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Politik

Deutschland zählt nach – und findet sich selbst kleiner

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Deutschland zählt nach – und findet sich selbst kleiner

Es gibt Momente, in denen ein Land in den Spiegel schaut und feststellt: Hoppla, ich bin ja weniger, als ich dachte. Genau das ist nun geschehen. Jahrelang ging man davon aus, Deutschland würde bis 2070 leicht schrumpfen – ein Prozent weniger Menschen, also quasi ein paar verschwundene Gartenstühle im nationalen Gesamtbild. Nun zeigt sich: Es werden wohl eher zehn Prozent sein. Zehn! Das ist kein Schönheitsfehler, das ist ein demografischer Haarschnitt mit Rasierapparat.

Der Grund für die neue Erkenntnis liegt im Zensus 2022. Offenbar lebten schon damals weniger Menschen hier als angenommen. Man hatte also die ganze Zeit mit einer etwas zu optimistischen Zahl gerechnet. Deutschland war ein bisschen wie jemand, der sich beim Online-Shopping selbst überschätzt und dann feststellt, dass das Budget doch kleiner war.

Rund 81,9 Millionen Menschen lebten demnach im Land – weniger als gedacht. Und von dieser geringeren Ausgangsbasis schrumpft es sich nun eben deutlich schneller. Das ist Mathematik, aber mit emotionalem Beigeschmack.

Zehn Prozent weniger bis 2070 bedeutet: Millionen Menschen weniger. Man könnte es positiv formulieren – endlich freie Sitzplätze im ICE. Keine Diskussionen mehr um das letzte Croissant im Supermarkt. Ein Parkplatz in Innenstadtnähe ohne Meditationsübungen.

Doch ganz so romantisch ist es nicht. Besonders ostdeutsche Flächenländer sind betroffen. Dort wird die Bevölkerungszahl voraussichtlich kräftig zurückgehen. Man stelle sich Orte vor, in denen die Bushaltestelle mehr Gespräche führt als der Marktplatz. Währenddessen wachsen die Stadtstaaten weiter. Berlin, Hamburg, Bremen – offenbar die demografischen VIP-Lounges der Zukunft.

Es entsteht ein kurioses Bild: Das Land insgesamt schrumpft, aber die Metropolen wachsen. Es ist, als würde eine Torte kleiner werden, während sich alle Gäste gleichzeitig in der Mitte drängeln.

Der eigentliche Humor liegt im Kontrast zwischen Planung und Realität. Deutschland ist berühmt für Tabellen, Prognosen, Szenarien. Und nun stellt sich heraus, dass die Ausgangszahl nicht stimmte. Man hat das Bevölkerungsbarometer offenbar ein wenig zu hoch eingestellt.

Die Debatte um Fachkräftemangel bekommt dadurch eine neue Nuance. Wenn weniger Menschen da sind, wird es auch weniger Fachkräfte geben. Vielleicht wird der Begriff „Mangel“ irgendwann ersetzt durch „Erinnerung“. Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als es viele Bewerber gab?

Auch das Rentensystem dürfte bei der neuen Prognose nicht in Jubelstimmung verfallen. Weniger Menschen im Erwerbsalter bedeuten weniger Beitragszahler. Die Generation 2070 könnte also nicht nur weniger sein, sondern auch mehr rechnen müssen.

Gleichzeitig eröffnet der Rückgang neue Möglichkeiten. Vielleicht entstehen wieder Dorfläden, weil plötzlich Platz für kreative Ideen ist. Vielleicht wird Wohnen günstiger, weil Angebot und Nachfrage sich neu sortieren. Vielleicht wird der Satz „Wir brauchen mehr Raum“ irgendwann nostalgisch klingen.

Natürlich ist eine Prognose keine Garantie. Migration, politische Weichenstellungen, wirtschaftliche Entwicklungen – all das kann das Bild verändern. Aber die aktuelle Berechnung ist deutlich: Deutschland wird kleiner.

Das hat auch psychologische Wirkung. Ein Land, das sich lange als stabil, verlässlich und zahlenmäßig robust verstand, muss nun akzeptieren, dass es schrumpft. Nicht dramatisch über Nacht, sondern langsam, stetig, wie ein Pullover im falschen Waschgang.

Man könnte meinen, die größte Überraschung sei nicht die Schrumpfung selbst, sondern die Tatsache, dass man sie unterschätzt hat. Ein Prozent klang nach kosmetischer Korrektur. Zehn Prozent klingen nach struktureller Veränderung.

Vielleicht wird 2070 ein Deutschland existieren, das weniger Menschen hat, aber mehr Raum. Weniger Gedränge, aber auch weniger Stimmen. Weniger Wettbewerb um Kindergartenplätze, aber auch weniger Kinderlachen auf dem Spielplatz.

Das Bild ist ambivalent. Weniger Menschen können auch weniger Dynamik bedeuten. Wirtschaft, Innovation, Kultur – all das lebt von Austausch und Vielfalt. Schrumpfung ist kein rein statistisches Phänomen, sondern ein gesellschaftlicher Prozess.

Und doch hat die Nachricht auch etwas typisch Deutsches: Man zählt nach, entdeckt eine Abweichung und korrigiert die Tabelle. Keine Panik, keine Fanfaren – nur eine nüchterne Zahl mit langfristiger Wirkung.

Am Ende bleibt ein Land, das sich neu vermessen hat und feststellen musste, dass es weniger ist als gedacht. Die Herausforderung wird sein, aus weniger nicht automatisch weniger Zukunft zu machen.

Denn ob zehn Prozent weniger Menschen ein Verlust oder eine Chance sind, hängt davon ab, was man daraus macht. Vielleicht wird Deutschland 2070 kleiner – aber effizienter, nachhaltiger, lebenswerter. Oder es wird einfach stiller.

Bis dahin gilt: Wer heute durch die Straßen geht, läuft durch eine Bevölkerung, die statistisch schon ein wenig auf Diät ist. Und irgendwo im Statistischen Bundesamt wird vermutlich gerade erneut gezählt. Man will ja sicher sein.