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Die heilige Beziehung und das Strafgesetzbuch: Kennedy erklärt Deutschland Freiheit
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Internationale Gesundheitspolitik ist ein sensibles Feld. Sie lebt von Evidenz, Zuständigkeiten und der stillen Übereinkunft, dass Justiz, Medizin und Politik unterschiedliche Berufe sind. Umso bemerkenswerter ist der jüngste Vorstoß des amtierenden US-Gesundheitsministers Robert F. Kennedy Jr., der sich entschlossen zeigte, Deutschland öffentlich zu erklären, wie Freiheit funktioniert – insbesondere jene Freiheit, die dann entsteht, wenn Gesetze möglichst wenig stören.
Kennedy wandte sich mit einem Brief an die deutsche Gesundheitsministerin Nina Warken. Zumindest inhaltlich. Namentlich wurde sie vorsorglich in „Workin“ umbenannt, was die Ernsthaftigkeit des Anliegens unterstreicht: Wer so grundlegend über Grundrechte spricht, darf sich nicht mit orthografischen Nebensächlichkeiten aufhalten.
In dem begleitenden Video erklärte Kennedy, er habe erfahren, dass mehr als 1000 deutsche Ärzte sowie Tausende ihrer Patienten strafrechtlich verfolgt würden. Der Grund: Sie hätten während der Corona-Pandemie Ausnahmen von Masken- und Impfpflichten ermöglicht. Woher diese Zahlen stammen, bleibt offen. Vermutlich aus einer Welt, in der Gerichtsakten direkt aus moralischen Empfindungen generiert werden.
Deutschland als Mahnmal medizinischer Ordnung
Kennedys Diagnose ist eindeutig: Deutschland befinde sich auf einem gefährlichen Weg. Die Autonomie der Patienten werde missachtet, die „heilige Beziehung zwischen Arzt und Patient“ beschädigt. Ärzte würden kriminalisiert, weil sie beraten. Patienten würden verfolgt, weil sie überzeugt seien. Der Staat habe sich zwischen Arzt und Patient gedrängt wie ein ungebetener Dritter mit Gesetzestexten und Richterroben.
Dass es in Deutschland in den verhandelten Fällen nicht um Beratung ging, sondern um mutmaßlich gefälschte Impfausweise, falsche Atteste und systematische Umgehung geltenden Rechts, wird dabei als störendes Detail betrachtet. Entscheidend ist nicht, was passiert ist, sondern wie es sich anfühlt.
Wenn Gerichte plötzlich Ideologie sind
Kennedy spricht von politisch motivierter Strafverfolgung. Das ist bemerkenswert, denn in Deutschland entscheiden Gerichte unabhängig. Sie prüfen Beweise, hören Zeugen, urteilen nach Gesetzen. Genau das scheint in Kennedys Welt das Problem zu sein. Wo Gerichte urteilen, bleibt zu wenig Raum für Überzeugung. Wo Akten geführt werden, leidet das Gefühl.
Der Vorwurf, Ärzte würden zu „Vollstreckern staatlicher Politik“, lässt dabei ein Bild entstehen, in dem Mediziner morgens zwischen Stethoskop und Dienstanweisung wählen müssen. Dass Ärzte in Deutschland weder Maskenkontrollen durchführen noch Impfnachweise exekutieren, passt nicht ganz ins Szenario, wird aber durch die Kraft der Worte kompensiert.
Der Appell an das deutsche Volk
Besonders eindrucksvoll ist Kennedys direkter Appell an „das deutsche Volk“. Es solle wieder seine eigenen fundierten medizinischen Entscheidungen treffen dürfen. Was fundiert bedeutet, bleibt offen. Offenbar reicht es, wenn eine Entscheidung sich innerlich richtig anfühlt und möglichst wenig mit Studien, Fachgesellschaften oder evidenzbasierter Medizin zu tun hat.
Deutschland, so Kennedy, habe ein demokratisches Erbe. Dieses werde nun untergraben durch eine Politik, die abweichende Meinungen unterdrücke und medizinische Entscheidungen kriminalisiere. Dass Meinungsfreiheit in Deutschland nicht das Recht umfasst, falsche Dokumente auszustellen, scheint als deutsche Eigenart verstanden zu werden – ähnlich wie Brotvielfalt oder pünktliche Züge, zumindest theoretisch.
Lauterbach antwortet aus der Wirklichkeit
Der frühere deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach reagierte nüchtern. Er empfahl Kennedy, sich zunächst den Gesundheitsproblemen im eigenen Land zu widmen: niedrige Lebenserwartung, extreme Kosten, zehntausende Drogentote, hohe Mordzahlen. Ein Hinweis, der weniger polemisch wirkt als erschöpft.
In Deutschland, so Lauterbach, würden Ärzte nicht von der Regierung bestraft. Bei uns seien die Gerichte unabhängig. Dieser Satz fasst in acht Worten zusammen, was in Kennedys Brief auf mehreren Ebenen ignoriert wird: die Existenz einer Gewaltenteilung.
Ein Minister mit Vergangenheit und Zukunft
Kennedy ist keine unbeschriebene Stimme. In den vergangenen Jahren hatte er wiederholt Zweifel an Impfungen geäußert, Zusammenhänge suggeriert und Narrative verbreitet, die wissenschaftlichen Konsens als Verdachtsmoment behandeln. Neu ist lediglich sein Titel. Als Gesundheitsminister der Regierung von Donald Trump spricht er nun nicht mehr vom Rand, sondern aus der Mitte der Macht.
Als Neffe von John F. Kennedy trägt er einen Namen, der für Wissenschaftsförderung, öffentliche Gesundheit und staatliche Verantwortung steht. Dass dieser Name nun genutzt wird, um Deutschland wegen Maskenbefreiungen zu ermahnen, verleiht der Situation eine historische Ironie, die keiner Erklärung bedarf.
Die heilige Beziehung – neu justiert
In Kennedys Welt ist die Beziehung zwischen Arzt und Patient ein sakraler Raum. Frei von Gesetzen. Frei von Prüfungen. Frei von der Frage, ob ein Attest korrekt ist. Der Arzt berät, der Patient glaubt, der Staat schweigt. Wo diese Ordnung gestört wird, beginnt aus seiner Sicht die Unfreiheit.
Dass moderne Gesundheitssysteme auf Verantwortung, Haftung und überprüfbaren Standards beruhen, wirkt in dieser Logik wie ein bedauerlicher Ausrutscher der Zivilisation.
Ein Brief, viele Gewissheiten
Am Ende bleibt ein Schreiben mit großem Pathos, unklaren Zahlen, falsch geschriebenen Namen und einem Freiheitsbegriff, der Recht als lästiges Beiwerk betrachtet. Deutschland wird ermahnt, das Volk wird aufgerufen, und die Welt erfährt, dass medizinische Autonomie offenbar dort beginnt, wo Fakten verhandelbar werden.
Die „heilige Beziehung“ ist damit offiziell in den Fokus der Weltpolitik gerückt. Ob sie in Deutschland je in Gefahr war, bleibt unbeantwortet. Sicher ist nur: Sie wurde nun transatlantisch gesegnet.