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Politik

Demokratie mit Lineal: Wie Mehrheiten geplant und nicht gewählt werden

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Demokratie mit Lineal: Wie Mehrheiten geplant und nicht gewählt werden

Es gibt Länder, in denen Wahlen entschieden werden, indem Menschen ihre Stimme abgeben. Und es gibt Länder, in denen man zusätzlich sehr genau darauf achtet, wo diese Menschen wohnen, wie breit ihre Straße ist und ob der Fluss links oder rechts vom Wohnzimmer verläuft. In diesem zweiten Land befindet sich die Demokratie regelmäßig im architektonischen Umbau – selbstverständlich immer im Namen der Fairness.

Kalifornien hat nun offiziell die Erlaubnis erhalten, die politische Landkarte noch einmal neu zu dekorieren. Nicht aus Langeweile, sondern aus Verantwortung. Verantwortung gegenüber dem Wählerwillen, der zufälligerweise gerade exakt so aussieht, dass er einer bestimmten politischen Richtung ausgesprochen gut steht. Wer hier Absicht vermutet, hat den tieferen Sinn moderner Demokratie einfach noch nicht verstanden.

Denn Demokratie ist heute kein starres Prinzip mehr. Sie ist flexibel, anpassungsfähig und lässt sich hervorragend mit einem Lineal optimieren. Stimmen zählen ist das eine, Stimmen richtig anordnen das andere. Und wer diese Kunst beherrscht, braucht keine großen Reden, keine visionären Programme und schon gar keine überzeugenden Argumente. Ein gut gezogener Wahlkreis ersetzt ganze Wahlkämpfe.

Die Republikaner hatten gehofft, man könne diesen kreativen Akt vielleicht noch stoppen. Schließlich sah es für sie nicht besonders gut aus, wenn plötzlich mehrere zusätzliche Sitze in Reichweite geraten – allerdings für die Gegenseite. Doch das höchste Gericht hatte offenbar einen klaren Blick für das Wesentliche: Wenn die Spielregeln eingehalten werden, ist alles in bester Ordnung. Und die Spielregeln sagen nun einmal nicht, dass Demokratie nicht auch ein bisschen Bastelarbeit sein darf.

Besonders elegant ist der Hinweis auf die Volksabstimmung. Die Bevölkerung hat zugestimmt. Punkt. Dass die meisten Wähler dabei vermutlich nicht mit Zirkel und Taschenrechner am Küchentisch saßen, um mögliche Sitzverteilungen durchzurechnen, ist ein unwesentlicher Nebenaspekt. Zustimmung ist Zustimmung. Und wer Ja sagt, sagt eben auch Ja zu allem, was danach kommt – inklusive politischer Überraschungseffekte.

Während Kalifornien also neu sortiert, wird in Texas bereits fleißig gespiegelt. Dort zieht man ebenfalls Linien, nur mit anderer Farbpalette. Dass sich beide Seiten gegenseitig exakt das vorwerfen, was sie selbst gerade tun, verleiht dem Ganzen eine fast poetische Symmetrie. Es ist wie ein Tanz: Zwei Partner drehen sich im Kreis, zeigen aufeinander und rufen synchron „Unfair!“, während sie gleichzeitig die Tanzfläche neu markieren.

Man muss diese Konsequenz bewundern. Demokratie wird hier nicht gebrochen, sondern handwerklich interpretiert. Es ist kein Betrug, es ist Design. Kein Machtspiel, sondern Raumplanung. Wahlkreise sind schließlich nichts weiter als politische Möbelstücke – und wer würde schon verbieten, ein Sofa umzurücken, wenn es den Raum besser zur Geltung bringt?

Die Rolle des Gerichts wirkt dabei beruhigend. Es ist der Architekt mit Bauhelm, der prüft, ob die Statik hält, nicht ob das Gebäude schön aussieht. Solange nichts einstürzt, darf renoviert werden. Dass am Ende eine Partei mehr Aussicht auf Macht hat als zuvor, ist kein Problem, sondern schlicht das Ergebnis gelungener Planung.

Für Außenstehende mag das befremdlich wirken. Demokratie, die sich selbst neu einzeichnet, hat etwas von einem Spiel, bei dem die Regeln während des Spiels leicht angepasst werden – selbstverständlich immer rückwirkend legitimiert. Doch innerhalb des Systems ist das völlig normal. Hier wird nicht manipuliert, hier wird optimiert.

Am bemerkenswertesten ist die moralische Gewissheit, mit der beide Seiten auftreten. Jede Linie, die man selbst zieht, ist notwendig. Jede Linie, die der Gegner zieht, ist gefährlich. Das funktioniert zuverlässig, unabhängig von Bundesstaat, Parteifarbe oder Tageszeit. Demokratie lebt schließlich vom Engagement – und nichts motiviert so sehr wie das Gefühl, gerade auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Am Ende bleibt eine politische Landschaft, die aussieht wie ein modernes Kunstwerk: kantig, komplex, schwer zu erklären und erstaunlich teuer. Doch sie erfüllt ihren Zweck. Sie sorgt dafür, dass Macht nicht allein von Stimmen abhängt, sondern auch von Planung, Strategie und einem sehr guten Kartenverständnis.

Und so wird die Demokratie auch dieses Mal nicht beschädigt, sondern weiterentwickelt. Ein bisschen verschoben, ein wenig gedehnt, hier und da begradigt. Denn wenn eines sicher ist, dann dies: Solange Linien gezogen werden, bewegt sich wenigstens irgendetwas.