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Das große Versehen: Wie man Rassismus löscht, aber nicht erklärt
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In der großen Werkhalle moderner Kommunikation gibt es Maschinen für alles: für Empörung, für Ablenkung, für Vergessen. Und dann gibt es noch den einen roten Knopf mit der Aufschrift „Versehen“. Er wird gedrückt, wenn etwas online war, das niemals online hätte sein dürfen, und plötzlich war es niemandes Absicht. Ein Klassiker. Ein Evergreen. Ein Broadway-Hit der politischen PR.
Neulich wurde dieser Knopf wieder betätigt. Ein Video erschien kurzzeitig auf einem präsidialen Kanal, das zwei der bekanntesten Gesichter der jüngeren amerikanischen Geschichte in einer Darstellung zeigte, die man früher nur aus besonders schäbigen Ecken der Geschichte kannte. Wenige Augenblicke später: weg. Gelöscht. Verdampft. Als hätte das Internet kurz geniest.
Die Erklärung folgte auf dem Fuß. Nicht etwa lang, nicht etwa kompliziert. Sondern elegant wie ein Bühnenvorhang: Ein Mitarbeiter. Ein einzelner. Ein namenloser Titan der Fehlklickkunst. Er habe etwas „falsch veröffentlicht“. Falsch! Nicht schlimm. Nicht bewusst. Einfach falsch. So falsch wie Milch im Küchenschrank statt im Kühlschrank – nur mit etwas größerer Reichweite.
Man stellt sich diesen Mitarbeiter inzwischen lebhaft vor. Ein moderner Sisyphos mit Smartphone, der morgens aufsteht, ausrutscht und dabei versehentlich rassistische Inhalte in die Öffentlichkeit schleudert. Die Schuld ist schnell verteilt, die Hierarchie bleibt sauber. Oben bleibt alles weiß – die Weste, nicht das Problem.
Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Kritik brandete auf, Social Media tat, was Social Media tut, und politische Gegner nutzten die Gelegenheit, Worte wie „inakzeptabel“, „widerwärtig“ und „Grenzüberschreitung“ aus der Vitrine zu holen. Das alles wäre halb so spektakulär, wenn es nicht so vertraut wäre. Der Ablauf wirkt mittlerweile wie ein Ritual mit festem Zeitplan.
Besonders kreativ war der erste Versuch der Verteidigung. Das Video sei Teil eines Internetwitzes gewesen. Ein Meme. Kunst, wenn man so will. Eine Allegorie. Der Präsident als Dschungelkönig, die politische Gegenseite als Tiere. Ganz harmlos. Ganz verspielt. Ganz zufällig problematisch. Man müsse die Ironie verstehen. Oder den Humor. Oder beides gleichzeitig – idealerweise ohne historisches Gedächtnis.
Dass es dabei um Barack Obama und Michelle Obama ging, machte die Sache nicht komplexer, sondern klarer. Denn bestimmte Bilder tragen keine Mehrdeutigkeit. Sie kommen nicht aus dem Nichts, sie stehen in einer langen Tradition der Entmenschlichung. Wer das nicht erkennt, hat entweder schlecht aufgepasst – oder hofft, dass andere es nicht tun.
Doch statt innezuhalten, wurde umgedeutet. Die Empörung sei gespielt. Man solle sich wichtigeren Themen widmen. Das ist ein interessanter Ansatz: Wenn etwas unangenehm wird, erklärt man es zur Nebensache. Rassismus als Randnotiz. Respekt als Luxusproblem. Aufmerksamkeit als Fehlallokation.
Die Löschung des Videos wurde schließlich als Schlussstrich präsentiert. Als wäre das Internet ein Radiergummi. Als reiche es, den Inhalt zu entfernen, um die Haltung gleich mit zu löschen. Das erinnert an den Versuch, einen Rauchmelder aus der Decke zu reißen, um das Feuer zu ignorieren.
Noch eine besondere Note erhält die Episode durch den Zeitpunkt. In den USA ist der Februar traditionell der Monat, in dem die Geschichte Schwarzer Amerikaner gewürdigt wird. Ein Monat der Erinnerung, der Anerkennung, der Mahnung. Und mitten hinein platzt ein Clip, der zeigt, wie wenig diese Erinnerung manchmal im politischen Alltag zählt. Man könnte es Ironie nennen, wäre es nicht so bitter.
Dass das Bildmaterial vermutlich mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden ist, verleiht dem Ganzen eine futuristische Note. Vorurteile, nun auch automatisiert. Diskriminierung als Dienstleistung. Ein Fortschritt, den niemand bestellt hat, der aber zuverlässig geliefert wird, wenn Filter fehlen oder egal sind.
Die eigentliche Pointe liegt jedoch woanders. Sie liegt nicht im Video, nicht im Meme, nicht im Löschvorgang. Sie liegt in der Vorstellung, dass so etwas ein Einzelfall sei. Ein Ausrutscher. Ein Betriebsunfall. Dabei fügt sich alles nahtlos in ein Muster ein: Grenzen werden getestet, Reaktionen gemessen, Konsequenzen minimiert.
Und wenn es zu laut wird, dann war es eben ein Fehler. Ein Versehen. Ein Mitarbeiter. Die Person verschwindet im Nebel, die Verantwortung gleich mit. Übrig bleibt die Erkenntnis, dass Respekt in dieser Kommunikationskultur kein Grundwert ist, sondern ein optionales Add-on.
Am Ende bleibt ein merkwürdiger Eindruck: Die Löschung sollte Ruhe bringen, hat aber eher gezeigt, wie routiniert man mit Grenzüberschreitungen umgeht. Erst provozieren, dann relativieren, schließlich abmoderieren. Das ist kein Ausrutscher. Das ist Choreografie.
Der Post ist weg. Die Haltung dahinter nicht. Und der rote Knopf „Versehen“ glänzt wieder – bereit für den nächsten Einsatz.