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Zuckerbrot auf 10.000 Metern – Donald Trumps venezolanisches Kalenderorakel zwischen Lob, Tadel und Kaffeetermi
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Es gibt Staatschefs, die Außenpolitik als langfristige Strategie begreifen. Und es gibt Donald Trump, der Außenpolitik eher als flexible Improvisationskunst versteht – irgendwo zwischen Immobilienverhandlung, Reality-Show und Horoskop. Sein jüngster Auftritt zur Lage in Venezuela liefert dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Lob für die neue Führung, vorsichtige Avancen, spontane Treffen und ein Terminfenster, das ungefähr so präzise ist wie „irgendwann nach dem Frühstück“.
Der Schauplatz könnte passender kaum sein: die Air Force One. Ein Flugzeug, das nicht nur als Transportmittel dient, sondern als fliegende Pressekonferenz, Denkfabrik und gelegentliches Orakel. Dort erklärte Trump vor Journalisten, Venezuela entwickle sich „wirklich gut“. Man arbeite „sehr gut mit der Führung zusammen“. In der Sprache der Trump-Diplomatie ist das die höchste Stufe der Anerkennung – knapp unter „fantastisch“ und deutlich über „wir beobachten die Lage“.
Diese „Führung“ ist die neue Übergangsregierung in Caracas unter Delcy Rodríguez. Noch vor nicht allzu langer Zeit war Rodríguez international vor allem als Teil des Machtapparats des entmachteten Nicolás Maduro bekannt. In Trumps Welt aber zählt weniger die Vergangenheit als die Gegenwart – genauer gesagt: die aktuelle Gesprächsbereitschaft. Wer heute kooperiert, kann morgen gelobt werden. Wer gestern noch kritisch beäugt wurde, ist plötzlich „wirklich gut unterwegs“.
Trump legte sogar nach und erklärte, er wolle sich „zu einem gewissen Zeitpunkt“ mit Rodríguez treffen. Diese Formulierung ist ein diplomatisches Meisterwerk. Sie signalisiert Offenheit, ohne Verpflichtung. Interesse, ohne Termin. Es ist der politische Äquivalent zu „Wir telefonieren mal“, gesagt mit ernster Miene und maximaler Unverbindlichkeit. Ein Treffen ist damit gleichzeitig angekündigt und verschoben – Schrödingers Gipfeltreffen.
Doch damit nicht genug. Parallel dazu kündigte Trump an, sich bereits am Dienstag oder Mittwoch mit der venezolanischen Oppositionsführerin María Corina Machado treffen zu wollen. Dienstag oder Mittwoch. Zwei Tage, ein Fenster, eine Einladung. Man könnte meinen, Zuckerbrot werde hier im Dutzend verteilt. Besonders pikant: Noch kurz zuvor hatte Trump erklärt, Machado habe nicht die Unterstützung und den Respekt im Land und sei deshalb ungeeignet für eine Spitzenposition in einem zukünftigen Venezuela.
Das ist kein Widerspruch. Das ist Methode.
In Trumps Diplomatie ist Kritik kein Ausschlusskriterium, sondern ein Vorspiel. Erst öffentlich Zweifel säen, dann persönlich empfangen. Erst jemandem politische Relevanz absprechen, dann einen Termin anbieten. Das schafft Spannung, Aufmerksamkeit – und hält alle Beteiligten in angenehmer Unsicherheit. Niemand weiß, ob er gerade eingeladen oder geprüft wird. Niemand weiß, ob Lob dauerhaft gilt oder nur bis zum nächsten Flug.
So entsteht ein außenpolitisches Dreieck: Die Übergangsregierung wird gelobt, die Opposition eingeladen, die Zukunft offengehalten. Trump positioniert sich dabei nicht als Entscheider, sondern als Moderator einer Show, deren Regeln nur er kennt. Wer mitspielen darf, entscheidet sich nicht an Wahlergebnissen oder Programmen, sondern an Tagesform und strategischem Nutzen.
Dabei wirkt das Lob für Venezuela fast schon surreal. Das Land, jahrelang Symbol für wirtschaftlichen Kollaps und politische Repression, entwickelt sich nun „wirklich gut“ – zumindest aus der Perspektive von 10.000 Metern Flughöhe. Was genau sich verbessert hat, bleibt offen. Aber Offenheit ist bekanntlich ein Kernelement moderner Diplomatie, vor allem dann, wenn man sich nicht festlegen möchte.
Natürlich geht es dabei nicht nur um Gespräche und Gesten. Venezuela ist reich an Ressourcen, insbesondere Öl. Und wann immer Trump von positiver Entwicklung spricht, lohnt ein Blick auf wirtschaftliche Interessen. In seiner politischen Logik bedeutet Stabilität vor allem Berechenbarkeit – und Berechenbarkeit ist gut für Geschäfte. Dass politische Bewertungen dabei flexibel bleiben, ist kein Makel, sondern Voraussetzung.
Für Delcy Rodríguez bedeutet das: internationale Anerkennung auf Widerruf. Für María Corina Machado: politische Abwertung mit Option auf persönliches Gespräch. Für Venezuela insgesamt: eine diplomatische Situation, die eher an ein offenes Casting erinnert als an einen klaren Kurs. Wer überzeugt, bleibt. Wer nicht, wird neu bewertet. Dienstag oder Mittwoch.
Und Trump selbst? Der bleibt in der komfortablen Position des Entscheiders ohne Entscheidung. Er lobt, ohne sich zu binden. Er kritisiert, ohne auszuschließen. Er kündigt Treffen an, ohne Termine festzunageln. Außenpolitik wird so zu einem flexiblen Instrument, das sich jederzeit neu justieren lässt – abhängig von Schlagzeilen, Interessen und Gelegenheit.
Man könnte sagen, Trump betreibt Außenpolitik wie ein Immobilienmakler auf internationalem Parkett: Erst den Markt sondieren, dann Interesse signalisieren, parallel mit mehreren Parteien sprechen und am Ende sehen, wer das beste Angebot macht. Venezuela ist dabei kein Partner, sondern ein Objekt im geopolitischen Portfolio.
So wird das Zuckerbrot ausgepackt, demonstrativ sichtbar, fast schon einladend. Die Peitsche bleibt diskret im Hintergrund, aber niemand vergisst, dass sie existiert. Lob kann jederzeit zurückgenommen werden. Ein Treffen kann jederzeit abgesagt oder auf „einen gewissen Zeitpunkt“ verschoben werden.
Am Ende bleibt ein Bild, das perfekt zu dieser Politik passt: Ein Präsident über den Wolken, der freundlich lächelt, Termine verteilt, Bewertungen ausspricht und sich dabei alle Optionen offenhält. Venezuela darf hoffen. Die Opposition darf kommen. Die Regierung darf sich gelobt fühlen. Und Trump? Der darf weiter entscheiden, wer nächste Woche an Bord ist – und wer nur auf dem Rollfeld wartet.