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Vom Mond zurück in den Keller: Bitcoin und der große Realitätstest
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Es war einmal ein digitales Versprechen, das so groß war, dass es nicht einmal eine Landesgrenze brauchte. Bitcoin, der rebellische Hoffnungsträger des Internets, hatte sich nach dem Wahlsieg Donald Trumps 2024 spontan dazu entschlossen, die Schwerkraft für ungültig zu erklären. Kurse schossen nach oben, Prognosen wurden dreistellig, vierstellig, gefühlt sogar interstellar. Wer damals nicht investiert war, galt als vorsintflutlich. Wer investiert war, fühlte sich bereits beim Lambo-Konfigurator.
Der Markt jubelte. Die Community jubelte. Selbst Menschen, die bis dahin dachten, „Blockchain“ sei eine neue Fitnessübung, jubelten. Trump hatte Großes angekündigt: ein freundliches Klima für Krypto, weniger Regeln, mehr Freiheit, mehr Zukunft. Bitcoin verstand das als Startsignal. Raketen-Emojis wurden inflationär eingesetzt, Realismus hingegen aus dem Chat verbannt.
Doch wie bei allen Raketenflügen kam irgendwann der Moment, in dem jemand leise fragte, ob eigentlich genug Treibstoff an Bord sei.
Heute steht Bitcoin wieder unter 70.000 Dollar. Und damit ist der gesamte Trump-Bonus so vollständig verschwunden, als hätte ihn jemand mit einem feuchten Tuch von der Blockchain gewischt. Was blieb, ist eine digitale Erinnerung an Zeiten, in denen man überzeugt war, Politik könne Kurse dauerhaft ersetzen.
Der Absturz kam nicht mit Sirenen und Feuerbällen, sondern wie ein sehr unangenehmer Aufzug. Erst ein kleines Ruckeln. Dann ein leises Sinken. Dann die Erkenntnis, dass der Knopf „Stop“ nur dekorativ ist. Acht Prozent Minus an einem Tag, zwanzig Prozent seit Jahresbeginn, fast die Hälfte seit dem Hochpunkt. Bitcoin hat in kurzer Zeit bewiesen, dass „Volatilität“ kein abstrakter Begriff, sondern ein Lebensgefühl ist.
Dabei war der Höhenflug noch frisch im Gedächtnis. Über 100.000 Dollar, dann 120.000, dann der Glaube, dass Zahlen nur noch eine Richtung kennen. Jeder Rücksetzer wurde als „gesunde Korrektur“ bezeichnet, jede Warnung als Zeichen mangelnder Vision. Wer skeptisch war, wurde mitleidig angesehen – wie jemand, der bei einer Achterbahn fragt, ob die Schienen geprüft wurden.
Die Geschichte, die man sich erzählte, war zu schön. Trump, Krypto, Freiheit, Boom. Eine Art digitale Wiederauferstehung der Wirtschaft, diesmal ohne Zentralbank und mit sehr vielen Memes. Dass Märkte sich nicht dauerhaft von Ankündigungen ernähren, ging in der Euphorie unter. Realität hatte Pause.
Doch Realität ist hartnäckig. Sie kommt zurück. Immer. Und sie bringt Freunde mit: Unsicherheit, Liquiditätsfragen, geopolitische Spannungen, Anleger, die plötzlich wieder Dinge mögen, die nicht abstürzen. Gold zum Beispiel. Oder Silber. Altmodisch, schwer, langweilig – und erstaunlich stabil. Bitcoin schaute zu und fragte sich, warum es plötzlich niemand mehr „digitales Gold“ nennen wollte.
Der Kapitalabfluss setzte ein. Nicht panisch, nicht spektakulär, sondern schleichend. Wie ein Buffet, bei dem die Gäste langsam merken, dass der Nachtisch aus ist. Institutionelle Investoren packten zusammen, Privatanleger wurden nervös, und irgendwo im Hintergrund klickte jemand nervös auf „Refresh“.
Das besonders Komische an der Situation: Bitcoin wollte nie Teil des Systems sein – und reagiert nun empfindlich auf jede Regung eben dieses Systems. Zinserwartungen? Wirken sich aus. Aktienmärkte? Wirken sich aus. Politische Stimmungen? Wirken sich aus. Die große Unabhängigkeit fühlt sich plötzlich sehr anhänglich an.
Der Markt versucht derweil, das Geschehen sprachlich zu entschärfen. Kein Crash, heißt es. Eher ein „Abbau von Risikoappetit“. Das klingt deutlich angenehmer als „Das Ding fällt seit Monaten“. Es ist die sprachliche Version eines Pflasters auf einem offenen Beinbruch.
Besonders bitter ist der Moment für all jene, die den Kursanstieg als politische Bestätigung verstanden hatten. Trump gleich Boom gleich Reichtum. Eine Gleichung, die hervorragend funktioniert – solange niemand nachrechnet. Doch Kurse haben die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an Wahlversprechen zu halten. Sie reagieren auf Geld, Vertrauen und Nachfrage. Und Vertrauen ist ein scheues Tier.
Währenddessen läuft der Markt weiter. Aktien schwanken, Tech-Werte geraten unter Druck, KI sorgt für Zukunftsangst statt Zukunftsrausch. Anleger wollen Sicherheit. Bitcoin will Aufmerksamkeit. Beides passt selten gut zusammen.
Und so bleibt vom großen Krypto-Traum nach dem Wahlsieg vor allem eine Lektion: Euphorie ist kein Geschäftsmodell. Politische Nähe ist kein Fundament. Und wer glaubt, ein Markt könne dauerhaft nur steigen, weil jemand etwas versprochen hat, glaubt vermutlich auch, dass der Aufzug immer wieder hochfährt, wenn man nur fest genug an den Knopf glaubt.
Bitcoin wird nicht verschwinden. Dafür ist er zu zäh, zu bekannt, zu fest im digitalen Alltag verankert. Aber der Mythos vom unaufhaltsamen Aufstieg hat erneut Federn gelassen. Wer jetzt noch drin ist, braucht Geduld. Wer raus ist, braucht Humor. Und wer oben gekauft hat, braucht vor allem eines: ein gutes Gedächtnis, um es beim nächsten Mal besser zu machen.
Denn eines ist sicher: Der nächste Hype kommt. Irgendwann. Mit neuen Versprechen, neuen Gesichtern – und denselben Risiken.