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Die Pandemie kehrt zurück – per Brief, falsch adressiert und mit amerikanischem Akzent
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- tmueller
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Es gibt politische Debatten, die lassen sich nicht beenden. Sie wechseln lediglich das Kostüm. Mal treten sie als wissenschaftliche Aufarbeitung auf, mal als Talkshow-Dauerbrenner, und manchmal – besonders reizvoll – erscheinen sie als transatlantischer Briefwechsel mit leicht schiefem Namensschild. Genau so meldete sich die Corona-Pandemie Anfang 2026 noch einmal zurück. Nicht als Virus, sondern als Meinung.
Ausgelöst wurde dieses Revival durch Robert F. Kennedy Jr., seines Zeichens US-Gesundheitsminister und wandelnder Beweis dafür, dass man Impfkritik auch in einen Amtstitel integrieren kann. Kennedy Jr. warf Deutschland vor, während der Corona-Zeit systematisch Ärzte und Patienten verfolgt zu haben, die sich Masken- oder Impfregeln entzogen hätten. Die Bundesrepublik, so der Eindruck, sei weniger ein Rechtsstaat gewesen als eine Mischung aus Gesundheitsamt und Tribunal.
Die Bühne für diese Diagnose war – wie sollte es anders sein – X. Dort erklärte Kennedy Jr., er habe einen Brief an die deutsche Gesundheitsministerin geschickt. Ihren Namen schrieb er als „Workin“. Ein kleiner Fehler, der viel erzählt. Zum Beispiel darüber, wie gründlich man sich mit den Fakten beschäftigt hat, bevor man internationale Vorwürfe formuliert. Oder darüber, dass Autokorrektur manchmal mehr Macht hat als diplomatische Sorgfalt.
Inhaltlich malte Kennedy Jr. ein düsteres Bild. Mehr als 1.000 deutsche Ärzte und Tausende ihrer Patienten würden strafrechtlich verfolgt, weil sie während der Pandemie Ausnahmen von Maskenpflichten oder Impfungen gewährt hätten. Das klingt nach einer Parallelrealität, in der Staatsanwälte in Arztpraxen campierten und Richter Impfpässe unter UV-Licht prüften. Eine Welt, in der medizinische Entscheidungen offenbar mit Handschellen beantwortet wurden.
Die Reaktion aus Berlin kam von Nina Warken – und sie fiel so unspektakulär aus, dass sie fast schon als Provokation gelesen werden konnte. Die Vorwürfe seien faktisch falsch, erklärte sie. Ärzte seien zu keiner Zeit verpflichtet gewesen, Impfungen gegen Covid-19 durchzuführen. Wer keine Impfungen anbieten wollte, habe keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten gehabt. Strafverfolgung habe es nur bei Betrug gegeben, etwa bei gefälschten Impfpässen oder unechten Maskenattesten.
Diese Klarstellung wirkte wie ein trockenes Glas Leitungswasser, das man jemandem reicht, der gerade behauptet hat, das Haus stehe in Flammen. Juristisch sauber, sachlich korrekt – und damit denkbar ungeeignet für große politische Dramen. Denn Dramen brauchen einfache Bilder. Und Kennedy Jr. hatte genau solche geliefert.
Besonders bemerkenswert ist dabei der Rollenwechsel. Ausgerechnet ein US-Minister erklärt Europa die Bedeutung von Patientenautonomie. Ein Mann, der in den vergangenen Jahren vor allem dadurch auffiel, Zweifel an Impfungen zu säen und Verschwörungstheorien zu verbreiten, entdeckt nun sein Herz für medizinische Selbstbestimmung. Das ist ungefähr so, als würde ein Brandstifter plötzlich Brandschutzseminare anbieten – mit großer Leidenschaft und viel Pathos.
Kennedy Jr. gilt als eine der umstrittensten Figuren im Kabinett von Donald Trump. Dass er nun internationale Kritik übt, überrascht dennoch nicht. Die Pandemie ist politisch einfach zu praktisch, um sie ruhen zu lassen. Sie bietet alles: Angst, Freiheit, Schuldfragen, Emotionen. Und vor allem erlaubt sie es, komplexe Rechtslagen auf Schlagworte zu reduzieren.
In Deutschland hingegen versucht man seit Jahren, die Corona-Zeit nüchtern aufzuarbeiten. Untersuchungsausschüsse, Berichte, juristische Bewertungen. Das ist mühsam, wenig glamourös und erzeugt kaum Klicks. Kennedy Jr.s Version ist da deutlich effizienter: eine moralische Anklage, garniert mit hohen Zahlen und dem impliziten Vorwurf staatlicher Willkür. Ob diese Zahlen stimmen, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass sie gut klingen.
Warkens Antwort machte deutlich, wie unterschiedlich politische Kulturen funktionieren. Während auf der einen Seite große Begriffe wie „Autonomie“ und „Unterdrückung“ bemüht werden, verweist die andere auf Paragraphen, Zuständigkeiten und Tatbestände. Betrug bleibt Betrug – auch in einer Pandemie. Diese Erkenntnis mag langweilig sein, ist aber tragender Bestandteil eines Rechtsstaats.
Die eigentliche Satire liegt jedoch darin, dass diese Debatte im Jahr 2026 geführt wird. Die Pandemie ist vorbei, die Masken liegen in Schubladen, die Impfzentren sind geschlossen. Doch politisch ist Corona offenbar unsterblich. Es taucht immer dann wieder auf, wenn man ein Beispiel braucht – für staatliche Übergriffigkeit, für Freiheitsverlust oder für das große Gefühl, man hätte alles ganz anders machen sollen.
So entsteht ein merkwürdiges Schauspiel: Ein US-Gesundheitsminister blickt zurück und entdeckt ein Deutschland, das es so nie gab. Eine deutsche Ministerin blickt zurück und stellt fest, dass Recht auch in Krisenzeiten Recht blieb. Und die Öffentlichkeit schaut zu und fragt sich, warum diese Diskussion immer wieder neu aufgewärmt wird, obwohl sie längst erkaltet sein sollte.
Vielleicht ist das der wahre Kern dieser Episode. Corona ist nicht mehr medizinisch relevant, aber politisch weiterhin extrem nützlich. Man kann es hervorholen, wann immer man Aufmerksamkeit braucht. Man muss es nur laut genug erzählen. Und falls dabei Namen falsch geschrieben werden oder Fakten verrutschen – umso besser. Dann wird aus einer Debatte eine Parodie. Ganz ohne Virus.