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Der Preis zum Mitnehmen: Trump und die flexible Auslegung des Friedens

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Der Preis zum Mitnehmen: Trump und die flexible Auslegung des Friedens

Es gibt Preise, die werden verliehen. Und es gibt Preise, die werden erwartet. Donald Trumps Verhältnis zum Friedensnobelpreis gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Während andere Menschen hoffen, nominiert zu werden, hat Trump das Verfahren längst abgekürzt: Er wartet nicht mehr auf Oslo – Oslo soll warten, bis er Zeit hat, den Preis entgegenzunehmen.

Am Donnerstag empfängt Donald Trump im Weißen Haus die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado, frisch ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis. Schon im Vorfeld ließ der US-Präsident wissen, was er von diesem Treffen erwartet: eine symbolische Übergabe. Nicht etwa eines Dokuments, einer Erklärung oder eines politischen Signals – sondern des Preises selbst. So, als handele es sich um ein vergessenes Handgepäckstück am Flughafen Oslo.

Dass der Friedensnobelpreis nicht übertragbar ist, erklärte das Norwegian Nobel Institute vorsorglich. Ein Satz, der in der Geschichte des Nobelpreises bislang kaum notwendig war. Niemand hatte je versucht, Marie Curie ihre Medaille abzukaufen oder Nelson Mandela zu fragen, ob man den Preis übers Wochenende ausleihen könne. Doch Donald Trump denkt größer. Und vor allem flexibler.

Der Preis, so Trumps unausgesprochene Logik, gehört nicht demjenigen, der ihn erhält, sondern demjenigen, der ihn verdient hätte. Und niemand hat in den vergangenen Jahren mehr Dinge getan, die Trump selbst als „historisch“, „unglaublich“ und „friedensstiftend, wie es sie noch nie gab“ beschrieben hat. Dass diese Dinge oft mit Sanktionen, Drohungen, militärischem Druck oder sehr kreativen Definitionen von Recht einhergingen, gilt dabei als Detailfrage.

Das Treffen mit Machado ist deshalb weniger diplomatisches Gespräch als symbolisches Theater. Sie kommt als Preisträgerin. Er sitzt dort als jemand, der sich seit Jahren fragt, warum immer wieder andere ausgezeichnet werden – Menschen, die monatelang verhandeln, vermitteln, Risiken eingehen oder Konflikte beenden, ohne dabei Pressekonferenzen mit Superlativen zu veranstalten. Ein Vorgehen, das Trump seit jeher für hochgradig ineffizient hält.

In seiner Vorstellung ist Frieden kein Zustand, sondern eine Leistung. Und Leistungen müssen honoriert werden. Möglichst mit Medaillen. Möglichst sofort. Dass Machado ihren Preis erst im Dezember erhalten hat, dürfte Trump als organisatorisches Versehen betrachten. Ein Zeitfenster, das man jetzt korrigieren kann. Schließlich sitzt man ja im Weißen Haus – einem Ort, an dem Realität traditionell verhandelbar ist.

Inhaltlich soll es bei dem Treffen um Venezuela gehen, um die Lage nach der Gefangennahme und Entmachtung von Präsident Nicolás Maduro durch die USA. Ein Vorgang, den die Trump-Administration als juristischen Akt beschreibt. Kein militärischer Einsatz, sondern eine besonders entschlossene Auslegung von Strafverfolgung, inklusive internationaler Logistik und bewaffneter Begleitmusik. Frieden, so gesehen, beginnt mit einer Festnahme.

Trump hatte im Anschluss bereits klargestellt, dass Machado vorerst keine Spitzenposition in Venezuela erhalten solle. Das ist jene Form der Anerkennung, die sehr amerikanisch daherkommt: Lob, Respekt, Medaille – aber bitte keine Macht. Führung bleibt Chefsache. Frieden darf delegiert werden, Kontrolle nicht.

Der Nobelpreis wird dabei zur Projektionsfläche. Für Trump ist er weniger Auszeichnung als Bestätigung. Er sieht ihn nicht als Würdigung einer Tat, sondern als Korrektur eines Fehlers. Andere hätten ihn bekommen, obwohl er selbst doch viel mehr getan habe. Dass diese Einschätzung ausschließlich von ihm selbst geteilt wird, empfindet er nicht als Gegenargument, sondern als weiteres Indiz globaler Ungerechtigkeit.

Das Nobelkomitee in Oslo wirkt in dieser Situation fast rührend altmodisch. Regeln. Statuten. Unübertragbarkeit. Persönliche Auszeichnung. Alles Konzepte aus einer Zeit, in der man noch davon ausging, dass internationale Anerkennung nicht verhandelbar ist wie ein Immobilienvertrag. Doch Trump denkt transaktional. Preise sind Ergebnisse. Ergebnisse können neu zugeordnet werden.

So entsteht ein bemerkenswertes Bild: Eine Friedensnobelpreisträgerin trifft einen Präsidenten, der den Preis nicht bekommen hat, ihn aber emotional längst besitzt. Eine Medaille wird zum diplomatischen Accessoire. Frieden zur Marketingkategorie. Und das Weiße Haus zur Bühne einer Preisverleihung, die offiziell nicht stattfindet – aber gefühlt trotzdem passiert.

Trump dürfte nach dem Treffen zufrieden sein. Vielleicht nicht, weil er den Preis erhalten hat. Sondern weil er wieder darüber gesprochen hat. Sichtbarkeit ist schließlich die halbe Auszeichnung. Und wenn man lange genug vom Friedensnobelpreis redet, wirkt es fast so, als gehöre er irgendwann automatisch dazu – wie der Teppich im Oval Office oder das Porträt an der Wand.

Was bleibt, ist eine Szene, die viel über moderne Politik erzählt. Preise werden nicht mehr verliehen, sondern erwartet. Anerkennung wird eingefordert. Und Frieden ist das, was man behauptet, sobald niemand mehr widerspricht. Der Friedensnobelpreis mag nicht übertragbar sein. Aber seine symbolische Nutzung offenbar schon.

Und irgendwo in Oslo sitzt ein Komitee und fragt sich, wie man künftig verhindern kann, dass der nächste Preisträger gebeten wird, seine Medaille bitte gleich an der Rezeption des Weißen Hauses abzugeben.