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Politik

Das Abkommen, das schon wirkt, obwohl es noch nicht existiert

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Das Abkommen, das schon wirkt, obwohl es noch nicht existiert

Es begann wie immer mit dem Gefühl, dass gleich etwas sehr Großes passieren könnte – oder auch nicht. Wochenlang drehte sich die Diskussion um Grönland wie ein schlecht geöltes Karussell: immer schneller, immer lauter, aber ohne sichtbaren Ausgang. Drohungen, Dementis, Empörung, Relativierungen. Dann, ganz plötzlich, die Erlösung: Ein Rahmenabkommen. Nicht unterschrieben, nicht erklärt, nicht sichtbar – aber angekündigt. Und allein diese Ankündigung reichte aus, um kollektiv die Schultern zu senken.

Der Urheber dieser neuen Ruhe war niemand Geringerer als Donald Trump, der erklärte, man habe sich auf eine Grundlage für etwas geeinigt, das irgendwann einmal eine Vereinbarung werden könne. Das genügte. Die Weltpolitik liebt Grundlagen. Sie sind stabil genug, um Hoffnung zu tragen, und vage genug, um niemanden festzulegen.

Als Bonus wurden geplante Strafmaßnahmen erst einmal vertagt. Nicht gestrichen, nur verschoben. Eine Geste, die international als Zeichen tiefgreifender Entspannung gilt. Wenn nichts passiert, ist das inzwischen ein Erfolg.

In Kopenhagen wurde aufgeatmet. Lars Lokke Rasmussen erklärte, der Tag ende besser, als er begonnen habe. Eine Formulierung, die klingt, als habe man morgens noch mit dem Schlimmsten gerechnet – etwa einem spontanen Inselumzug – und sei nun erleichtert, dass lediglich ein Gesprächsrahmen im Raum steht.

Rasmussen betonte, wie wichtig es sei, die Menschen in Grönland zu respektieren. Das war der Moment, in dem Grönland kurz selbst Teil der Debatte wurde. Für einen Augenblick. Dann wanderte der Fokus wieder dorthin, wo er sich wohler fühlt: auf große Worte, große Pläne und sehr lange Zeiträume.

Denn Trump ließ keinen Zweifel daran, dass dieses Abkommen kein gewöhnliches Abkommen sei. Es sei langfristig. Sehr langfristig. Für die Ewigkeit. Ein Zeitraum, der politisch ungefähr alles zwischen „bis morgen“ und „nach der nächsten Wahl“ umfassen kann. Details? Kommen später. Die Angelegenheit sei komplex. Komplexität ist bekanntlich der natürliche Feind von Nachfragen.

Besonders elegant war die diplomatische Choreografie hinter den Kulissen. Während Journalisten noch versuchten herauszufinden, was genau vereinbart worden war, befand sich Rasmussen auf dem Weg zu einem Fernsehstudio. Im Auto. Und genau dort, zwischen Sitzheizung und Sicherheitsgurt, konnte er noch ein kurzes Gespräch mit Mark Rutte führen. Große Weltpolitik, geregelt per Mobilfunk. Rutte berichtete von einem guten Treffen. Warum es gut war, blieb offen. Dass es gut war, reichte völlig aus.

Rasmussen stellte anschließend klar, dass Grönland nicht amerikanisch werde. Diese Klarstellung wirkte beruhigend und gleichzeitig notwendig, was viel über den Verlauf der vergangenen Wochen aussagt. Die entsprechenden Vorstellungen bezeichnete er als Fantasie. Ein schönes Wort. Es lässt Raum für Kreativität, ohne Verpflichtungen einzugehen.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Kunst dieser neuen Phase: Alle scheinen gleichzeitig recht zu haben. Die USA haben eine Grundlage geschaffen. Dänemark hat seine Souveränität verteidigt. Grönland bleibt, wo es ist. Und die NATO war irgendwie beteiligt, was grundsätzlich Vertrauen schafft, auch wenn niemand so genau weiß, wie.

Offen bleibt vor allem eine zentrale Frage: Was will Grönland eigentlich? Viele Menschen dort streben mehr Selbstbestimmung an. Politisch ist die Insel bereits weitgehend autonom, emotional jedoch regelmäßig Objekt fremder Zukunftsentwürfe. In der aktuellen Debatte taucht dieses Thema zuverlässig auf – meist am Ende eines Absatzes – und verschwindet dann wieder hinter strategischen Erwägungen zur Arktis.

Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Grönland, sondern um „die Arktis insgesamt“. Ein klassischer Schritt in internationalen Verhandlungen: Wenn ein Thema kompliziert wird, macht man es größer. Aus einer Insel wird eine Region, aus einer Frage ein Raum, aus einem Streit ein langfristiger Prozess.

Trump selbst zeigte sich überzeugt, dass das angekündigte Abkommen Bestand haben werde. Für immer. Eine Aussage, die Kenner internationaler Politik als ambitioniert einordnen würden. Schließlich gab es in der Vergangenheit bereits mehrere Momente, in denen Durchbrüche kurz bevorstanden, Lösungen greifbar schienen und historische Wendepunkte angekündigt wurden – nur um später leise in der Ablage „Weiteres Vorgehen offen“ zu verschwinden.

Doch diesmal ist alles anders. Diesmal gibt es einen Rahmen. Und ein sehr produktives Treffen. Und positive Reaktionen. Und keine Zölle. Das reicht für Optimismus. Zumindest für den Moment.

So endet die jüngste Eskalationsrunde nicht mit einer Einigung, sondern mit dem Gefühl, dass man sich immerhin geeinigt haben könnte, sich irgendwann zu einigen. Die Spirale stoppt. Vorläufig. Das Karussell dreht sich langsamer. Alle steigen nicht aus, aber sie halten sich kurz fest.

Und Grönland? Liegt weiterhin ruhig im Nordatlantik, eisig, weitläufig und erstaunlich gelassen. Vielleicht ist genau das der größte Erfolg dieses Rahmenabkommens: dass für einen Moment niemand so tut, als gehöre die Insel bereits jemand anderem.