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Geschäftsführend im Chaos – Venezuela regiert sich selbst, fremd und gleichzeitig
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Venezuela hat es geschafft, die Staatsform des 21. Jahrhunderts zu vollenden: die gleichzeitige Abwesenheit von Macht bei maximaler Machtausübung. Nach der spektakulären Festnahme von Nicolás Maduro durch US-Spezialeinheiten – ein Vorgang, der je nach Pressemitteilung als „Festnahme“, „Operation“, „Maßnahme“ oder „historischer Moment“ bezeichnet wird – beschloss das Oberste Gericht des Landes, dass nun Delcy Rodríguez geschäftsführend die Amtsgeschäfte übernimmt.
Geschäftsführend. Das klingt nach Buchhaltung, nach Übergangsordnern, nach einem Büro mit abgestandenem Kaffee. Es klingt nicht nach einem Land, das soeben seinen Präsidenten verloren hat, weil dieser von einer fremden Macht in ein Hochsicherheitsgefängnis auf einem anderen Kontinent verbracht wurde. Doch genau das ist nun die offizielle Realität.
Rodríguez übernimmt ein Amt, dessen Inhaber gleichzeitig als einziger legitimer Präsident bezeichnet wird, obwohl er in New York einsitzt. Das ist kein Widerspruch, sondern venezolanische Kontinuität. Loyalität kennt hier keine räumlichen Grenzen. Macht braucht keinen Körper, sie braucht nur Erklärungen.
Parallel dazu erklärt US-Präsident Donald Trump, die Vereinigten Staaten würden vorübergehend die Kontrolle über Venezuela übernehmen. Vorübergehend ist dabei ein Begriff, der politisch so flexibel ist wie ein Gummiband in einer Waschmaschine. Trump versichert, es gehe nicht um Regime Change, sondern um Ordnung, Sicherheit und Stabilität. Und um Öl. Vor allem um Öl. Stabilität ist schließlich nichts ohne Schmierstoff.
Trump erklärt, man habe bereits mit Rodríguez gesprochen. Sie sei im Grunde bereit, zu tun, was Washington für notwendig halte, um Venezuela „wieder groß zu machen“. Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen – zumindest aus amerikanischer Sicht. Rodríguez wiederum widerspricht öffentlich. Es gebe nur einen Präsidenten, sagt sie, und der heiße Nicolás Maduro Moros. Der Satz fällt, während dieser Präsident weder regiert noch erreichbar ist. Aber Präsenz war noch nie Voraussetzung für Autorität.
Rodríguez kündigt entschlossenen Widerstand an. Venezuela werde nie wieder Sklave sein. Der Satz wird gesprochen in einem Moment, in dem US-Regierungsvertreter offen über Bodentruppen, Energieinteressen und Verwaltungsmodelle reden. Freiheit ist in solchen Situationen vor allem eine Frage der Rhetorik.
Das Oberste Gericht Venezuelas wirkt dabei wie ein Notar auf einem sinkenden Schiff. Es bestätigt die Verfassung, verweist auf Verfahren und erklärt, alles sei geregelt. Dass die Realität diese Regelungen längst überholt hat, gilt als Detail. Juristische Ordnung ist schließlich keine Frage der Durchsetzung, sondern der Formulierung.
Die Opposition meldet sich ebenfalls. María Corina Machado fordert die sofortige Einsetzung von Edmundo González Urrutia. Er habe die Wahl gewonnen, erklärt sie. International nickt man. In Caracas notiert man es. Wahlen sind in Venezuela traditionell etwas, das stattfindet, aber nicht zwingend etwas bewirkt.
So entsteht ein politisches Konstrukt, das selbst Kafka für überambitioniert gehalten hätte: Ein Präsident, der nicht regiert. Eine Präsidentin, die geschäftsführend regiert, aber den Präsidenten verteidigt. Eine Supermacht, die regiert, aber behauptet, nicht zu regieren. Und eine Opposition, die regieren will, aber nicht darf.
Europa beobachtet das Ganze mit ernster Miene. Man prüft, ordnet ein, mahnt das Völkerrecht an und bittet um Stabilität. Stabilität ist in diesem Kontext das, was eintritt, wenn niemand etwas tut. Während in Caracas Militärs aufmarschieren, Minister Loyalität schwören und ausländische Interessen ihre Claims abstecken, formuliert Europa Stellungnahmen, die sich problemlos in jede Richtung interpretieren lassen.
Delcy Rodríguez ist dabei keine Übergangslösung. Sie ist das System in Reinform. Tochter eines Parteifunktionärs, Schwester eines Machtpolitikers, jahrelang Außenministerin, stets an vorderster Front gegen den „Imperialismus“. Dass sie nun geschäftsführend regiert, ist kein Bruch, sondern logische Konsequenz eines Systems, das sich selbst verwaltet, solange es existiert.
Geschäftsführend bedeutet hier: kein Neuanfang, keine Abweichung, keine Veränderung. Es bedeutet, den Stillstand zu organisieren, während andere die Zukunft planen. Und während Trump davon spricht, Venezuela neu aufzubauen, erklärt Rodríguez, dass alles so bleiben soll, wie es war – nur ohne den Mann, der bisher alles entschieden hat.
Venezuela ist damit kein Sonderfall mehr. Es ist ein Lehrstück. Ein Lehrstück darüber, wie Macht heute funktioniert: Sie wird nicht legitimiert, sie wird behauptet. Sie braucht keine Zustimmung, nur Kontrolle. Und sie kommt inzwischen problemlos ohne Staatsoberhaupt aus.
Am Ende bleibt ein Land, das offiziell souverän ist, faktisch fremdverwaltet wird und sich selbst mit juristischen Floskeln tröstet. Ein Präsident im Gefängnis, eine Präsidentin im Verwaltungsmodus, eine Supermacht mit Besitzansprüchen und ein Kontinent, der „Komplexität“ sagt, wenn er „Hilflosigkeit“ meint.
Venezuela regiert sich weiter. Geschäftsmäßig. Übergangsweise. Vielleicht dauerhaft.