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Operation Hartweizen: Wie Amerika fast den Nudelkrieg verlor
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- tmueller
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Es gibt politische Dramen, die nach Stahl klingen, nach Öl riechen oder nach Seltenen Erden schmecken. Und dann gibt es dieses hier: Hartweizen. Die Vereinigten Staaten standen kurz davor, die italienische Pastaindustrie mit einem Strafzoll von 92 Prozent zu belegen. Zweiundneunzig. Eine Zahl, die sonst eher bei Strafmaßnahmen gegen Erzfeinde oder bei besonders kreativen Stromabrechnungen vorkommt – nicht bei Spaghetti, Penne und Fusilli.
Im Oktober war der Ton noch apokalyptisch. Dreizehn italienische Nudelhersteller sollten zusätzlich zu den ohnehin bestehenden 15 Prozent EU-Zoll mit einem Aufschlag von 92 Prozent belegt werden. Das war kein handelsrechtlicher Hinweis mehr, das war eine Drohkulisse. Die Botschaft lautete: Eure Nudeln sind zu billig. Und wer zu billig ist, ist verdächtig. In Washington muss man sich italienische Pasta offenbar als trojanisches Pferd vorgestellt haben – außen al dente, innen marktverzerrend.
Der Vorwurf hieß „Dumping“. Italienische Hersteller würden ihre Nudeln zu unfair niedrigen Preisen auf den US-Markt werfen. Man stelle sich das bildlich vor: In Apulien öffnen sich nachts geheime Lagerhallen, aus denen subventionierte Spaghetti über den Atlantik geschleust werden, um amerikanische Nudelregale zu destabilisieren. Ein Szenario, das nur knapp an der Forderung nach einer nationalen Nudelabwehr vorbeischrammt.
Nun, einige Monate später, ist alles plötzlich weniger dramatisch. Das US-Handelsministerium hat „vorläufig überprüft“ – eine Formulierung, die im Amtsdeutsch ungefähr bedeutet: Wir haben gemerkt, dass das vielleicht etwas viel war. Die Strafzölle wurden drastisch gesenkt. Aus der wirtschaftlichen Abrissbirne wurde ein Zollzahnstocher.
Der traditionsreiche Hersteller La Molisana darf künftig mit einem Zusatzzoll von 2,26 Prozent leben. Das ist kein Strafzoll, das ist ein symbolisches Räuspern. Garofalo kommt mit 13,98 Prozent davon – offenbar der Preis für besonders elegante Pastaformen. Elf weitere Hersteller müssen 9,09 Prozent zahlen, eine Zahl, die so spezifisch ist, dass sie nach Excel-Zufall wirkt. Man hat das Gefühl, jemand wollte unbedingt Nachkommastellen rechtfertigen.
Die offizielle Erklärung aus Washington: Eine aktualisierte Analyse habe gezeigt, dass viele der ursprünglichen Bedenken ausgeräumt worden seien. Übersetzt heißt das: Man hat festgestellt, dass Pasta tatsächlich aus Hartweizen besteht und nicht aus unfairen Subventionsblasen. Die endgültige Entscheidung soll am 12. März fallen. Bis dahin bleibt die globale Nudelindustrie in einem Zustand nervöser Spannung, irgendwo zwischen al dente und durchgekocht.
Dabei geht es um erhebliche Summen. Italien exportiert jährlich Pasta im Wert von fast 800 Millionen Dollar in die USA. Insgesamt beliefen sich die italienischen Nudelexporte 2024 auf über vier Milliarden Euro. Pasta ist kein Nebenprodukt, sie ist ein Wirtschaftsfaktor. Wer an Nudeln rüttelt, rüttelt an Handelsbeziehungen, Lieferketten und sehr empfindlichen Abendessen.
Antidumping-Verfahren gegen italienische Nudelhersteller sind in den USA nichts Neues. Schon in den 1990er Jahren stellte das Handelsministerium fest, dass amerikanische Märkte mit Nudeln „überschwemmt“ würden. Ein bemerkenswertes Bild, wenn man bedenkt, dass Pasta erst durch Wasser aufquillt und selten selbst Überschwemmungen verursacht. Seitdem reichen US-Hersteller regelmäßig Beschwerden ein. Und ebenso regelmäßig kommt man zu dem Schluss, dass irgendetwas nicht ganz fair sei – verhängt dann aber Strafen, die so gering sind, dass sie in Italien als Teil der Betriebskosten gelten. So wie Verpackung oder Transport.
Die jüngste Eskalation war dennoch besonders. 92 Prozent Zusatzzoll sind kein Routineinstrument, sondern ein politisches Statement. Es signalisiert Entschlossenheit, notfalls auch gegenüber Lebensmitteln. Dass man nun zurückrudert, wirft Fragen auf. Hat man in Washington gemerkt, dass amerikanische Verbraucher wenig begeistert reagieren, wenn ihre Lieblingspasta plötzlich den Preis eines Premium-Steaks erreicht? Oder dass es kommunikativ schwierig ist, den Wählern zu erklären, warum ausgerechnet Spaghetti eine Gefahr für den fairen Wettbewerb darstellen?
Man sollte den kulturellen Aspekt nicht unterschätzen. Pasta ist kein Produkt, sie ist Ritual, Trostspender, Familienzusammenhalt in Kohlenhydratform. Wer Pasta angreift, greift indirekt das Abendessen an. Und das Abendessen ist politisch sensibler als so mancher Gipfel. Möglicherweise stellte jemand im Handelsministerium irgendwann die entscheidende Frage: Wollen wir wirklich als die Regierung in Erinnerung bleiben, die Nudeln bestraft hat?
Objektiv betrachtet zeigt dieser Fall die ganze Schönheit moderner Handelspolitik. Hochkomplexe Antidumping-Formeln treffen auf ein Produkt, das seit Jahrhunderten nach demselben Prinzip hergestellt wird: Hartweizen, Wasser, Form. Ende. Dass daraus ein transatlantisches Drama entsteht, ist eine Leistung, die nur mit viel bürokratischem Ehrgeiz möglich ist.
Bis März bleibt die Lage offen. Die italienischen Hersteller hoffen auf endgültige Entwarnung. Amerikanische Produzenten hoffen vermutlich auf wenigstens ein kleines symbolisches Strafmaß, um sagen zu können, man habe sich gewehrt. Und der Rest der Welt schaut zu und fragt sich, wie viel Handelspolitik nötig ist, um eine Portion Spaghetti zu rechtfertigen.
Am Ende bleibt eine tröstliche Erkenntnis: Die USA haben viele mächtige Gegner. Dass sie sich zusätzlich noch mit Nudeln anlegen wollten, war vielleicht etwas ambitioniert. Doch immerhin scheint man rechtzeitig erkannt zu haben, dass Pasta kein Feind ist – sondern höchstens ein Anlass für Soße.