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Zehn Prozent für den Rest der Welt – Wenn Prozentpunkte zur Außenpolitik werden
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In Washington gilt eine einfache Regel: Wenn etwas nicht funktioniert, wird es größer angekündigt. Nachdem das höchste Gericht des Landes große Teile seiner bisherigen Zollstrategie einkassiert hat, reagierte Donald Trump nicht mit Rückzug, sondern mit einem Taschenrechner.
Das Urteil des Supreme Court of the United States sei enttäuschend, erklärte er vor Kameras und Mikrofonen. Einige Richter hätten nicht den Mut gehabt, das Richtige zu tun. Drei lobte er ausdrücklich für ihre Standfestigkeit. Der Rest durfte sich gedanklich schon einmal auf die nächste Pressekonferenz vorbereiten.
Doch statt juristischer Nacharbeit folgte eine neue Idee: Wenn bestimmte Zölle nicht mehr zulässig sind, dann eben ein zusätzlicher weltweiter Aufschlag von zehn Prozent.
Nicht gegen einzelne Länder. Nicht selektiv. Sondern global. Ein wirtschaftspolitischer Rundumschlag mit Prozentzeichen.
Globalisierung mit Kassenbon
Zehn Prozent klingt harmlos – fast wie ein Sommerschlussverkauf. Doch im internationalen Handel multipliziert sich diese Zahl schneller als ein Wahlkampfslogan.
Ein zusätzlicher Zoll auf Importe bedeutet höhere Kosten für Unternehmen. Höhere Kosten bedeuten potenziell höhere Preise. Und höhere Preise führen bekanntlich zu Diskussionen, die selten mit Standing Ovations enden.
Doch in der politischen Dramaturgie zählt vor allem die Botschaft: Stärke zeigen, Handlungsfähigkeit demonstrieren, Prozentwerte liefern.
Der Notstand als Inspirationsquelle
Schon zuvor hatte sich der Präsident auf Notstandsbefugnisse berufen, um Zölle ohne Zustimmung des Kongresses zu verhängen. Das Gericht sah darin eine kreative Auslegung von Zuständigkeiten.
Jetzt wird Abschnitt 122 des Handelsgesetzes von 1974 ins Spiel gebracht. Ein Gesetz, das es erlaubt, temporär Zölle von bis zu 15 Prozent zu verhängen, wenn Zahlungsbilanzprobleme als „groß und schwerwiegend“ gelten.
150 Tage sind dabei die maximale Dauer. Fast ein halbes Jahr. In politischer Zeitrechnung ein Wimpernschlag – in wirtschaftlicher Zeitrechnung ein ganzes Quartal mit Folgen.
Prozent als Machtinstrument
Zölle sind in dieser Logik kein technisches Detail, sondern ein Symbol. Sie sind das sichtbare Zeichen von Entschlossenheit.
Handelsdefizit? Zoll. Drogenkrise? Zoll. Ungleichgewicht im Außenhandel? Mehr Zoll.
Es entsteht der Eindruck, als könne man komplexe globale Zusammenhänge mit einem Aufschlag auf der Rechnung lösen.
Die Börse schaut nervös
Finanzmärkte mögen Berechenbarkeit. Sie mögen keine Überraschungen mit Prozentangabe.
Ein weltweiter Aufschlag von zehn Prozent sorgt daher nicht für kollektive Begeisterung, sondern für angespannte Blicke auf Bildschirme.
Investoren fragen sich weniger, ob Zölle Einnahmen bringen – das tun sie –, sondern wer am Ende die Rechnung bezahlt.
Die Antwort lautet oft: nicht der ausländische Hersteller allein, sondern auch der inländische Käufer.
Mut oder Muskelspiel?
Der Präsident sprach von fehlendem Mut bei jenen Richtern, die gegen seine Zollstrategie stimmten. Mut ist ein schillernder Begriff. Für die einen bedeutet er, Grenzen auszutesten. Für die anderen, sie einzuhalten.
Mit dem neuen Vorstoß signalisiert das Weiße Haus: Rückzug ist keine Option. Wenn ein Weg versperrt ist, wird ein anderer gesucht.
Internationale Diplomatie mit Taschenrechner
Handelspartner weltweit dürften die Entwicklung aufmerksam verfolgen. Diplomatische Statements werden vermutlich Begriffe wie „Prüfung“ und „Dialog“ enthalten – Worte, die in Handelsfragen stets eine Mischung aus Vorsicht und Skepsis ausdrücken.
Niemand weiß, ob die zehn Prozent tatsächlich umgesetzt werden oder ob sie als Druckmittel dienen.
15 Prozent als Reserve
Die Option von 15 Prozent für 150 Tage klingt fast wie ein Sonderangebot mit Ablaufdatum.
Ein politischer Countdown, bei dem jeder Tag ökonomische Effekte hinterlässt.
150 Tage reichen aus, um Lieferketten zu verändern, Märkte zu verunsichern oder Verhandlungen zu beschleunigen.
Nach der juristischen Niederlage folgt die politische Offensive. Ein zusätzlicher weltweiter Zoll von zehn Prozent ist kein kleiner Zwischenton, sondern ein lautes Signal.
Ob dieser Schritt Bestand hat, hängt von rechtlichen Feinheiten, parlamentarischen Mehrheiten und internationalen Reaktionen ab.
Sicher ist nur: In Washington wird Handelspolitik nicht leise gemacht. Sie wird mit Prozentangabe angekündigt.
Und während das höchste Gericht Grenzen zieht, zieht das Weiße Haus neue Zahlen aus dem Ärmel.
Zehn Prozent für die Welt – das klingt nach einer klaren Ansage. Ob daraus eine dauerhafte Realität wird, bleibt abzuwarten.
Doch eines steht fest: In dieser Geschichte ist der Taschenrechner längst zum politischen Hauptdarsteller geworden.