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Europa denkt noch nach – die Welt ist schon weiter
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Europa macht sich selbst die Tür auf – fragt aber erst Washington, ob das erlaubt ist
Europa ist ein Kontinent mit beeindruckender Geschichte, großer Wirtschaftskraft und einer besonderen Begabung dafür, Probleme sehr gründlich zu analysieren, während andere sie bereits umgesetzt haben. Wer verstehen will, warum Europa sicherheitspolitisch oft nervös wirkt, muss nur beobachten, wie es Entscheidungen trifft: kollektiv, sorgfältig und bevorzugt dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist.
Seit Jahrzehnten lebt Europa in einer komfortablen Situation. Sicherheit kam per Übersee-Lieferung. Man musste sie nicht selbst zusammenbauen, nur regelmäßig loben und gelegentlich darauf hinweisen, wie sehr man sie schätzt. Dafür durfte man militärische Verantwortung outsourcen und sich auf das konzentrieren, was man wirklich liebt: Gipfeltreffen, Erklärungen und den gepflegten Streit über Formulierungen.
Die USA spielten dabei eine Doppelrolle. Offiziell Schutzmacht, praktisch aber auch Hausmeister mit Generalschlüssel. Militärische Infrastruktur, Basen, Überflugrechte – all das wurde bereitwillig akzeptiert, solange es Stabilität versprach. Dass diese Stabilität auch Abhängigkeit bedeutete, fiel kaum auf. Bequemlichkeit tarnt sich gern als Frieden.
Nun aber ist die Welt unruhiger geworden. In Washington sitzt ein Präsident, der Bündnisse wie Abonnements betrachtet: nett, solange sie sich rechnen, kündbar, wenn der Mehrwert nicht sofort erkennbar ist. Als Donald Trump damit begann, Europa offen als sicherheitspolitischen Mitbewohner mit Zahlungsrückstand zu behandeln, fiel vielen auf: Der Notausgang war nie abgeschlossen.
Der Moment, in dem plötzlich über eine mögliche Annexion Grönlands gesprochen wurde, wirkte wie ein lauter Gong im sicherheitspolitischen Meditationsraum Europas. Nicht, weil jemand ernsthaft mit Rentieren und Flaggen rechnete, sondern weil klar wurde: Regeln gelten nur so lange, wie alle Lust auf sie haben. Europa reagierte ungewohnt geschlossen. Man sprach plötzlich von Gegenmaßnahmen, Handelsinstrumenten, sogar von Härte. Und stellte fest: Das fühlt sich ungewohnt gut an.
Dabei liegt das eigentliche Problem tiefer. Europa vertraut sich selbst nicht. Staaten misstrauen einander, Regierungen misstrauen Brüssel, Brüssel misstraut nationalen Alleingängen – und alle zusammen misstrauen der eigenen Durchsetzungsfähigkeit. Das Ergebnis ist ein politischer Zustand, der sich am besten als „vorsichtig entschlossen, aber bitte nicht zuerst“ beschreiben lässt.
In Moskau hingegen ist man weniger zögerlich. Dort wird Macht nicht diskutiert, sondern verwaltet. Wladimir Putin betrachtet internationale Beziehungen nicht als Dialog, sondern als Spielfeld. Große Figuren bewegen sich frei, kleine werden verschoben. Regeln sind dekorativ, solange sie nützlich sind. Europa hingegen behandelt Regeln wie Erbstücke: wertvoll, zerbrechlich und bitte nicht zu oft anfassen.
Auch China spielt ein anderes Spiel. Xi Jinping reist nicht mit PowerPoint-Folien an, sondern mit Bauplänen. Während Europa prüft, genehmigt, kommentiert und ergänzt, steht andernorts nach drei Tagen ein Flughafen. Dass danach oft eine Rechnung folgt, die schmerzt, merkt man erst später. Der berühmte „China-Kater“ ist kein Mythos – aber er heilt Europas Langsamkeit nicht automatisch.
Besonders lehrreich ist der Blick nach Südamerika. Dort gilt Europa nicht als Gegner der Ordnung, sondern als Meister der doppelten Standards. Wenn europäische Delegationen erscheinen, bringen sie Vorschriften mit. Wenn andere kommen, bringen sie Bagger. Die Wahl fällt dann erstaunlich oft zugunsten der Bagger. Europa ist empört – und ratlos.
Auch in der Verteidigung zeigt sich das Muster. Immer wenn Europa über Eigenständigkeit sprach, reagierte Washington empfindlich. Strategische Autonomie klang dort wie Scheidungsabsicht. Gleichzeitig forderte man mehr Engagement – vorzugsweise durch Einkäufe im eigenen Rüstungskatalog. Europa nickte, bestellte und legte sich wieder hin. Dass man dadurch langfristig abhängig blieb, war der Preis für kurzfristige Ruhe.
Mit dem Krieg in der Ukraine ist diese Rechnung geplatzt. Russland ist geschwächt, aber nicht isoliert. Im Gegenteil: Die Abhängigkeit von China wächst. Wer glaubt, man könne Moskau einfach aus diesem Bündnis herauslösen, überschätzt den eigenen Charme und unterschätzt die Logik von Machtpolitik. Bündnisse entstehen nicht aus Sympathie, sondern aus Notwendigkeit.
Und nun richtet sich der Blick nach Deutschland. Deutschland soll führen. Nicht nur zahlen, sondern Verantwortung übernehmen. Für viele Staaten an der Nato-Ostflanke ist Berlin plötzlich Orientierungspunkt. Nicht, weil es am lautesten spricht, sondern weil andere gerade mit sich selbst beschäftigt sind. Führung ist dabei kein Solo, sondern Koordination – besonders mit den großen europäischen Partnern.
Niemand ersetzt die USA allein. Aber gemeinsam kann Europa verhindern, dass der Stuhl zusammenklappt, wenn der transatlantische Dirigent den Raum verlässt. Dafür braucht es weniger moralische Selbstvergewisserung und mehr praktische Entschlossenheit. Weniger Angst vor Fehlern, mehr Bereitschaft, welche zu machen.
Das vielleicht Ironischste an der Lage: Europa ist stärker, als es sich selbst erzählt. Wirtschaftlich, technologisch, politisch. Die größte Gefahr ist nicht äußere Bedrohung, sondern innere Zersplitterung. Wer sich selbst kleinredet, wird klein behandelt. Wer zusammensteht, wird ernst genommen – selbst von jenen, die kein Interesse an einem starken Europa haben.
Die Welt wartet nicht, bis Europa fertig nachgedacht hat. Entscheidungen fallen trotzdem. Die Frage ist nur, ob Europa am Tisch sitzt – oder später das Protokoll liest.