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Freisprechanlage der Macht: Auf der Suche nach der passenden Vergangenheit

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Freisprechanlage der Macht: Auf der Suche nach der passenden Vergangenheit

Es gibt Menschen, die verlieren eine Wahl und schreiben Memoiren. Und es gibt Menschen, die verlieren eine Wahl und beginnen eine jahrelange archäologische Expedition – auf der Suche nach dem einen Beweis, der alles ändert. In den Vereinigten Staaten wird derzeit eindrucksvoll demonstriert, wie man mit genügend Willen, Macht und Telefonminuten eine alternative Realität pflegt, bis sie sich heimisch anfühlt.

Im Zentrum dieses Projekts steht Donald Trump, der fest davon überzeugt ist, dass ein Wahlergebnis nur dann gültig ist, wenn es ihm gefällt. Alles andere gilt als Missverständnis, Irrtum oder Teil eines großen, nebulösen Plans, an dem offenbar sehr viele Menschen beteiligt sind – nur leider ohne nachvollziehbare Beweise.

Doch das Fehlen von Beweisen ist kein Grund, aufzugeben. Im Gegenteil. Es ist der Startschuss. Wenn die Wahrheit sich nicht zeigt, muss man sie eben suchen. Oder anrufen. Oder beides gleichzeitig. Am besten über Lautsprecher, damit alle etwas davon haben.

Im Bundesstaat Georgia kam es jüngst zu einer Aktion, die man als Mischung aus Geschichtsarchiv und Umzugsunternehmen beschreiben könnte. Alte Stimmzettel aus dem Jahr 2020 wurden eingesammelt. Nicht ein paar. Nicht symbolisch. Sondern in Mengen, die logistische Planung erfordern. Lastwagen rollten. Kartons stapelten sich. Demokratie wurde verladen. Ein Bild, das Eindruck macht – unabhängig davon, was am Ende dabei herauskommt.

Berichtet wurde darüber von der New York Times, die bereits den ersten Akt als außergewöhnlich bezeichnete. Doch das eigentlich Bemerkenswerte folgte danach. Denn während Ermittlungen normalerweise leise verlaufen, entschied man sich hier für eine kommunikative Begleitmusik.

Der Präsident persönlich griff zum Telefon. Er rief FBI-Agenten an, die an der Aktion beteiligt waren. Er stellte Fragen, lobte Einsatz und bedankte sich. Wertschätzung von ganz oben. Ein klassischer Motivationsanruf – nur dass es sich um Bundesermittler handelt, deren Arbeit üblicherweise nicht per Direktfeedback aus dem Oval Office begleitet wird.

Der Kontakt kam nicht zufällig zustande. Vermittelt wurde er von Tulsi Gabbard, die als Nationale Geheimdienstdirektorin eigentlich genug zu tun hätte, ohne sich als Call-Center-Managerin zwischen Präsident und Ermittlungsbehörden zu betätigen. Doch in besonderen Zeiten gelten besondere Rollenbilder.

Gabbard war sogar persönlich vor Ort. Nicht als Beobachterin, sondern als aktive Präsenz. Sie sprach mit den Agenten, organisierte den Anruf und hielt das Mobiltelefon bereit. Der Präsident ging zunächst nicht ran, rief später zurück. Auch Wahrheiten brauchen manchmal einen zweiten Versuch.

Dass eine Geheimdienstdirektorin bei einer strafrechtlichen Durchsuchung anwesend ist, obwohl ihre Funktion das nicht vorsieht, mag irritieren. Aber Irritation ist Teil der Methode. Wenn Zuständigkeiten verschwimmen, wird Verantwortung flexibel. Und Flexibilität ist bekanntlich eine Kernkompetenz moderner Politik.

Gabbard hatte zuvor bereits eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit politischer Vergeltung befassen sollte. Ein bemerkenswert nüchterner Titel für ein emotional aufgeladenes Vorhaben. Es geht darum, alte Rechnungen zu prüfen – nicht, um sie zu begleichen, sondern um sie öffentlich vorzulesen.

Trump selbst hatte angekündigt, dass „die Leute“ bald strafrechtlich verfolgt würden. Wer genau diese Leute sind, bleibt offen. Offenheit ist schließlich der größte Trumpf dieser Strategie. Jeder kann sich angesprochen fühlen. Und genau das ist der Punkt.

Im Hintergrund steht weiterhin die verlorene Wahl gegen Joe Biden. Ein Ereignis, das längst Geschichte sein könnte, wäre da nicht der unerschütterliche Wunsch, sie umzuschreiben. Nicht mit Fakten, sondern mit Beharrlichkeit. Nicht mit Belegen, sondern mit Aktionen, die so groß wirken, dass sie Bedeutung suggerieren.

Kritiker sprechen von einem Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz. Unterstützer sehen darin einen Präsidenten, der endlich aufräumt. Beide Seiten beobachten dasselbe Schauspiel – nur mit unterschiedlichen Erwartungen an den Schlussakt.

Bemerkenswert ist, wie sich die Rollen verschoben haben. Ermittler werden zu Darstellern. Durchsuchungen zu Symbolen. Telefonate zu politischen Signalen. Und Wahrheit wird nicht mehr festgestellt, sondern vorbereitet. Wie ein Bühnenbild, das aufgebaut wird, bevor das Stück beginnt.

Je länger diese Suche dauert, desto weniger geht es um das ursprüngliche Ereignis. Die Wahl von 2020 ist längst Nebensache. Im Mittelpunkt steht die Kontrolle über die Erzählung. Wer bestimmt, was untersucht wird? Wer entscheidet, wann genug gesucht wurde? Und wer darf applaudieren, wenn wieder ein Lastwagen losfährt?

Die Antwort ist einfach: derjenige mit dem Telefon. Mit dem größten. Mit der Freisprechanlage. Mit der Macht, Lob zu verteilen und Erwartungen zu formulieren, ohne sie aussprechen zu müssen.

Am Ende dieser Geschichte steht kein Urteil, keine Anklage, kein Beweis. Es steht eine Dauerbewegung. Eine Jagd, die nicht enden darf, weil ihr Ende das Eingeständnis wäre, dass es nichts zu finden gibt. Also wird weiter gesucht. Weiter angerufen. Weiter gesammelt.

Die Demokratie hält das aus. Noch. Aber sie wird dabei neu definiert. Nicht als System von Regeln, sondern als Prozess der permanenten Nachprüfung. Wer verliert, darf zweifeln. Wer zweifelt, darf suchen. Und wer sucht, darf anrufen.

Und irgendwo in einem Lagerhaus in Georgia liegen Stimmzettel und warten. Vielleicht nicht darauf, gezählt zu werden. Sondern darauf, Teil einer Geschichte zu sein, die nie abgeschlossen wird.