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Make Monroe Great Again – Trumps Außenpolitik im historischen Rückwärtsgang

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Make Monroe Great Again – Trumps Außenpolitik im historischen Rückwärtsgang

Es gibt politische Innovationen, die überraschen. Und es gibt Innovationen, die wirken, als habe jemand versehentlich das falsche Regal im Archiv geöffnet. Donald Trump hat sich für Letzteres entschieden und präsentiert der Welt eine Außenpolitik, die so frisch ist wie ein Dokument aus dem Jahr 1823: die Monroe-Doktrin. Neu ist daran vor allem, dass sie mit Tweets, Zöllen und beleidigtem Unterton vorgetragen wird. Inhaltlich bleibt sie ein Klassiker: Die westliche Hemisphäre gehört den USA, alle anderen mögen bitte draußen bleiben – besonders China.

Die Vereinigten Staaten vollführen damit einen geopolitischen Salto rückwärts, der weniger elegant als entschlossen wirkt. Lateinamerika soll wieder auf Linie gebracht werden, China soll verschwinden, und die USA übernehmen erneut die Rolle des wohlmeinenden Aufsehers. Wohlmeinend heißt in diesem Fall: streng, laut und ohne Geschenke. Denn Geschenke wären Investitionen, Marktzugänge oder Kooperationen. Und genau da beginnt das Problem.

Der chilenische Ex-Minister und frühere China-Botschafter Jorge Heine formuliert es bemerkenswert unaufgeregt: Das werde nicht funktionieren, weil die USA nichts anbieten. Diese Aussage ist so schlicht, dass sie fast revolutionär wirkt. Jahrzehnte geopolitischer Analyse lassen sich auf einen Satz reduzieren: Wer Einfluss will, muss etwas liefern. Wer nur fordert, bekommt höchstens Kopfschütteln.

Ein Blick zurück erklärt, warum Lateinamerika heute wenig Lust auf neue US-Bevormundung hat. Während des Kalten Krieges griff Washington regelmäßig ein, um den Kommunismus fernzuhalten. Nach dessen Ende folgte der Washingtoner Konsens: Deregulierung, Privatisierung, Öffnung der Märkte. TINA – There Is No Alternative. Das Ergebnis war in vielen Ländern weniger Wohlstand als vielmehr Ungleichheit. Die Reaktion kam prompt: linke Regierungen, soziale Programme, die sogenannte rosarote Welle. Lateinamerika lernte, dass Alternativlosigkeit oft nur eine höfliche Umschreibung für fremde Interessen ist.

Heute pendelt die Region weiterhin zwischen politischen Lagern, aber sie hat etwas Entscheidendes gelernt: Sie kann rechnen. Und genau daran scheitert Trumps Politik. Brasilien ist das Lehrstück. Als Washington Druck ausübte, um das Gerichtsverfahren gegen den verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro zu beenden, weigerte sich die Regierung in Brasília. Die Antwort der USA: 50-Prozent-Zölle. Die Folge: teurer Kaffee und teures Rindfleisch in den USA. Das wiederum kam bei den US-Verbrauchern nicht gut an. Ergebnis: Teilrücknahme der Zölle. Außenpolitik traf auf Einkaufszettel – und verlor.

Der Vergleich mit Europa wirkt dabei fast tragikomisch. Während Brasilien standhaft blieb, reiste EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu Trumps Golfplatz, um einem für die EU ungünstigen Abkommen zuzustimmen. Lateinamerika sagte Nein, Europa sagte „Wenn es sein muss“. Selbstbewusstsein ist eben eine endliche Ressource.

Trumps Regierung ignoriert zudem mit bewundernswerter Konsequenz jene internationalen Institutionen, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg selbst aufgebaut haben. Vereinte Nationen, Welthandelssystem, Bretton-Woods-Institutionen – alles plötzlich verzichtbar. US-Außenminister Marco Rubio brachte die neue Denkweise auf den Punkt: Das internationale System sei nicht nur schlecht, sondern schlecht für die Vereinigten Staaten. Das ist ungefähr so, als erkläre der Hauptarchitekt eines Hauses nach Jahrzehnten, das Fundament benachteilige ihn persönlich.

Die neue Nationale Sicherheitsstrategie setzt den Fokus auf die westliche Hemisphäre. Das klingt zunächst vernünftig, denn Lateinamerika steckt tatsächlich in schweren Krisen: Pandemie, wirtschaftlicher Einbruch, soziale Spannungen. Doch statt Investitionen oder Partnerschaften gibt es vor allem Sicherheitsrhetorik. Ressourcen, Seltene Erden, Vermögenswerte – all das müsse gesichert werden. Infrastruktur ja, aber bitte ohne chinesische, französische oder spanische Unternehmen. Globalisierung, aber nur exklusiv.

China verfolgt derweil eine erstaunlich einfache Strategie: Handel treiben. Mit einem Handelsvolumen von 518 Milliarden Dollar ist es längst ein zentraler Partner Lateinamerikas. Brasilien handelt mit China im Wert von 165 Milliarden Dollar, Chile mit 60 Milliarden. Die Vorstellung, diese Beziehungen ließen sich per Dekret oder Drohung reduzieren, wirkt ungefähr so realistisch wie ein Soja-Anbauverbot auf Zuruf.

Besonders schmerzhaft für Washington ist, dass China Lücken füllt, die westliche Unternehmen hinterlassen haben. In Brasilien eröffnete BYD eine Elektroautofabrik in einem ehemaligen Ford-Werk, Great Wall Motor zog in eine frühere Mercedes-Benz-Fabrik ein. Das ist keine Ideologie, das ist Bilanzlogik. Märkte reagieren auf Angebote, nicht auf historische Ansprüche.

Auch beim Thema Migration und Drogenschmuggel zeigt sich die Diskrepanz. Wer Fluchtursachen bekämpfen will, investiert in Perspektiven. China baut Häfen, Straßen und Industrieparks. Die USA bieten Warnungen, Sanktionen und gelegentlich Zölle. Das ist die berühmte Peitsche ohne Zuckerbrot. Lateinamerikanische Regierungen fragen seit Jahren: Was bietet ihr stattdessen an? Die Antwort bleibt bemerkenswert konstant: nichts Konkretes.

So entsteht eine Außenpolitik, die viel verlangt und wenig liefert. „Verbündet euch mit uns, oder…“ – der Satz bleibt meist offen, aber der Ton ist eindeutig. Doch der Zeitpunkt ist schlecht gewählt. China ist längst präsent, wirtschaftlich verankert und politisch interessiert. Die USA kommen spät, laut und mit einer Doktrin, die älter ist als die meisten lateinamerikanischen Verfassungen.

Am Ende bleibt eine nüchterne Erkenntnis: Außenpolitik ist kein Befehl, sondern ein Angebot. China macht Angebote. Die USA machen Ansagen. Und Lateinamerika entscheidet sich für das, was funktioniert – nicht für das, was am lautesten an vergangene Größe erinnert.