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Wenn sogar Republikaner bremsen: Trumps Grönland-Traum auf dünnem Eis
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Nach dem militärischen Zugriff der Vereinigten Staaten auf Venezuela hat sich die außenpolitische Tonlage aus Washington spürbar verändert. Wo früher noch von Partnerschaften, Konsultationen und multilateralen Prozessen die Rede war, dominieren nun Besitzvorstellungen, Optionen und das stille Gefühl, dass Landmasse im Zweifel besser unter eigener Flagge liegt. US-Präsident Donald Trump spricht seither auffallend häufig über Grönland – und zwar nicht als Bündnispartner, sondern als strategische Lücke, die dringend geschlossen gehört.
Das Ausland reagiert mit diplomatischer Zurückhaltung, die Opposition mit alarmierten Stellungnahmen. Überraschend ist jedoch etwas anderes: Auch in der Republikanischen Partei regt sich Widerstand. Nicht laut, nicht geschlossen, aber deutlich genug, um zu zeigen, dass selbst parteiinterne Loyalität eine thermische Belastungsgrenze besitzt – und Grönland offenbar sehr kalt ist.
Wenn Grönland plötzlich wie ein Fehlkauf wirkt
Grönland ist weitgehend autonom, politisch Teil des Königreichs Dänemark, Mitglied im NATO-Bündnis und Heimat von weniger als 60.000 Menschen, die bislang weder gefragt wurden noch Interesse zeigen, amerikanische Bundesstaatenkennzeichen auswendig zu lernen.
Trump hingegen argumentiert mit nationalen Sicherheitsinteressen. Russland, China, Rohstoffe, strategische Lage – die bekannten Stichworte. Dass die USA dort bereits einen Militärstützpunkt betreiben und über jahrzehntelange Zugangsrechte verfügen, scheint in dieser Logik eher als unvollständiger Besitzstand zu gelten.
Das Prinzip ist klar: Was man nutzt, sollte einem gehören. Was einem gehört, kann nicht widersprechen. Und was widerspricht, hat den Preis offenbar noch nicht gesehen.
Mitch McConnell erinnert sich an Geschichte
Der frühere Mehrheitsführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell, fand für diese Denkweise Worte, die in ihrer Klarheit fast museal wirken. Die Anwendung von Gewalt gegen das souveräne demokratische Territorium eines der loyalsten Verbündeten Amerikas wäre ein „besonders katastrophaler Akt strategischer Selbstbeschädigung“, erklärte er.
Strategische Selbstbeschädigung ist ein Begriff, der normalerweise am Ende von Analysen steht, nicht am Anfang politischer Überlegungen. McConnell sprach zudem von Drohungen und Einschüchterungsversuchen, die Amerikas globalem Einfluss schadeten – eine elegante Umschreibung für: Man sollte vielleicht kurz innehalten.
Stephen Miller und die Welt ohne Widerstand
Auslöser der parteiinternen Unruhe war eine Aussage von Trumps Vizestabschef Stephen Miller, der bei CNN erklärte, niemand werde sich den USA wegen Grönlands Zukunft militärisch entgegenstellen.
Diese Aussage setzt ein bemerkenswertes Weltbild voraus: eines, in dem geopolitische Akteure still nicken, wenn Washington entscheidet, und militärische Bündnisse vor allem theoretische Konstrukte sind. Es ist die Vorstellung einer Weltordnung, die weniger auf Verträgen basiert als auf Lautstärke und Überzeugungskraft.
Thom Tillis entdeckt das Wort „dilettantisch“
Der republikanische Senator Thom Tillis reagierte ungewöhnlich deutlich. Millers Aussagen seien dilettantisch, erklärte er, und zeugten von Dummheit im Umgang mit NATO-Verbündeten. Miller spreche nicht im Namen des Kongresses.
Das ist eine Erinnerung, die in Washington derzeit fast schon nostalgisch wirkt: Der Kongress existiert. Er ist kein Presseanhang. Und er fühlt sich gelegentlich bemüßigt, daran zu erinnern, dass Außenpolitik mehr ist als eine Sammlung von Optionen.
John Kennedy und der rhetorische Sicherheitsgurt
Noch deutlicher wurde Senator John Kennedy. Ein Einmarsch in Grönland, erklärte er bei CNN, sei „raketenmäßig dumm“. Ein Satz, der in seiner Bildhaftigkeit keine Übersetzung benötigt.
Allerdings folgte unmittelbar die Rückversicherung: Weder Trump noch Außenminister Marco Rubio seien raketenmäßig dumm. Eine rhetorische Vollbremsung, die zeigt, wie politische Kritik inzwischen funktioniert: Man sagt etwas sehr Klares – und zieht es sofort wieder ein, um sicherzustellen, dass es niemanden erreicht.
Die republikanische Kunst des vorsichtigen Widerspruchs
Was sich hier abzeichnet, ist kein Aufstand. Es ist eine kollektive Nervosität. Republikanische Senatoren kritisieren nicht den Präsidenten, sondern einzelne Szenarien. Sie lehnen Gewalt ab, aber nicht Besitzfantasien. Sie warnen vor NATO-Konsequenzen, ohne die Idee selbst vollständig zu verwerfen.
So entsteht ein politischer Zustand, in dem alle wissen, dass etwas schiefgehen könnte, aber niemand bereit ist, das Projekt grundsätzlich infrage zu stellen. Grönland wird nicht abgelehnt. Es wird vertagt. Kritisiert wird nicht der Traum, sondern die Methode, ihn möglicherweise umzusetzen.
NATO hört zu und notiert
Für NATO-Partner ist die Debatte längst kein Gedankenspiel mehr. Ein militärischer Zugriff auf Grönland würde Artikel 5 berühren – jenes Versprechen, das das Bündnis zusammenhält. Dass ausgerechnet die Vereinigten Staaten öffentlich über militärische Optionen gegenüber einem Bündnispartner sprechen, zwingt Europa dazu, alte Gewissheiten neu zu sortieren.
Nicht, weil etwas passiert ist. Sondern weil es offenbar sagbar geworden ist.
Die grönländische Realität
Die Bevölkerung Grönlands lehnt einen Anschluss an die USA klar ab. Auch Einmalzahlungen, auch Sicherheitsargumente ändern daran wenig. Der Wunsch nach Unabhängigkeit existiert – aber er richtet sich nicht nach Süden, sondern nach innen.
Dass diese Haltung in Washington zur Kenntnis genommen, aber nicht als abschließend betrachtet wird, zeigt eine Verschiebung politischer Maßstäbe. Zustimmung gilt nicht mehr als Voraussetzung. Sie ist ein Nice-to-have.
Wenn selbst Parteifreunde bremsen
Dass selbst republikanische Senatoren öffentlich erklären, ein Einmarsch wäre „raketenmäßig dumm“, markiert einen seltenen Moment. Nicht moralischer Empörung. Sondern nüchterner Selbsterhaltung.
Denn irgendwann wird selbst der loyalste Parteifreund nervös, wenn Außenpolitik klingt wie eine Mischung aus Immobilienkauf und Strategiespiel – mit echter Weltkarte.
Grönland liegt noch immer dort, wo es immer lag. Eisig. Ruhig. Und erstaunlich widerständig gegenüber Träumen, die zu groß sind, um sie einfach zu kaufen – oder zu nehmen.