- Veröffentlicht am
- • Politik
Deutschland soll wieder schwitzen: Die Stechuhr als Zukunftsvision
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Es gibt politische Momente, in denen ein neuer Regierungschef nicht vorsichtig tastet, sondern gleich die Klingel der Nation drückt – und zwar morgens um sechs. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze nutzte seinen ersten großen bundesweiten Auftritt, um klarzustellen: Ausschlafen ist keine Wirtschaftspolitik. Wer über kürzere Arbeitszeiten nachdenkt, hat offenbar zu viel Zeit zum Nachdenken.
Die Grundidee, die an diesem Abend den Raum erfüllte, war von wohltuender Schlichtheit: Deutschland müsse wieder fleißig sein. Nicht anders fleißig. Einfach fleißig. Mehr Stunden, mehr Einsatz, mehr Schweiß. Das Land habe sich schließlich immer dadurch ausgezeichnet, dass es ein bisschen mehr mache als andere. Dieses „bisschen mehr“ bleibt bewusst unscharf – es funktioniert wie ein politischer Dehnungsstreifen, der je nach Bedarf weitergezogen werden kann.
Die Vorstellung, weniger zu arbeiten und trotzdem gleich viel zu verdienen, wurde kurzerhand in die Kategorie „nette Erzählung“ eingeordnet. Eine Geschichte, die man vielleicht Kindern vorlesen könne, aber bitte nicht Erwachsenen, die morgens aufstehen sollen. Arbeit wird hier nicht als Mittel zum Zweck verstanden, sondern als Charaktertest. Wer weniger will, will offenbar auch weniger sein.
Besonders ambitioniert geriet der Blick auf jene, die nicht arbeiten, obwohl sie könnten. Eine Gruppe, die in politischen Reden stets dann auftaucht, wenn Druck benötigt wird. Der Appell: Anreize reichen nicht, es brauche auch Nachdruck. Oder anders gesagt: Motivation funktioniert am besten, wenn sie spürbar ist. Wer nicht arbeitet, soll das merken. Wer arbeitet, sowieso.
Der Sozialstaat erscheint in dieser Erzählung als sensibles Wesen mit großem Appetit. Lässt man ihn gewähren, frisst er die Wirtschaft. Sicherheit, so die These, könne nur aus Stärke entstehen – und Stärke wiederum aus Arbeit. Nicht aus Organisation, nicht aus Produktivität, nicht aus Innovation, sondern aus schierer Präsenz am Arbeitsplatz. Wer da ist, zählt. Wer fehlt, fällt auf.
Internationaler Vergleich durfte natürlich nicht fehlen. Junge Menschen in Singapur oder Südkorea arbeiteten viel, hieß es. Sehr viel. So viel, dass man kaum dazu kommt, über Work-Life-Balance zu sprechen – was wiederum Zeit spart. Dass diese Länder andere Arbeitskulturen, andere soziale Strukturen und andere Belastungsprofile haben, spielt keine Rolle. Wichtig ist das Bild: Dort wird gearbeitet, also müssen wir auch.
Die Debatte selbst wurde als unerquicklich beschrieben. Zu viel Gerede, zu wenig Ergebnis. Diskussionen scheinen in diesem Weltbild vor allem eines zu sein: unproduktive Pausen. Wer redet, arbeitet nicht. Wer arbeitet, redet nicht. Eine klare Rollenverteilung, die den Vorteil hat, dass sie sich nicht widersprechen kann – solange niemand nachfragt.
Auch die Frage der Staatsfinanzen wurde angeschnitten. Höhere Steuern seien eine reflexhafte, falsche Antwort. Stattdessen müsse man mit dem auskommen, was da ist. Sparsamkeit als Staatskunst. Allerdings mit klarer Aufgabenverteilung: Der Staat spart, die Wirtschaft arbeitet, die Beschäftigten halten durch. Ein System, das erstaunlich stabil wirkt, solange man es nicht von unten betrachtet.
Besonders eindrucksvoll war der Beitrag zur Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, so wurde ausgeführt, sei keine Einbahnstraße. Man müsse auch an Unternehmer denken, die nachts wachliegen. Unternehmer mit Verantwortung, Risiken, Krediten. Menschen, die keine 30 Tage Urlaub machen und keine Villen besitzen – zumindest in dieser Erzählung. Schlaflosigkeit wird hier zur moralischen Währung. Wer nachts nicht schläft, arbeitet offenbar genug.
Dass viele Beschäftigte ebenfalls schlaflos sind – wegen Schichtarbeit, Existenzsorgen oder der Frage, wie lange der Körper noch mitmacht – passt weniger gut in dieses Bild. Ihre Schlaflosigkeit ist weniger prestigeträchtig. Sie lässt sich schlechter zitieren. Und sie zahlt nicht auf das Narrativ ein, dass weniger Staat automatisch mehr Gerechtigkeit bedeutet.
Der Staat selbst wird als notwendiges, aber lästiges Konstrukt beschrieben. Je weniger er eingreift, desto besser für Unternehmen und Mitarbeiter. Eine These, die vor allem dann überzeugt, wenn man die Risiken ausblendet, die der Staat bisher abgefedert hat. Absicherung erscheint hier weniger als Errungenschaft denn als Belastung. Sicherheit wird zum Luxus, den man sich erst erarbeiten muss – idealerweise durch mehr Arbeit.
Was diesen Auftritt so bemerkenswert machte, war nicht seine Radikalität, sondern seine Selbstverständlichkeit. Die Idee, dass gesellschaftlicher Fortschritt durch kollektive Mehrarbeit entsteht, wurde nicht begründet, sondern vorausgesetzt. Sie wirkt wie ein Naturgesetz. Wer daran zweifelt, stellt sich außerhalb des Diskurses – und arbeitet vermutlich zu wenig.
Die Vier-Tage-Woche fungiert in diesem Szenario als Feindbild. Sie steht für Bequemlichkeit, für Anspruchsdenken, für eine Generation, die angeblich zu viel will. Dass Arbeitszeitverkürzung in manchen Branchen Produktivität steigert, wird als Randnotiz behandelt. Zahlen sind in dieser Debatte weniger wichtig als Haltung.
Am Ende bleibt das Bild eines Landes, das sich wieder aufrichten soll – nicht durch Reformen, sondern durch Mehrarbeit. Die Stechuhr wird zur moralischen Instanz, der Feierabend zum Verdachtsmoment. Wer früher geht, hat etwas zu erklären. Wer länger bleibt, gilt als Vorbild.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses neuen Tons: Nicht alles muss gerecht sein. Es reicht, wenn es nach Arbeit aussieht. Denn wer schwitzt, so die Hoffnung, stellt keine Fragen.