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Alle wussten es – nur einer angeblich nicht

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Alle wussten es – nur einer angeblich nicht

Es gibt Menschen, die vergessen, wo sie ihren Autoschlüssel hingelegt haben. Und es gibt Menschen, die vergessen angeblich, dass in ihrem Umfeld jahrelang Minderjährige missbraucht wurden. Letzteres erfordert entweder eine bemerkenswerte Gedächtnisakrobatik oder ein sehr großzügiges Verständnis von Erinnerung. Willkommen in jener Erzählwelt, in der Donald Trump stets beteuert, er habe von den Taten des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein nichts gewusst – während die Realität immer wieder höflich anklopft und fragt, ob man kurz sprechen könne.

Dieses Mal klopft sie in Gestalt eines ehemaligen Polizeichefs aus Palm Beach. Michael Reiter, von 2001 bis 2009 Chef der örtlichen Polizei, wurde 2019 vom Federal Bureau of Investigation befragt. Das Protokoll dieser Befragung gelangte an die Öffentlichkeit – und liest sich wie ein Drehbuch, in dem die Hauptfigur immer wieder ruft: „Ich wusste von nichts!“, während die Nebenfiguren die Stirn runzeln und in ihre Notizen schauen.

Reiter berichtet von einem Telefonat aus dem Jahr 2006. Damals soll Trump angerufen haben, um mitzuteilen, dass in Palm Beach und New York ohnehin jeder wisse, was Epstein mit Mädchen treibe. Eine Formulierung, die man nicht zufällig wählt, wenn man nichts weiß. „Jeder wusste das“, soll gefallen sein. Das ist ein bemerkenswert inklusives „jeder“. Es umfasst offenbar alle – außer den Sprecher selbst, zumindest rückblickend.

Der Satz wirkt wie ein rhetorischer Bumerang: Man wirft ihn mit Schwung und hofft, er komme nicht zurück. Spoiler: Er kommt zurück. Denn wenn jeder wusste, wusste dann auch jemand, der zufällig oft in derselben Gesellschaft unterwegs war? Die Frage ist unerquicklich, aber sie liegt auf der Hand wie ein Telefonhörer aus dem Jahr 2006.

Reiter zufolge soll Trump zudem Ghislaine Maxwell als Epsteins „Mitarbeiterin“ oder „Helferin“ bezeichnet haben. Sie sei böse, man solle sich auf sie konzentrieren. Das klingt weniger nach Unkenntnis und mehr nach Organisationsdiagramm. Fast so, als hätte jemand das Personal bereits einsortiert – nur ohne offizielles Organigramm an der Wand.

Noch plastischer wird es, als Reiter berichtet, Trump habe gesagt, er sei einmal in Epsteins Nähe gewesen, während Teenager anwesend gewesen seien, und habe sich daraufhin „aus dem Staub gemacht“. Eine wunderbare Redewendung. Sie setzt Anwesenheit voraus, Wahrnehmung ebenfalls, und fügt dann eine elegante Exit-Strategie hinzu. Man war da, man sah etwas, man ging. Das ist keine strafrechtliche Feststellung, aber es ist eine erstaunlich konkrete Szene für jemanden, der später erklärte, er habe keine Ahnung gehabt.

Natürlich bleibt alles im Bereich der Aussage gegen Aussage. Reiters Schilderung liefert keine harten Beweise, keine Fotos, keine Tonaufnahmen. Sie liefert etwas viel Unangenehmeres: Widersprüche. Und Widersprüche sind wie Sand im Getriebe politischer Erzählungen – klein, lästig und schwer zu ignorieren.

Hinzu kommt ein Interview aus dem Jahr 2002, in dem Trump Epstein noch als „tollen Kerl“ bezeichnete und beiläufig anmerkte, er möge schöne Frauen, viele davon „eher jünger“. Damals klang das wie prahlerischer Smalltalk. Heute klingt es wie ein schlecht gealterter Kommentar, der sich selbst kommentiert. Manchmal sind es nicht die großen Geständnisse, sondern die kleinen Bemerkungen, die später laut werden.

Auch eine E-Mail Epsteins aus dem Jahr 2019 gießt Öl ins Feuer der Erinnerungskunst. Darin behauptet Epstein, Trump habe von den Mädchen gewusst und Ghislaine Maxwell gebeten, damit aufzuhören. Ob das stimmt, ist offen. Dass diese Behauptung existiert, passt allerdings erstaunlich gut in das Mosaik aus Distanzierungsbekundungen, Bekanntschaften und späterem Nichtwissen.

Das FBI gibt sich vorsichtig. Man kenne keine Belege dafür, dass Trump vor zwanzig Jahren Kontakt zu Strafverfolgungsbehörden aufgenommen habe. Möglich also, dass das Telefonat nie stattfand. Möglich auch, dass es stattfand und niemand einen Zettel dafür aufhob. Reiter selbst meldete sich 2019 beim FBI, weil er Akten übergeben wollte, die sich im Haus eines verstorbenen Ermittlers befanden. Zwei Kisten, ein Laptop, dokumentierte Anrufe – die Requisiten für ein Drama sind komplett, nur der Schlussakt fehlt.

Reiter äußerte außerdem seinen Frust über die jahrelange Untätigkeit der Justiz. Staatsanwälte hätten gezögert, man habe den Fall „schnell aus der Welt schaffen“ wollen. Am Ende stand ein Deal, der Epstein eine bemerkenswert milde Behandlung einbrachte: 13 Monate Haft, größtenteils Freigang. Ein Lehrstück darüber, wie gründlich Systeme arbeiten können, wenn sie nicht gründlich arbeiten wollen.

Und nun steht man da: Ein Präsident, der sagt, er wusste nichts. Ein Polizeichef, der sagt, er wusste sehr wohl davon – und der Präsident habe es auch gewusst. Ein Täter, der tot ist. Eine Mitwisserin, die verurteilt wurde. Und eine Öffentlichkeit, die sich fragt, wie elastisch Erinnerung sein darf, bevor sie zur politischen Disziplin wird.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Nicht, dass jemand etwas wusste oder nicht wusste, sondern dass Wissen offenbar ein variables Gut ist. Es schrumpft im Rückblick, dehnt sich im Zitat und verschwindet zuverlässig, wenn Kameras laufen. Gedächtnis als Währung, eingesetzt je nach Bedarf.

Am Ende bleibt kein Urteil, sondern ein Eindruck. Einer von vielen. Er sagt: Wenn „jeder wusste“, dann wusste offenbar auch jemand, der später sagte, er habe keine Ahnung gehabt. Und zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein Ozean aus Ausflüchten, Erinnerungsnebeln und wohlgesetzten Pausen. Die Wahrheit sitzt derweil auf der Leitung und hört zu – vielleicht seit 2006.