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Aus dem Gleisbett ins Rathaus – New Yorks neuer Bürgermeister und der große Selbstversuch
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New York ist eine Stadt, die selbst bei Machtwechseln ungern oberirdisch bleibt. Wenn hier ein neuer Bürgermeister anfängt, dann bitte nicht mit Handschlag und Häppchen, sondern mit Staub, Geschichte und der leisen Hoffnung, dass Symbolik Probleme löst. Zohran Mamdani begann seine Amtszeit folgerichtig dort, wo New York am ehrlichsten ist: in einer stillgelegten U-Bahn-Station. Old City Hall, außer Betrieb seit 1945, normalerweise unzugänglich, perfekt für einen Neustart, der suggeriert: Ich komme von unten. Auch wenn unten in diesem Fall eher denkmalgeschützt als werktätig ist.
Kurz nach Mitternacht legte Mamdani den Amtseid ab. Die Uhrzeit signalisierte Entschlossenheit, der Ort Nähe zur arbeitenden Bevölkerung, die zu diesem Zeitpunkt vor allem arbeitete, schlief oder sich fragte, warum Politik immer dann passiert, wenn man gerade nicht hinschaut. Den Eid nahm Letitia James ab, Mamdanis Hand lag auf einem Koran. New York nickte anerkennend. Der Rest des Landes aktualisierte seine Empörungsvorlagen.
Mamdani ist der erste muslimische Bürgermeister der größten Stadt der USA. In New York gilt das als folgerichtig. In Talkshows außerhalb der Stadt als Weltuntergang auf Probe. Mamdani selbst blieb nüchtern: eine einmalige Ehre. Das stimmt. Bürgermeister von New York wird man nicht zweimal. Entweder man wird Legende oder Fußnote. Beides ist zeitintensiv.
Die Wahl der Station sollte Verbundenheit mit der arbeitenden Bevölkerung zeigen. Das ist clever, denn nichts symbolisiert Arbeit so sehr wie ein Ort, an dem seit Jahrzehnten niemand arbeitet. Geschichte ersetzt Gegenwart, wenn die Kamera stimmt. Und die Kamera stimmte. Noch während der Echos der Tunnelwände verklangen, kündigte Mamdani die Ernennung eines neuen Verkehrsbeauftragten an. Wer in New York zuerst über Verkehr spricht, weiß, wo die wahren Schmerzen liegen. Verkehr ist hier keine Infrastruktur, sondern Charakterprüfung.
Am Nachmittag dann der Kontrast: Rathausstufen, Publikum, Reden, Kälte. Die öffentliche Vereidigung wurde von Bernie Sanders vorgenommen, der mittlerweile weniger Senator als politischer Taufpate ist. Wer von ihm vereidigt wird, gehört offiziell zur Erzählung vom Wohlstand für viele. Sanders dankte den Bürgern für Mut in Zeiten von Hass, Spaltung und Ungerechtigkeit. In New York nennt man das den Wochentag.
Zehntausende kamen, trotz eisiger Temperaturen. In dieser Stadt ist Kälte kein Hindernis, höchstens eine Ausrede. Unter den Rednern Alexandria Ocasio-Cortez, die Mamdani als Bürgermeister der arbeitenden Bevölkerung feierte. Mut statt Angst, Wohlstand für viele statt Privilegien für wenige. In New York unterschreiben das alle. Bis zur nächsten Nebenkostenabrechnung.
Mamdani ist 34, geboren in Uganda, aufgewachsen in New York, US-Staatsbürger seit 2018. Eine Biografie, die den amerikanischen Traum erzählt, mit genug Kapiteln, um jede politische Deutung zu bedienen. Er begann als Aktivist, zog 2021 ins Parlament des Bundesstaats ein und wurde rasch zur Projektionsfläche des linken Parteiflügels. Sein Wahlsieg war deutlich und kam mit einem klaren Thema: Bezahlbarkeit. In einer Stadt, in der selbst sehr gut Verdienende regelmäßig das Gefühl haben, zu wenig zu verdienen, ist das kein Randthema, sondern die zentrale Lebensfrage.
Mamdani versprach kostenlose Kinderbetreuung, kostenlose Busse und einen Mieterhöhungsstopp für rund eine Million Haushalte. Finanziert durch höhere Steuern für Wohlhabende und Unternehmen. Kritiker sahen sofort Investoren auf gepackten Koffern, Befürworter sahen erstmals seit Jahren eine Politik, die das Wort „Leben“ nicht nur buchstabiert, sondern meint. New York liebt große Versprechen. Es hasst kleine Rechnungen.
Damit steht Mamdani nun an der Spitze einer Stadt, die mehr ist als eine Kommune. New York ist Kultur, Kapital und politisches Symbol. Jede Entscheidung wird national gelesen. Jeder Fehltritt wird vergrößert. Entsprechend gespannt ist das Verhältnis zum Präsidenten. Donald Trump hatte Mamdani im Wahlkampf attackiert und mit dem Entzug von Bundesmitteln gedroht. Eine Drohung, die in einer Stadt mit Hunderttausenden Beschäftigten und Milliardenhaushalt nicht nach Rhetorik klingt, sondern nach Haushaltsausschuss.
Mamdani hatte Trump seinerseits als Faschisten und Gefahr für die Demokratie bezeichnet. Worte, die normalerweise keine Koalitionsgespräche einleiten. Nach einem Treffen im Weißen Haus klangen beide plötzlich konstruktiv. Zusammenarbeit sei möglich. Trump lobte Mamdanis Pläne. In Washington nennt man das Fortschritt. In New York nennt man es abwarten, ob die U-Bahn diesmal wirklich pünktlich kommt.
Objektiv betrachtet startet Mamdanis Amtszeit mit maximaler Erwartung. Er soll soziale Gerechtigkeit liefern, ohne die Wirtschaft zu verjagen. Er soll mit Washington kooperieren, ohne seine Basis zu enttäuschen. Er soll eine Stadt regieren, die nie schläft, aber ständig meckert. Und er soll das alles tun, während jede Maßnahme als Blaupause oder Warnung gehandelt wird.
New York hat sich für einen Bürgermeister entschieden, der Veränderung verspricht und Symbolik beherrscht. Ob daraus nachhaltige Politik oder ein Dauerexperiment wird, ist offen. Sicher ist nur: Diese Stadt hat ihren neuen Bürgermeister nicht im Rathaus begrüßt, sondern im Untergrund. Und das passt erstaunlich gut. Denn wer New York regieren will, muss wissen, wie es sich anfühlt, wenn der Zug einfährt, die Türen sich schließen und man trotzdem irgendwie vorankommen muss.