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Politik

Empörung auf Autopilot: Wie man mit genug Adjektiven jede Frage erledigt

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Empörung auf Autopilot: Wie man mit genug Adjektiven jede Frage erledigt

Alles deutet darauf hin, dass wir Zeugen einer neuen Disziplin der internationalen Politik geworden sind: dem präventiven Zurückweisen von Dingen, die man gerade erst selbst erfunden hat. Kaum stand ein vager Verdacht im Raum, irgendwo zwischen Aktenordnern, Andeutungen und globaler Ratlosigkeit könne es eine unschöne Verbindung geben, wurde bereits mit maximaler rhetorischer Artillerie reagiert. Nicht etwa mit nüchternen Argumenten, Fakten oder gar Belegen – sondern mit einem moralischen Flächenbrand, der so heiß brannte, dass selbst die Realität vorsorglich in Deckung ging.

Im Zentrum dieser Darbietung steht ein Mann aus dem innersten Machtzirkel Moskaus, der entschlossen klarstellt: Alles gelogen. Komplett. Total. Und zwar von „verzweifelten linken Eliten“, die offenbar ihre Freizeit damit verbringen, den Planeten in Schutt und Asche zu twittern. Wer genau diese Eliten sind, wo sie sich treffen und warum sie immer Zeit für solche Kampagnen haben, bleibt offen. Aber eines ist sicher: Sie sind verkommen, panisch und vermutlich ständig online.

Die Welt, so wird uns versichert, habe von diesen Eliten endgültig genug. Sie durchschaut alles. Wirklich alles. Und falls nicht, wird ihr eben noch einmal erklärt, dass sie es eigentlich schon längst tut. Das ist politische Kommunikation auf höchstem Niveau: Erst wird behauptet, alle seien manipuliert, dann, dass niemand mehr manipulierbar ist – außer natürlich die anderen.

Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der sich aus einer Zurückweisung ein alternatives Erklärungsuniversum entfaltet. Kaum ist der Verdacht abgewehrt, fliegen neue Vermutungen durch den Raum wie Konfetti auf einer besonders ambitionierten Silvesterparty. Plötzlich stehen Institutionen, Preise, historische Umbrüche und geopolitische Ereignisse im Verdacht, Teil eines riesigen, nebulösen Netzwerks zu sein. Ein Netzwerk, das offenbar gleichzeitig allmächtig und doch erstaunlich schlecht darin ist, seine Spuren zu verwischen.

Der Clou dabei: Während jede Verbindung nach Russland kategorisch ausgeschlossen wird, werden andere Zusammenhänge mit einer Kreativität präsentiert, die sonst nur Verschwörungsforen und Drehbuchautoren mit Deadline kennen. Da wird Geschichte rückwärts neu sortiert, politische Ereignisse werden zu Fußnoten einer geheimen Masterstory, und komplexe Zusammenhänge schrumpfen auf die Größe eines Schlagworts zusammen. Wer da noch fragt, ob das nicht ein bisschen viel auf einmal ist, hat offensichtlich das Prinzip nicht verstanden.

Besonders elegant wirkt die Technik der moralischen Spiegelung. Wer eine Frage stellt, wird selbst zum Teil des Problems erklärt. Zweifel sind kein Werkzeug der Erkenntnis mehr, sondern ein Symptom moralischer Verkommenheit. Fakten werden nicht widerlegt, sondern diskreditiert, indem man ihnen eine angeblich bösartige Herkunft zuschreibt. Das ist ungefähr so, als würde man einen Feueralarm nicht ausschalten, sondern dem Rauch vorwerfen, links zu sein.

Dass der Name Epstein dabei wie ein politischer Joker eingesetzt wird, überrascht kaum. Er funktioniert hervorragend als universeller Verstärker: Man muss nichts beweisen, man muss nur andeuten. Wer in die Nähe dieses Namens gerückt wird, steht automatisch unter Verdacht, während derjenige, der den Namen ins Spiel bringt, sich selbst als mutiger Aufklärer inszenieren kann. Das ist weniger Analyse als dramaturgisches Handwerk.

Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass hier jemand sehr bemüht ist, die Deutungshoheit nicht nur zu behalten, sondern prophylaktisch auszubauen. Wenn schon Kritik, dann bitte so überzeichnet, dass sie niemand mehr ernsthaft einordnen kann. Wenn schon Verteidigung, dann bitte mit maximaler Empörung, damit gar nicht erst der Eindruck entsteht, man müsse sich sachlich erklären.

Besonders faszinierend ist dabei der moralische Überschwang. Es reicht nicht zu sagen, dass etwas falsch ist. Nein, es muss „satanistisch“, „verlogen“ und „verkommen“ sein. Das Vokabular wirkt wie aus einem apokalyptischen Baukasten: einmal Endzeit, zweimal Elite, dazu eine Prise Weltverschwörung. Fertig ist das Statement. Inhalt optional.

Währenddessen schaut der Rest der Welt zu und versucht zu verstehen, was hier eigentlich verteidigt wird. Geht es um Reputation? Um Macht? Um Kontrolle über das Narrativ? Oder einfach darum, schneller zu sein als die nächste Schlagzeile? Vielleicht ist es eine Mischung aus allem – verpackt in eine Wortwolke, die so dicht ist, dass selbst die eigene Aussage darin verschwinden kann.

Am Ende bleibt ein politisches Schauspiel, das weniger an Aufklärung erinnert als an Improvisationstheater mit sehr festen Rollen. Die Guten sind klar definiert, die Bösen auch, und wer nicht weiß, auf welcher Seite er steht, wird kurzerhand zugeordnet. Die Wahrheit spielt dabei eine Nebenrolle. Sie darf existieren, solange sie niemanden stört.

Und so erleben wir eine Debatte, in der jede Nachfrage als Angriff gilt, jede Vermutung als Beweis für fremde Interessen und jede Zurückweisung als Triumph der eigenen moralischen Überlegenheit. Ein System, das erstaunlich stabil wirkt – zumindest so lange, bis jemand fragt, warum eigentlich so viel Energie darauf verwendet wird, Dinge zu bestreiten, die angeblich völlig absurd sind.