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Das neue Lächeln der Leistungsgesellschaft: Wer zahlt, zeigt Zähne

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Das neue Lächeln der Leistungsgesellschaft: Wer zahlt, zeigt Zähne

Deutschland diskutiert wieder einmal über die Zukunft des Sozialstaats. Das erkennt man daran, dass sehr wohlhabende Menschen sehr ernsthaft erklären, was sich andere Menschen künftig nicht mehr leisten sollten. Der neueste Reformimpuls kommt aus dem Umfeld des CDU-Wirtschaftsrat, einer Institution, die mit großer Regelmäßigkeit beweist, dass Sparideen besonders kreativ werden, wenn man selbst nicht sparen muss.

Diesmal geht es an den Mund. Genauer gesagt: an alles, was sich darin befindet und nicht zwingend dekorativ ist. Zahnmedizin, so die neue Leitidee, sei eigentlich kein Fall für solidarische Absicherung mehr. Wer etwas im Kiefer reparieren möchte, könne das doch privat regeln. Schließlich handele es sich um einen überschaubaren Körperteil mit klarer Funktion: kauen, lächeln, schweigen. Letzteres dürfte im Reformprozess besonders geschätzt werden.

Die Argumentation ist ebenso kühl wie effizient. Sozialabgaben steigen, Netto sinkt, Wirtschaft leidet. Also muss gespart werden. Nicht bei Unternehmenssteuern, nicht bei Dividenden, nicht bei Erbschaften – sondern dort, wo es richtig weh tut. Und was tut mehr weh als ein Zahnarztbesuch ohne Versicherungsschutz?

Der Generalsekretär des Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger, betont dabei gern die Verantwortung gegenüber Arbeitnehmern. Verantwortung bedeutet in diesem Kontext: ihnen zu erklären, dass weniger Absicherung eigentlich gut für sie ist. Denn wer weniger geschützt ist, muss vorsichtiger leben. Vorsicht wiederum steigert die Konzentration. Konzentration steigert Produktivität. Und Produktivität – so schließt sich der Kreis – heilt vielleicht sogar Karies.

Dass Zahnbehandlungen heute bereits teilweise privat bezahlt werden, reicht dem Reformgeist nicht. Es geht um das Prinzip. Umlageverfahren wirken altmodisch. Solidarität ist teuer. Private Vorsorge klingt moderner, auch wenn sie voraussetzt, dass man vorsorgen kann. Wer das nicht kann, lernt eine neue Tugend: Akzeptanz.

Doch der Zahn ist nur der Anfang. Wer sich durch den Forderungskatalog arbeitet, erkennt schnell ein Gesamtkunstwerk des Abbaus. Arbeitswege sollen kein Unfallrisiko mehr für die Gemeinschaft darstellen. Pflege soll stärker privatisiert werden. Arbeitslosengeld soll zeitlich schrumpfen, egal wie alt man ist oder wie der Arbeitsmarkt aussieht. Mütterrente, Grundrente, frühe Altersrente – alles auf dem Prüfstand. Der Sozialstaat wird nicht reformiert, sondern ausgedünnt. Wie ein Bonsai: klein, pflegeleicht, dekorativ.

Besonders faszinierend ist die Sprache, in der all das präsentiert wird. Es gehe um Entfesselung, um Aufstieg, um Dynamik. Das klingt nach Freiheit, bedeutet aber vor allem: Wer fällt, fällt tiefer. Aber wenigstens schneller.

Der politische Widerstand lässt nicht lange auf sich warten. Aus der SPD kommt frostige Ablehnung. Man spricht von sozialer Eiszeit. Ein treffendes Bild, denn in Kälte klappern die Zähne – ein Geräusch, das in dieser Debatte ohnehin allgegenwärtig ist. Bernd Rützel empfiehlt sinngemäß, die Vorschläge möglichst rasch dem Vergessen zu überlassen. Am besten mit göttlicher Hilfe.

Auch innerhalb der Union meldet sich Skepsis. Der Arbeitnehmerflügel, vertreten durch Dennis Radtke, äußert Zweifel am Menschenbild, das hinter den Forderungen steht. Wenn immer wieder diejenigen verzichten sollen, die ohnehin wenig haben, könne das politisch problematisch werden. Eine vorsichtige Formulierung für ein ziemlich offensichtliches Problem.

Von links kommt der Angriff frontal. Ines Schwerdtner beschreibt die Reformideen als Angriff auf die Mehrheit der Bevölkerung. Die Vorstellung, dass Menschen sich bald zwischen Zahnfüllung und Familienessen entscheiden müssten, wird zum Sinnbild der Debatte. Überzeichnet? Vielleicht. Aber nicht völlig unrealistisch, wenn man den Zahlen glaubt.

Der Sozialverband Deutschland warnt vor einer weiteren Spaltung des Gesundheitswesens. Wer Geld hat, behält sein Lächeln. Wer keins hat, verliert mehr als nur Zahnschmelz. Medizinische Versorgung wird zur Frage des Kontostands, ästhetische Gesundheit zum Statussymbol. Das perfekte Gebiss als neue Rolex.

Was diese Reformvorschläge besonders pikant macht, ist ihr Timing. Während Unternehmen Entlastungen fordern und erhalten sollen, wird Beschäftigten erklärt, sie müssten mehr Eigenverantwortung übernehmen. Eigenverantwortung ist dabei ein flexibler Begriff. Er bedeutet selten, dass man oben mehr Verantwortung trägt, sondern fast immer, dass unten mehr Risiko entsteht.

Die Debatte offenbart eine alte politische Wahrheit: Sparen ist immer eine Frage des Blickwinkels. Von oben betrachtet wirkt der Sozialstaat ausladend. Von unten betrachtet wirkt er oft gerade ausreichend. Wer ihn kürzt, nennt das Effizienz. Wer darunter leidet, nennt es Verlust.

Am Ende bleibt ein merkwürdiges Bild. Ein Land, das stolz auf seine Leistungsgesellschaft ist, überlegt ernsthaft, ob funktionierende Zähne wirklich zur Grundausstattung gehören sollten. Ein System, das Jahrzehnte lang auf Solidarität gebaut hat, entdeckt plötzlich die Vorteile individueller Schmerzen.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Reformoffensive: Wer in Zukunft dazugehören will, sollte lächeln. Aber bitte auf eigene Rechnung.