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Donald Trump, JD Vance und die Erfindung des lautlosen Buhrufs

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Donald Trump, JD Vance und die Erfindung des lautlosen Buhrufs

Es gibt Geräusche, die lassen sich nicht ignorieren. Feueralarm zum Beispiel. Oder ein startender Düsenjet. Und dann gibt es Buhrufe – diese archaische Form kollektiver Rückmeldung, die schon im antiken Rom zuverlässig signalisierte: „Das war keine gute Idee.“ Bei den Olympischen Winterspielen in Italien erfüllten sie genau diese Funktion, als JD Vance auf den Bildschirmen erschien. Für das Publikum war die Sache klar. Für Donald Trump hingegen begann damit eine akustische Grundsatzdebatte.

Trump zeigte sich überrascht. Buhrufe? Gegen seinen Vize? Das könne eigentlich nicht sein. In den USA, erklärte er mit ernster Miene und routinierter Gewissheit, werde Vance nicht ausgebuht. Dort möge man ihn. Man müsse berücksichtigen, dass sich Vance aktuell im Ausland befinde. Und Ausland, das weiß man spätestens seit dieser Erklärung, hat ganz eigene Ohren.

Mit dieser Aussage betrat der Präsident Neuland: die politische Akustiktheorie. Sie besagt, dass Geräusche je nach Landesgrenze ihren Wahrheitsgehalt verlieren. Ein Buhruf in Italien ist demnach kein Buhruf, sondern ein kulturelles Missverständnis. Vielleicht ein besonders rauer Applaus. Oder ein kollektives Niesen.

Das Problem an dieser Theorie ist allerdings ihre Kollisionsanfälligkeit mit der Realität. Denn JD Vance wurde auch in den USA schon mehrfach hörbar abgelehnt. Nicht heimlich, nicht in dunklen Ecken, sondern öffentlich, deutlich und rhythmisch. Washington, D.C. zum Beispiel. Dort, wo Politik eigentlich zu Hause ist, wurde Vance bei öffentlichen Auftritten mit einer Geräuschkulisse empfangen, die man sonst eher aus Fußballstadien kennt – allerdings ohne Fan-Schal.

Besonders pikant: Ein Teil dieser Buhrufe ertönte im Kennedy Center, einem ehrwürdigen Kulturhaus. Kultur ist bekanntlich sensibel, aber offenbar nicht sensibel genug, um Missfallen stumm zu äußern. Das Publikum dort entschied sich für den klassischen Weg: Lautstärke. Dass Trump dieses Haus später unter seinen Einfluss brachte, wirkt im Nachhinein fast wie ein verspäteter Versuch, die Akustik nachzujustieren.

Zurück nach Italien. Olympische Spiele sind eigentlich für Völkerverständigung gedacht. Für Sport. Für Emotionen. Und gelegentlich für politische Nebenhandlungen, die niemand geplant hat, aber alle bemerken. Als JD Vance auf den Großbildschirmen erschien, reagierte das Publikum spontan. Keine Pressemitteilung, kein Koordinationskreis, kein Fraktionsbeschluss. Nur Sound.

Trump jedoch erklärte dieses Soundereignis kurzerhand für ungültig. Sein Argument: Vance sei beliebt. Beliebtsein ist in dieser Logik ein Naturzustand. Wenn es anders klingt, liegt ein Fehler im System vor. Vielleicht ein defektes Mikrofon. Oder eine falsche Übersetzung. Möglicherweise hatte jemand „Buh“ gesagt, meinte aber „Wow“.

Die politische Eleganz dieser Erklärung liegt in ihrer Einfachheit. Zustimmung wird behauptet, Widerspruch relativiert. Und alles, was nicht passt, wird geografisch ausgelagert. Buhrufe? Ausland. Proteste? Missverständnis. Kritik? Überreaktion. Applaus hingegen ist universell – selbst dann, wenn er nicht hörbar ist.

Dabei hatte die Situation in Mailand durchaus Kontext. Schon vor der Eröffnungsfeier demonstrierten Studierende gegen die Anwesenheit von Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE. Diese sollten die US-Delegation schützen. ICE, das steht in den USA nicht gerade für sanfte Verwaltungskunst, sondern für harte Maßnahmen, die seit Jahren Proteste auslösen. Dass diese Symbolik auf europäischem Boden nicht geräuschlos blieb, überrascht eigentlich nur jene, die Geräusche grundsätzlich für optional halten.

Vance selbst saß derweil auf der Ehrentribüne. Ein Ehrenplatz mit ausgezeichneter Sicht – auch auf die Reaktionen. Man darf annehmen, dass er die Buhrufe hörte. Oder zumindest spürte. Buhrufe haben eine gewisse physische Qualität. Sie sind keine Meinung, sie sind ein Erlebnis.

Trump jedoch entschied sich für eine andere Wahrnehmung. In seiner Version bleibt Vance beliebt. Und zwar so beliebt, dass selbst Buhrufe ihn nicht davon überzeugen können, dass jemand nicht klatscht. Es ist eine Form von Optimismus, die man sonst nur von Menschen kennt, die im Regen stehen und erklären, das Wetter sei hervorragend.

Der satirische Höhepunkt dieser Episode liegt in der Vorstellung, dass Popularität unabhängig vom Publikum existiert. Man ist beliebt, weil man es sagt. Zustimmung ist kein Ergebnis, sondern ein Zustand. Wer widerspricht, hat entweder falsch zugehört oder befindet sich auf dem falschen Kontinent.

So entsteht eine neue politische Realität: die geräuschlose Ablehnung. Man wird ausgebuht, aber nur technisch. Inhaltlich hingegen bleibt alles beim Alten. In dieser Welt ist Applaus die Norm, Buhrufe sind Störgeräusche, und Störgeräusche blendet man aus.

Am Ende dieser Geschichte bleibt eine einfache Erkenntnis: Buhrufe sind kein diplomatischer Affront, sondern unmittelbares Feedback. Sie brauchen keine Übersetzung. Keine Einordnung. Keine Flugzeugpressekonferenz. Sie sind das, was sie sind – und gerade deshalb so schwer zu widerlegen.

Oder anders gesagt: Man kann behaupten, niemand buht. Aber das Geräusch bleibt.