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Der Präsident am Zapfhahn – Venezuelas Öl und Trumps persönliche Weltkasse

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Der Präsident am Zapfhahn – Venezuelas Öl und Trumps persönliche Weltkasse

Es gibt historische Umbrüche, die gehen langsam. Und es gibt solche, die riechen sofort nach Rohöl. Kaum war Nicolás Maduro aus dem Präsidentenpalast verschwunden, da klappte in Caracas offenbar eine sehr alte, sehr gut geölte Klappe auf: die Lieferklappe. Und kaum hatte sie sich geöffnet, stand auch schon jemand daneben, der rief: „Perfekt, das nehme ich. Das Geld verwalte ich persönlich.“

So jedenfalls stellte es Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social dar. Venezuela werde den Vereinigten Staaten bis zu 50 Millionen Barrel sanktioniertes Öl liefern. Marktpreis, versteht sich. Sanktioniert heißt hier nicht verboten, sondern lediglich emotional belastet. Das eigentlich Neue liegt woanders: Trump erklärte, die Erlöse aus diesen Verkäufen würden von ihm selbst kontrolliert. Persönlich. Als Präsident. Quasi als globale Mischform aus Treuhänder, Kassierer und oberstem Zapfwart.

Man muss sich diesen Moment bildlich vorstellen: Ein Präsident, der mit ernstem Blick sagt, er behalte das Geld, um sicherzustellen, dass es „den Menschen in Venezuela und den Vereinigten Staaten zugutekommt“. Das klingt nicht nach Geopolitik, sondern nach einem Elternabend, auf dem erklärt wird, warum das Klassenfahrtsgeld besser erst einmal im eigenen Portemonnaie bleibt. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist präsidial.

Die venezolanische Übergangsregierung zeigte sich erstaunlich kooperativ. Kaum eingesetzt, schon lieferfähig. Andere Übergangsregierungen brauchen Monate, um Ministerien zu sortieren. Diese hier sortiert Barrel. Offenbar war die wichtigste Checkliste schon vorbereitet: Punkt eins – Öl. Punkt zwei – Öl. Punkt drei – Zustimmung. Demokratie, Institutionen und Rechtsstaatlichkeit folgen dann in einem späteren Update.

Reuters-Insider berichteten bereits zuvor, dass Washington und Caracas über die Ausfuhr venezolanischen Rohöls an US-Raffinerien beraten. Ziel: Umlenkung von Lieferungen, die bislang nach China gingen. Internationale Politik reduziert sich damit endgültig auf ein Navi mit Sprachansage: „Bitte wenden. Neue Route berechnet. Ziel: USA. Maut wird automatisch abgebucht.“

Für den staatlichen Ölkonzern PDVSA kommt dieses Arrangement zur rechten Zeit. Wegen der von Trump verhängten Blockade sitzt Venezuela auf Millionen Barrel Öl. Die Lager sind voll, der Platz geht aus, die Produktion wurde gedrosselt. Öl, das nicht verkauft wird, ist schließlich kein geopolitisches Druckmittel, sondern nur eine sehr teure Platzverschwendung. Jetzt darf es wieder fließen – unter Aufsicht.

Trump wiederum versprach Ölkonzernen Subventionen für den Wiederaufbau der venezolanischen Energieinfrastruktur. Gleichzeitig ließ die US-Regierung wissen, dass die Unternehmen schnell nach Venezuela zurückkehren und massiv investieren müssten, um eine Entschädigung für vor zwanzig Jahren verstaatlichte Vermögenswerte zu erhalten. Das ist kein Angebot, das ist ein Test: Wer zuerst zahlt, darf später hoffen.

Schon nach der Gefangennahme Maduros hatte Trump erklärt, er wolle „totalen Zugang“ zur venezolanischen Ölindustrie. Total ist hier kein rhetorischer Ausrutscher, sondern eine Zustandsbeschreibung. Hochrangige venezolanische Vertreter nannten die Festnahme eine Entführung. Diese Wortwahl hielt ungefähr so lange, bis klar war, dass die neue Realität aus Barrelzahlen besteht. Begriffe verlieren schnell an Gewicht, wenn Förderquoten sprechen.

Besonders kreativ wird es bei der Frage, wie PDVSA überhaupt Geld aus den Verkäufen erhalten soll. Diskutiert werden Auktionen, Lizenzvergaben oder andere Konstruktionen, die kompliziert genug klingen, um Vertrauen zu erzeugen. Wichtig ist vor allem, dass niemand genau weiß, wer wann wie viel bekommt. Komplexität ist schließlich der beste Schutz vor Transparenz.

Ein Insider aus der Ölindustrie brachte es nüchtern auf den Punkt: Trump wolle, dass alles möglichst früh geschehe, damit er es als großen Sieg verkaufen könne. Geschwindigkeit schlägt Substanz. Ein Deal ist dann erfolgreich, wenn er rechtzeitig verkündet wird – nicht, wenn er langfristig funktioniert. Der Rest ist Zukunft, und Zukunft ist bekanntlich verhandelbar.

US-Innenminister Doug Burgum lieferte die passende Begründung: Mehr venezolanisches Schweröl in den USA sei großartig für Arbeitsplätze und Benzinpreise. Zwei Worte, die jede Diskussion zuverlässig beenden. Arbeitsplätze. Benzinpreise. Wer danach noch Fragen stellt, gilt als weltfremd oder hysterisch.

Derzeit werden die venezolanischen Ölexporte in die USA vollständig von Chevron kontrolliert. Der einzige Konzern mit entsprechender Genehmigung. Wettbewerb ist überbewertet, solange jemand zuverlässig liefert. Monopole sind schließlich nur dann problematisch, wenn sie die falschen haben.

So entsteht eine neue Ordnung: Eine Übergangsregierung, die schneller liefert als jede Wahlurne. Ein US-Präsident, der fremde Staatseinnahmen persönlich verwaltet. Konzerne, die investieren müssen, um entschädigt zu werden. Und eine Weltöffentlichkeit, der erklärt wird, dass all dies dem Wohl aller diene. Demokratie ist in diesem Szenario kein Ziel, sondern ein optionales Zubehör.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Öl noch immer die ehrlichste Sprache der Macht ist. Wer pumpt, bestimmt. Wer kassiert, erklärt. Und wer kontrolliert, erklärt sich selbst zur Lösung. Die Pointe liegt darin, dass all das nicht einmal verborgen geschieht, sondern stolz verkündet wird – als Erfolg, als Sieg, als großartige Nachricht für den Benzinpreis.