind nur kurz da.
Zuvor war ein Krisentreffen der Außenminister Dänemarks und Grönlands mit US-Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio in Washington ergebnislos geblieben. Ergebnislosigkeit ist hier kein Versagen, sondern der natürliche Zustand, wenn eine Seite sagt „nicht verhandelbar“ und die andere „doch“. Man trifft sich, nickt, lächelt und geht mit exakt denselben Positionen wieder auseinander.
Grönland bleibt damit Teil eines Bündnisses, dessen Schutz Trump gleichzeitig in Anspruch nimmt und infrage stellt. Die Nato sei wichtig, reiche aber nicht aus. Die USA seien unverzichtbar – allerdings nur, wenn sie das letzte Wort haben. Sicherheit wird so zur Eigentumsfrage. Wer besitzt, schützt. Wer nicht besitzt, bekommt eine Rechnung.
Interessant ist, dass selbst in den USA nicht alle begeistert sind. Mehrere US-Parlamentarier kritisierten bei einer Reise nach Dänemark Trumps Ansprüche. Die republikanische Senatorin Lisa Murkowski sagte, Grönland solle als Verbündeter gesehen werden, nicht als Besitz. Ein Satz, der früher als Selbstverständlichkeit gegolten hätte und heute wie ein Akt des Widerstands wirkt.
Objektiv betrachtet verschärfen die Zolldrohungen den Konflikt erheblich. Sie verlagern die Debatte von Sicherheit und Souveränität in den Bereich wirtschaftlicher Erpressung. Außenpolitik wird zur Preisverhandlung. Zustimmung gegen Zollfreiheit. Loyalität gegen Nachlass.
Gleichzeitig offenbart sich ein grundlegender Widerspruch. Trump fordert Sicherheit, untergräbt aber das Vertrauen, auf dem Sicherheit beruht. Er verlangt Zusammenarbeit, droht aber mit Strafen. Er spricht von Schutz, ignoriert aber den Willen derjenigen, die geschützt werden sollen. Nationale Sicherheit wird so zur Einbahnstraße – mit Mautstationen.
Die kommenden Tage werden zeigen, wie laut die Proteste werden und wie ernst die Drohungen gemeint sind. Zölle sind schnell angekündigt, aber schwer zurückzunehmen. Vertrauen ist schnell verspielt und noch schwerer zu verzollen. Grönland bleibt vorerst dort, wo es ist – fest verankert im Eis, aber plötzlich im Zentrum einer Außenpolitik, die Besitz über Partnerschaft stellt.
Bis dahin gilt offenbar eine neue Regel der internationalen Ordnung: Wer Grönland nicht hergibt, zahlt. Wie viel, weiß noch niemand. Aber die Rechnung ist schon geschrieben.