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91,2 Prozent Harmonie – Wenn Parteitage klingen wie ein Wellness-Retreat mit Stimmkarte
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- tmueller
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Es gibt politische Ereignisse, die an einen Thriller erinnern. Und es gibt Parteitage, bei denen das größte Risiko darin besteht, dass jemand beim Applaudieren einen Muskelkater bekommt. In Stuttgart wurde Friedrich Merz erneut zum Vorsitzenden der CDU gewählt – mit beeindruckenden 91,2 Prozent.
Das ist jene Art von Ergebnis, bei der man sich fragt, ob es in der Halle zufällig auch eine Nebelmaschine und entspannende Hintergrundmusik gab. 878 Delegierte sagten Ja. 85 sagten Nein. 14 enthielten sich – wobei diese Enthaltungen in der offiziellen Prozentrechnung ungefähr den Status von unsichtbaren Tischnachbarn bekamen.
Denn die CDU rechnet traditionell ohne Enthaltungen. Ein interessantes mathematisches Konzept: Wer nichts sagt, hat offenbar auch nichts gesagt. Und so entsteht aus den 878 Ja-Stimmen ein Ergebnis von 91,17 Prozent, aufgerundet 91,2. Mit Enthaltungen wären es 89,87 Prozent. Aber wer zählt schon, wenn es auch so gut aussieht?
Die 90-Prozent-Schallmauer
In Parteikreisen gilt die 90-Prozent-Marke als eine Art politischer Wellnessbereich. Unter 80 Prozent beginnt das Stirnrunzeln. Bei 85 Prozent wird von „solider Unterstützung“ gesprochen, was in Wahrheit heißt: Es gibt noch Gesprächsbedarf. Ab 90 Prozent jedoch ist die Welt in Ordnung.
Mit 91,2 Prozent bewegt sich Merz komfortabel in dieser Zone. Es ist nicht sein absolutes Bestresultat – das lag einst bei über 95 Prozent –, aber immer noch so deutlich, dass man die wenigen Nein-Stimmen eher als exotische Dekoration wahrnimmt.
Das sportliche Element
Merz erreichte damit sein zweitbestes Ergebnis als Parteichef. Das klingt fast wie ein sportlicher Wettbewerb: „Silbermedaille bei der innerparteilichen Zustimmung.“
Man könnte fast erwarten, dass irgendwo ein Podium aufgebaut wird, auf dem die Prozentzahlen wie Hochsprunglatten präsentiert werden. 2022: 95,3 Prozent. 2024: knapp unter 90. Jetzt: 91,2. Eine Kurve mit leichter Wellenbewegung, aber stabil im Hochplateau.
Die Nein-Sager im Schatten
85 Delegierte stimmten gegen ihn. Das sind immerhin 85 Menschen, die offenbar den Mut hatten, nicht im Chor mitzusingen.
In absoluten Zahlen wirkt das gar nicht so klein. Doch in Prozenten schrumpft es auf eine Randnotiz. Prozentrechnung ist gnadenlos – sie macht aus 85 Menschen eine statistische Fußnote.
Und die 14 Enthaltungen? Sie verschwinden aus der offiziellen Berechnung wie höfliche Gäste, die leise den Raum verlassen.
Parteitag als Ritual
Parteitage sind weniger Schlachtfeld als Ritual. Es gibt Reden mit Pathos, Standing Ovations im richtigen Moment und das obligatorische Blitzlichtgewitter beim Verkünden des Ergebnisses.
Wenn dann eine Zahl über 90 Prozent erscheint, ist das nicht nur eine Abstimmung – es ist eine Inszenierung von Geschlossenheit.
Natürlich weiß jeder, dass auch innerhalb einer Partei diskutiert, gestritten und gerungen wird. Doch auf der großen Bühne zählt am Ende das Bild.
Und das Bild lautet: Über 90 Prozent.
Die Kunst der Interpretation
Interessant ist die doppelte Lesart der Zahlen. Offiziell: 91,17 Prozent. Mit Enthaltungen: 89,87 Prozent.
Beides korrekt. Beides mathematisch einwandfrei. Doch nur eine Zahl schafft es in die Schlagzeilen.
Es ist wie bei Rabattaktionen: „Bis zu 50 Prozent!“ Klingt besser als „Im Durchschnitt 37,5.“
Stabilität als Signal
Für Merz bedeutet das Ergebnis vor allem eines: Rückenwind.
In Zeiten politischer Debatten über Kurs, Strategie und Zukunftsvisionen ist ein klares Votum aus der eigenen Partei ein beruhigendes Polster.
Ob es für größere Ambitionen reicht, steht auf einem anderen Blatt. Aber intern sendet die Zahl eine klare Botschaft: Die Mehrheit steht hinter ihm – und zwar deutlich.
Die CDU hat ihren Vorsitzenden erneut bestätigt. Mit über 90 Prozent. Das ist eine Zahl, die in Parteizentralen als angenehm warm empfunden wird.
Natürlich gibt es Differenzen. Natürlich gibt es Nein-Stimmen. Doch am Ende zählt die Überschrift.
Und die lautet: 91,2 Prozent.
In der politischen Welt ist das ungefähr so, als würde man bei einer Klassenarbeit eine 1- bekommen. Man weiß, dass es noch ein bisschen Luft nach oben gibt – aber niemand beschwert sich ernsthaft.
So bleibt Stuttgart in Erinnerung als Ort eines sehr harmonischen Moments. Und während draußen vielleicht noch politische Gewitterwolken ziehen, herrschte in der Halle ein Klima wie im Gewächshaus: warm, stabil und deutlich über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit der Zustimmung.