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Der Sieg, der immer kommt – Putins ewiger Triumph über die Wirklichkeit
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Es gibt Menschen, die kämpfen um Siege. Und es gibt Menschen, die verkünden sie. Wladimir Putin gehört eindeutig zur zweiten Kategorie – und hat darin inzwischen Weltklasse erreicht. In seiner jüngsten Neujahrsansprache erklärte der Kremlchef erneut, Russland stehe kurz vor dem Sieg in der Ukraine. Wahrheit und Gerechtigkeit seien auf seiner Seite. Das ist praktisch, denn Wahrheit und Gerechtigkeit sind Begriffe, die sich weder vermessen noch widerlegen lassen. Wer sie besitzt, braucht keine Karten, keine Frontlinien und vor allem keine Ergebnisse.
Putin sprach mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass Worte länger halten als Panzer. Er wandte sich an russische Soldaten, die seit Februar 2022 an einem Krieg teilnehmen, der offiziell nie ein Krieg war, inzwischen aber bald ein Schulfach werden könnte. „Ich glaube an Sie und an unseren Sieg“, sagte er. Glauben ersetzt hier Strategie. Glauben ersetzt Logistik. Glauben ersetzt sogar Zeit. Denn was man glaubt, kann sich bekanntlich nicht verspäten.
Dass diese Ansprache zugleich den 26. Jahrestag von Putins Machtübernahme markierte, verlieh dem Auftritt einen feierlichen Beigeschmack. Am 31. Dezember 1999 hatte Boris Jelzin seinen Rücktritt erklärt und Putin als Übergangspräsidenten präsentiert. Übergang ist seitdem ein Dauerzustand. Russland befindet sich im permanenten Provisorium – nur die Macht ist endgültig.
Objektiv betrachtet beginnt das Jahr 2026 mit einer bemerkenswerten Konstante: Der russische Sieg ist genauso nah wie vor vier Jahren. Trotz enormer Verluste, trotz zerstörter Städte, trotz internationaler Isolation ist Russland von der Eroberung der Ukraine weit entfernt. Doch das stört den Kreml nicht. Der Sieg ist kein geografischer Zustand mehr, sondern eine Haltung. Er existiert unabhängig von Geländegewinnen, militärischer Logik oder real existierenden Städten.
Putin erklärte, die russischen Truppen kämpften für Heimatland, Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese drei Begriffe bilden das magische Dreieck der russischen Staatsrhetorik. Sie erklären alles und rechtfertigen alles. Wer für die Wahrheit kämpft, muss sie nicht beweisen. Wer für die Gerechtigkeit kämpft, muss sie nicht erklären. Und wer fürs Heimatland kämpft, darf es auch außerhalb seiner Grenzen verteidigen – besonders dort.
Während im Kremlstudio Pathos herrschte, sah die Lage an der Front weiterhin unerquicklich aus. Das Institute for the Study of War berichtete zuletzt von ukrainischen Geländegewinnen nördlich der hart umkämpften Stadt Kupjansk in der Region Charkiw. Russische Stellen hatten Kupjansk bereits mehrfach als eingenommen gemeldet. Kupjansk ist damit eine der meistbesetzten Städte der Welt – zumindest verbal.
Auch in der Region Donezk rücken ukrainische Einheiten laut unabhängigen Beobachtern nördlich von Pokrowsk vor. Russische Verlautbarungen erklären zeitgleich, alles verlaufe planmäßig. Der Plan selbst bleibt geheim. Vermutlich handelt es sich um einen Plan, der erst im Nachhinein erklärt wird, damit er nicht durch Realität gefährdet wird.
Parallel dazu setzt die Ukraine ihre Drohnenangriffe auf militärische Ziele und Infrastruktur fort, die zur Finanzierung des russischen Feldzugs dient. Ein Treibstofflager in der Region Jaroslawl nordöstlich von Moskau ging in Flammen auf. Das ist aus Kreml-Sicht besonders unhöflich, weil es zeigt, dass der Krieg nicht nur in Putins Reden existiert. Infrastruktur hat die unangenehme Eigenschaft, real zu sein.
Russland reagierte seinerseits mit Angriffen auf zivile Infrastruktur. In Odessa fiel für mehr als 170.000 Menschen der Strom aus, ebenso Fernwärme und Trinkwasser. Unter den Verletzten befanden sich ein Baby und zwei Kinder. Diese Details fanden in der Neujahrsansprache keinen Platz. Sie lassen sich schwer in den Satz „Wir kämpfen für Gerechtigkeit“ integrieren, ohne dass er sehr kreativ interpretiert werden muss.
Doch Kreativität ist eine Kernkompetenz des Kremls. Begriffe werden dort nicht verwendet, sondern umprogrammiert. „Sieg“ bedeutet nicht mehr, ein Ziel zu erreichen, sondern es regelmäßig anzukündigen. „Vorrücken“ bedeutet, nicht sofort zurückzuweichen. „Verhandlungen“ bedeuten, dass die andere Seite noch nicht verstanden hat, was Kapitulation ist. Und „Frieden“ ist der Zustand, der eintreten soll, wenn niemand mehr widerspricht.
Putins Neujahrsansprache war daher kein Bericht, sondern ein Ritual. Jedes Jahr wird der Sieg neu bestätigt, unabhängig vom Kriegsverlauf. Es ist ein Sieg mit Flatrate: unbegrenzt, jederzeit abrufbar, ohne Kündigungsfrist. Sollte die Realität nicht mitspielen, wird sie ignoriert oder umgedeutet.
Besonders beeindruckend ist die Ausdauer, mit der Putin diesen rhetorischen Marathon absolviert. Während Panzer zerstört werden, Soldaten fallen und die wirtschaftlichen Kosten steigen, bleibt die Siegesgewissheit unangetastet. Der Krieg mag vier Jahre dauern, doch der Sieg ist zeitlos. Er war da, ist da und wird immer da sein – zumindest im Fernsehen.
So kämpft Putin nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen einen übermächtigen Gegner: die Wirklichkeit. Und in diesem Kampf zeigt er bemerkenswerte Konsequenz. Die Wirklichkeit mag Gelände gewinnen, Städte halten und Fakten produzieren – doch der Sieg bleibt im Kreml. Fest verankert in Reden, Kameras und der unerschütterlichen Überzeugung, dass man alles gewinnen kann, solange man es nur oft genug sagt.
Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: In Russland kann man jeden Krieg verlieren – solange man ihn erfolgreich erklärt.