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Krieg mit Gewinnwarnung – Wenn Interventionen endlich wieder rechnen
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Es gibt Kriege, die entstehen aus Angst, Kriege aus Versehen, Kriege aus Ideologie – und es gibt Kriege, die endlich wieder ehrlich sind. Der US-Angriff auf Venezuela gehört zur letzten Kategorie. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte mit bemerkenswerter Klarheit, warum dieser Einsatz nichts mit dem Irakkrieg zu tun habe. Damals, so Hegseth, habe man Unsummen ausgegeben und mit Blut bezahlt, ohne wirtschaftlich etwas dafür zu bekommen. Heute sei das anders. Heute lohne es sich.
Damit war der historische Vergleich nicht entkräftet, sondern abgeschlossen. Der Irakkrieg war demnach kein moralisches Desaster, sondern ein ökonomischer Fehlschlag. Zu viel Aufwand, zu wenig Ertrag. Venezuela hingegen ist das Gegenmodell: überschaubar, rohstoffreich, effizient. Krieg als Investition mit Aussicht auf Dividende.
Hegseth, der sich selbst gern als Kriegsminister bezeichnet, machte keinen Hehl aus den Absichten. Venezuela sei einst ein reiches Land gewesen, erklärte er, dieser Reichtum sei den Bürgern durch schreckliche Führung gestohlen worden. Wer genau davon profitierte, solange amerikanische Ölkonzerne zuverlässig förderten, bleibt in dieser Erzählung unerheblich. Gestohlen wurde der Reichtum offenbar erst in dem Moment, in dem er nicht mehr pünktlich geliefert wurde.
Besonders empörend sei gewesen, was Venezuela amerikanischen Ölinteressen angetan habe. Das hätte niemals geschehen dürfen. Diese Aussage ist bemerkenswert, weil sie Eigentum nicht an Staatsgrenzen, sondern an Erwartungshaltungen koppelt. Wer Ressourcen besitzt, hat sie demnach nur treuhänderisch zu verwalten – solange die richtigen Abnehmer zufrieden sind.
Präsident Donald Trump habe deshalb die Spielregeln geändert, erklärte Hegseth. Keine langwierigen Missionen mehr ohne Gewinn. Keine Interventionen ohne wirtschaftlichen Gegenwert. Freiheit bleibt wichtig, aber sie muss sich amortisieren. Außenpolitik wird damit zur Kosten-Nutzen-Rechnung, militärische Gewalt zur Standortpolitik.
Trump selbst hatte bereits angekündigt, die USA würden Venezuela vorübergehend führen. Vorübergehend ist in diesem Zusammenhang ein Begriff von bemerkenswerter Elastizität. Er kann Tage bedeuten, Jahre oder einen politischen Aggregatzustand. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern die Kontrolle.
Wer das Land führen solle, ließ Trump bewusst offen. Eine Gruppe von Leuten, „im Wesentlichen die Leute hinter mir“. Regierung als Sitzordnung, Macht als Raumaufteilung. Dass diese Gruppe weder gewählt noch legitimiert ist, gilt als technisches Detail. Legitimation entsteht hier nicht durch Verfahren, sondern durch Fähigkeit – und durch militärische Präsenz.
Hegseth konkretisierte die Bedingungen. Die Vereinigten Staaten legten sie fest, Präsident Trump entscheide über ihre Ausgestaltung. Venezuela müsse den Drogenhandel stoppen, dürfe keine Kriminellen mehr in die USA schicken und müsse das Öl zurückgeben, das gestohlen worden sei. Dass dieses Öl weiterhin im Boden liegt, während andere darüber verfügen, macht den Diebstahl in dieser Logik besonders dreist.
Die Operation trug den Namen „Absolute Entschlossenheit“. Ein Titel, der keine Fragen zulässt und auch keine beantworten soll. Eliteeinheiten nahmen Nicolás Maduro und seine Ehefrau fest und überführten sie in das amerikanische Justizsystem. Venezuela verlor sein Staatsoberhaupt, gewann aber Klarheit: Ordnung wird wiederhergestellt, effizient und ohne Umwege über internationale Gremien.
Der Irak dient nun als warnendes Beispiel – allerdings nicht wegen der Toten, der Zerstörung oder der regionalen Destabilisierung, sondern wegen der schlechten Bilanz. Man habe zwar militärisch gewonnen, aber politisch und wirtschaftlich verloren. Demokratie habe sich nicht skalieren lassen, Stabilität nicht exportieren. Das sei der eigentliche Fehler gewesen.
Dass es im Irak trotz jahrelanger Präsenz nicht gelang, eine funktionierende Demokratie zu etablieren, gilt nicht als Mahnung, sondern als Betriebsunfall. Dieses Mal, so die implizite Botschaft, werde alles anders. Nicht weil man gelernt hätte, sondern weil man diesmal weiß, was man will.
Hegseth betonte, man könne Venezuela helfen und gleichzeitig die Vereinigten Staaten stärken. Hilfe und Nutzen werden dabei nicht als Gegensätze verstanden, sondern als identisch. Wer profitiert, hilft automatisch. Wer verliert, hat offenbar vorher falsch regiert. Moral wird so zur Unterkategorie der Effizienz.
Der Krieg wird damit nicht mehr als letztes Mittel betrachtet, sondern als Instrument der Ordnungspolitik. Er ersetzt Diplomatie, Entwicklungshilfe und multilaterale Abkommen durch etwas Verlässlicheres: Kontrolle. Der Unterschied zu früheren Interventionen liegt nicht in der Gewalt, sondern in ihrer Begründung. Man spricht nicht mehr von Werten, sondern von Ressourcen. Nicht mehr von Freiheit, sondern von Wirtschaftlichkeit.
Das macht den Angriff auf Venezuela tatsächlich anders als den Irakkrieg. Er ist ehrlicher. Und genau deshalb gefährlicher. Denn wenn wirtschaftlicher Nutzen zur zentralen Rechtfertigung militärischer Gewalt wird, verschwindet die letzte rhetorische Bremse. Dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob man eingreift – sondern nur noch, ob es sich lohnt.
Venezuela ist damit kein Einzelfall. Es ist ein Testlauf. Ein Modell für eine Welt, in der Interventionen nicht mehr erklärt, sondern bilanziert werden. Und in der Kriege nicht mehr scheitern, weil sie unmoralisch sind, sondern nur noch dann, wenn sie Verlust machen.