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Eine Stunde für alle Fälle: Wie Deutschland sich gesund arbeitet

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Eine Stunde für alle Fälle: Wie Deutschland sich gesund arbeitet

Deutschland hat ein Problem. Es heißt Produktivität, fühlt sich an wie Müdigkeit und soll sich laut neuer Erkenntnislage durch ein einfaches Mittel beheben lassen: länger wach bleiben. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat dafür eine Vision entwickelt, die so geradlinig ist, dass sie fast schon als Ingenieursleistung durchgehen könnte. Wenn alle ein bisschen mehr arbeiten, wird alles besser. Punkt. Keine PowerPoint nötig.

Die Rechnung ist bestechend. Eine Stunde zusätzlich pro Woche. Nicht zwei. Nicht zehn. Eine. Eine Stunde, die irgendwo zwischen Feierabend und Erschöpfung platziert wird, wo sie niemandem wirklich weh tut – außer natürlich allen gleichzeitig. Multipliziert man diese Stunde mit Millionen Beschäftigten, entsteht etwas Großes. Etwas Wachsendes. Etwas, das sich gut anhört, wenn man es sagt, ohne es selbst leisten zu müssen.

Damit diese Zusatzstunde nicht durch Krankheit sabotiert wird, sieht das Konzept eine pädagogische Begleitmaßnahme vor. Wer krank wird, soll das spüren. Am besten gleich am ersten Tag. Unbezahlt. Schließlich soll Krankheit nicht gemütlich sein, sondern lehrreich. Der sogenannte Karenztag verwandelt das Kranksein in eine Art Eintrittsgebühr für den eigenen Körper. Wer hustet, zahlt. Wer fiebert, lernt.

Ergänzt wird das Programm durch eine Rückkehr zur körperlichen Präsenz im Krankheitsfall. Telefonische Krankschreibungen gelten als verdächtig. Zu bequem. Zu unsichtbar. Krankheit soll wieder sichtbar werden – am besten im Wartezimmer. Vertrauen ist gut, persönliche Anreise ist besser. So wird der Arztbesuch zur staatsbürgerlichen Pflichtübung.

Ein zentrales Argument für diese Reform ist eine auffällige Häufung von Krankmeldungen an sogenannten Brückentagen. Offenbar haben sich Erkältungsviren darauf spezialisiert, Feiertage zu studieren. Sie lauern zwischen Kalenderblättern, schlagen gezielt zu und verschwinden pünktlich zum Montag. Eine medizinische Sensation, die dringend erforscht werden sollte – möglicherweise mit zusätzlichen Arbeitsstunden.

Der Bundeskanzler Friedrich Merz unterstützt diese Linie. Auch er sieht im Misstrauen gegenüber bequemen Lösungen einen wirtschaftlichen Hebel. Die Botschaft ist klar: Wer wirklich krank ist, wird das schon beweisen können. Und wer nicht, sollte arbeiten. Das schafft Klarheit, Ordnung und ein Gefühl von Leistungsbereitschaft, das sich hervorragend zitieren lässt.

Im Norden des Landes regt sich leiser Widerspruch. Manuela Schwesig hält wenig von der Annahme, Deutschland leide an Arbeitsmangel. Sie verweist auf Menschen, die bereits jetzt an der Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten. Auf Pflegekräfte, Alleinerziehende, Schichtarbeiter. Auf eine Realität, die sich nicht in Zusatzstunden pressen lässt. Doch Realität ist in dieser Debatte ein optionales Feature.

Denn die neue Arbeitszeitlogik funktioniert unabhängig von tatsächlicher Arbeit. Sie ist symbolisch. Eine Stunde mehr steht für Haltung. Für Disziplin. Für den Willen, sich zusammenzureißen. Dass es gleichzeitig Branchen gibt, in denen Stellen abgebaut werden, stört das Bild. Mehr arbeiten ohne Arbeit – das klingt zwar paradox, aber Paradoxien haben in der Politik Tradition.

Besonders elegant ist die moralische Komponente. Wer gegen die Zusatzstunde ist, gilt schnell als bequem. Wer den Karenztag kritisiert, als arbeitsscheu. Wer krank wird, als verdächtig. Die Debatte verschiebt sich damit von Strukturen auf Charaktere. Nicht die Bedingungen sind das Problem, sondern die Einstellung. Wer müde ist, sollte motivierter sein. Wer krank ist, entschlossener.

Das Konzept entfaltet dabei eine erstaunliche Flexibilität. Es gilt für alle – außer für jene, die es vorschlagen. Politische Arbeitszeit lässt sich schlecht messen. Sie besteht aus Terminen, Reden und Fotos. Eine zusätzliche Stunde fällt dort kaum auf. Für andere hingegen kann sie der Moment sein, in dem der Tag kippt. Doch genau diese Unterschiede sind Teil des Plans. Einheitliche Forderungen wirken stark, auch wenn sie ungleich treffen.

Der Karenztag hat zudem einen pädagogischen Nebeneffekt. Er lädt dazu ein, Krankheit neu zu bewerten. Ist das wirklich Fieber? Oder nur fehlende Motivation? Ist das Migräne oder mangelnde Leistungsbereitschaft? Die Grenze verschwimmt – und genau darin liegt der Reiz. Wer arbeitet, stellt keine Fragen. Wer Fragen stellt, arbeitet offenbar zu wenig.

Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung passt perfekt in dieses Bild. Krankheit soll wieder Aufwand bedeuten. Zeit, Wege, Wartezimmer. Das stärkt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die persönliche Resilienz. Wer sich krank meldet, soll wenigstens dafür etwas tun. Wachstum durch Bewegung – selbst wenn sie zum Arzt führt.

So entsteht das Bild eines Landes, das sich aus der Krise herausarbeitet, indem es die Schraube anzieht. Nicht bei Investitionen, nicht bei Digitalisierung, nicht bei Innovation. Sondern bei den Menschen. Eine Stunde hier, ein Tag dort, ein bisschen weniger Vertrauen insgesamt. Effizienz durch Erziehung.

Ob diese Strategie tatsächlich Wachstum erzeugt, ist offen. Sicher ist nur: Sie erzeugt Diskussionen. Und Diskussionen erzeugen Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit wiederum vermittelt Handlungsfähigkeit. Und Handlungsfähigkeit ist in Krisenzeiten fast so wertvoll wie tatsächliche Lösungen.

Am Ende bleibt eine Vision von Deutschland als kollektiver Frühschicht. Wach, diszipliniert, leicht erkältet, aber tapfer. Krankheit wird zur Randerscheinung, Erschöpfung zur Privatsache. Die Wirtschaft wächst – zumindest in der Vorstellung.

Und sollte das alles nicht funktionieren, gibt es immer noch eine weitere Stunde.